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Vier Erwachsene und ein Kleinkind stehen in einem Garten. © Akbaba

Aus Paten wurden Freunde: Das Ehepaar Christina Müller-Matysiak (2. von links) und Peter Armbrust (rechts) hat Qodsiah Rahmani (links) und Basir Abdollahy bei ihrem Start in Wennigsen begleitet. Der kleine Thomas (10 Monate) ist bereits in Deutschland geboren.

Flüchtlinge in der Region

Baby nach Thomas Müller benannt

Eine fünfköpfige Familie aus Afghanistan schlägt Wurzeln in Wennigsen.

Im Vorgarten des kleinen Reihenhauses in Wennigsen haben Qodsiah Rahmani und Basir Abdollahy Gemüse, Salat und Kräuter angepflanzt. Im Schuppen stehen Kinderfahrzeuge, zwischen Bäumen baumelt eine Schaukel. Dass das Flüchtlingsehepaar aus Afghanistan in der Region Hannover angekommen ist, zeigt nicht zuletzt der Name ihres im Oktober in Wennigsen geborenen dritten Sohnes: Thomas. "Wir haben die Fußball-WM geschaut und meine Männer haben gesagt, wenn Deutschland gewinnt, wird es ein Thomas – nach dem Müller", sagt Qodsiah Rahmani.

80.000 Dollar für Flucht

Sofagarnitur, Esstisch, Bilder und Accessoires in ihrem Häuschen hat die fünfköpfge Familie zahlreichen freundlichen Nachbarn, Spenderinnen und Spendern zu verdanken. "Das ist schon die dritte Garnitur Möbel, wir verbessern uns", sagt die 30-Jährige und lächelt. So komfortabel hatte sie es lange Zeit nicht. Im Jahr 2012 ist das Ehepaar mit ihren damals noch zwei Söhnen Hamidreza und Amir aus Herad geflohen, rund 80.000 Dollar haben sie für Bus und Bahn und für den Schlepper gezahlt. Basir Abdollahy ist kein Moslem und wurde deshalb von den Taliban verfolgt. Seine Frau hatte einen Friseur- und Kosmetiksalon, der von den Taliban überfallen und zerstört wurde; der älteste Sohn musste mitansehen, wie seine Mutter geschlagen wurde. Die Familie von Rahmani wollte, dass sie sich scheiden lässt – für die inzwischen dreifache Mutter keine Option. "Also haben wir beschlossen zu fliehen", sagt Rahmani, die schon sehr gut Deutsch spricht.

Der erste Fluchtversuch scheiterte: "Da haben sie uns aus dem Iran zurückgeschickt", sagt Abdollahy, der Fliesenleger gelernt hat und jetzt für ein italienisches Restaurant Pizza ausfährt. Der zweite Anlauf gelang: "Mit dem Bus zur türkischen Grenze, nach einem 10-Stunden-Fußmarsch über die Berge, schließlich in einem Schiffsbauch nach Italien", erzählt der 35-Jährige. "Wir hatten einen kleinen Rucksack, eine Flasche Wasser und eine Packung Kekse für die Flucht", sagt Rahmani. Sie hat heute noch Alpträume, wenn sie an die Wochen zurückdenkt. Über Italien gelangten sie nach Deutschland, erst nach Friedland, dann in die Gemeinde Wennigsen.

Ehepaar unterstützt

"Wir haben die Familie gewissermaßen als Weihnachtsgeschenk bekommen", sagt Christina Müller-Matysiak. Weihnachten 2012 trafen sie und ihr Mann Peter Armbrust, die Integrationslotsen der Familie, die Flüchtlinge zum ersten Mal. "Ohne Tina und Peter wären wir hier verloren gewesen", betont Rahmani. "Alles habe ich von den beiden gelernt." Das Rechtsanwalts-Ehepaar hat die Familie bei Behördengängen unterstützt, die Post im Blick behalten, als Ansprechpartner in allen Lebenslagen fungiert und ihnen auch das kleine Reihenhaus besorgt. Sämtliche Nachbarinnen und Nachbarn seien "ganz zauberhaft" im Umgang mit der Flüchtlingsfamilie, deren Antrag auf Asyl vor eineinhalb Jahren stattgegeben wurde.

Viele neue Freunde

Amir und Hamidreza kicken im Garten. "Meine Schule ist gleich nebenan", sagt der 9-jährige Hamidreza in perfektem Deutsch: "Ich habe da viele Freunde." "Wir möchten hier sehr gerne bleiben", sagt Rahmani, die ehrenamtlich im Sozialkaufhaus hilft und gern eine Ausbildung zur Friseurin machen möchte. Heimweh hat sie vor allem nach ihrer Mutter, der Kontakt wird über Facebook aufrechterhalten. Für das Familienfoto, das Rahmani nach Hause schickt, hat sie extra ein Kopftuch umgebunden.