Zuletzt aktualisiert:

In der Mitte ein Mann im Anzug, links und rechts stehen Männer und Frauen im T-Shirt, auf dem T-Shirt steht jeweils Vorname und Herkunftsland des Trägers oder der Trägerin. © Akbaba

Setzt mit der Musik seine Idee von Völkerverständigung um: Mohsen Rashidkhan hilft bei der Integration von Flüchtlingen – über die Musik hinaus.

Flüchtlinge in der Region

Mit Beethoven auf der Bühne

Mohsen Rashidkhan leitet den Flüchtlingschor Hannover.

Benefzkonzert für Flüchtlinge im ausverkauften Lister Turm. Publikum und Mitwirkende singen gemeinsam Beethovens Neunte. Doch die jungen Männer, die Konzertorganisator Mohsen Rashidkhan mit schwungvollen Gesten selbst auf die Bühne geholt hat, singen ohne Text. Ihr kräftiges "Lalalala" mischt sich mit den Zeilen "Alle Menschen werden Brüder". Denn die meisten Sänger in Hannovers neuem Flüchtlingschor sprechen kaum Deutsch. Sie kommen aus Syrien, dem Sudan, dem Irak, darunter Moslems und Christen – an diesem Abend verbindet sie die Kraft der Musik.

Hartnäckig und energisch

Das ist es, was Mohsen Rashidkhan sich für sein jüngst gegründetes Chorprojekt wünscht. Es gehe darum, eine Gemeinschaft zu bilden, sich gegenseitig zu akzeptieren und miteinander Frieden zu schließen – jenseits von Religions- und Landeszugehörigkeit. "Und die Flüchtlinge kommen so auch in Kontakt mit Deutschen." Bei einem Auftritt in einem Kulturtreff hätten seine Schützlinge lebhafte Gespräche mit deutschen Zuschauerinnen und Zuschauern geführt. "Wenn das nicht Integration ist", sagt der energische Chorleiter und seine dunkelbraunen Augen leuchten.

Mit Hartnäckigkeit und Improvisationstalent setzt der 1976 in Teheran geborene Bariton seine Idee von Völkerverständigung um. "Ich bin selbst in Flüchtlingsunterkünfte gegangen, habe an Türen geklopft und mit den jungen Menschen gesprochen", schildert der lebhafte Sänger, der mit seiner Frau und seinen zwei kleinen Kindern in Hannover lebt. Mal probt er mit 20, mal mit nur zwei Flüchtlingen. "Aber ich habe nicht aufgegeben", sagt Rashidkhan, der sich mit den Chormitgliedern auf Persisch, Französisch, Arabisch, Deutsch und oftmals auch nur gestikulierend verständigt. Er bringt ihnen bei, wie man beim Singen eine selbstbewusste Haltung einnimmt oder sich in Deutschland die Hände schüttelt und gibt ihnen ein wenig Selbstvertrauen. "Sie wollen raus und Menschen kennenlernen, ein wenig Freude haben oder einfach nur singen."

Mit 24 nach Deutschland

Rashidkhan weiß, wie es sich anfühlt, in einem fremden Land anzukommen. Aufgewachsen als eines von neun Geschwistern in einem autokratischen Staat während des Iran-Irak-Krieges, fehlte es dem Heranwachsenden an Freiheit, sich selbst zu entfalten. Er erinnert sich an schreckliche Nächte im Schutzkeller, als der Irak am Ende des Krieges die iranische Hauptstadt bombardierte, an Gewalt auf der Straße und in der Schule. In Büchern habe er damals von Beethoven gelesen und wollte herausfnden, warum dieser Komponist so sehr zu begeistern vermochte. So entdeckte er die Musik für sich und ging mit 24 Jahren zum Gesangsstudium nach Deutschland.

Heute ist er festes Chormitglied an der Niedersächsischen Staatsoper und will die kulturelle Verständigung zwischen seiner alten und neuen Heimat verbessern. Immer wieder kehrt er deshalb zurück nach Teheran, um dort Konzerte zu geben.

Chor trifft sich jeden Dienstag

Im Mai gründete Mohsen Rashidkhan gemeinsam mit Engagierten des "Unterstützerkreises Flüchtlingsunterkünfte Hannover e. V." und des Deutschen Roten Kreuzes den Flüchtlingschor Hannover. Wer Lust hat mitzusingen, ist herzlich willkommen. Die Gruppe probt jeden Dienstag, 18 Uhr, in der Flüchtlingsunterkunft im ehemaligen Oststadtkrankenhaus in Groß-Buchholz. Zu finden bei Facebook unter "Flüchtlingschor Hannover".