Das offizielle Portal der Region und der Landeshauptstadt Hannover

Von oben ist der Hdlersaal zu erkennen, in dem links im Bild der Oberbürgermeister vor einem Rednerpult steht. Die anderen Anwesenden sitzen kreisförmig in mehreren Reihen im Saal an Pulten oder in einfachen Tischreihen. © LHH

Blick auf die Konferenz im Hodlersaal.

gemeinsam mit MiSO

Migrationskonferenz in Hannover

Ein voller Erfolg: Große Konferenz mit über 150 Akteur/innen aus Stadtgesellschaft, Politik und Verwaltung.

Die Landeshauptstadt Hannover (LHH) und das MiSO-Netzwerk luden am 27. August 2016 die Stadtgesellschaft und alle Migrantenorganisationen ein zu einer groß angelegten Migrationskonferenz. Diese fand absichtsvoll parallel zum Fest der Kulturen statt, das am selben Wochenende auf dem Trammplatz gefeiert wurde.

Oberbürgermeister Stefan Schostok begrüßte die Anwesenden im Hodlersaal und zeigte sich erfreut über die hohe Beteiligung – es musste sogar die Tribüne im oberen Stockwerk geöffnet werden, um alle Teilnehmenden unterzubringen. Über Jahrzehnte habe die Landeshauptstadt Hannover große Fortschritte in Sachen Integration erzielt. Dies wäre nicht ohne den Beitrag von Migrantenorganisationen möglich gewesen. In Hannover habe man mit dem Lokalen Integrationsplan ein klares Bekenntnis zur Einwanderungsstadt abgegeben und könne heute zufrieden zurückblicken auf die Umsetzungsschritte – hier habe sich die Zusammenarbeit der Verwaltung mit der Stadtgesellschaft bewährt und gefestigt. Nach seiner Rede stellte er sich in einer offenen Diskussion zusammen mit Sozial- und Sportdezernentin Konstanze Beckedorf den Fragen der Anwesenden. Panagiota Fyssa (MiSO-Vorstand) führte durch das Programm und moderierte die Diskussionen.

Dr. Peyman Javaher-Haghighi (kargah e.V.) beschrieb die „Anzeige der Schande“ – eine digitale Anzeigetafel, die die ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer zählt – und forderte eine ähnliche Solidaritätsbekundung in Hannover. Schostok gab Beispiele für Mahnmale in der Stadt und zeigte sich offen für die Idee. Doch auch weil die Opferzahlen zurückgingen, solle man gemeinsam nachdenken über ein eine eigene Form des Mahnens, aus der hervorginge, dass Hannover die Ertrunkenen nicht vergessen habe. Eine weitere Anwesende forderte mehr Transparenz in den Verwaltungsstrukturen. Ihren Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe sei vielfach nicht klar, wer wofür zuständig sei. Sozial- und Sportdezernentin Beckedorf erklärte dazu, dass das Thema Flüchtlinge sehr viele Teile der Verwaltung betreffe. Auch deswegen kam es 2015 zu einer Umstrukturierung innerhalb der Verwaltung. Weil das Problem der Kommunikation zwischen Stadtgesellschaft und Verwaltung in diesem Bereich bekannt war, kamen das Sachgebiet Integrationsmanagement und eine Koordinierungsstelle als Bindeglied zwischen der Verwaltung und den Ehrenamtlichen hinzu. Viele Teilnehmer/innen machten deutlich, dass sie in ihren Organisationen am Rande ihrer Kapazitäten arbeiten und forderten mehr Unterstützung durch Politik und Verwaltung. Nach dem regen Austausch folgte eine musikalische Einlage, bevor es mit dem Vortrag „Integration in der postmigrantischen Gesellschaft“ von Prof. Dr. Naika Foroutan (Humboldt Universität Berlin) weiterging.

Mitschnitt des gesamten Vortrages, den wir mit der freundlichen Genehmigung von Frau Fouroutan hier veröffentlichen durften.

Die Referentin rechnete den Anwesenden mit Zahlen des bundesweiten Mikrozensus vor, wie irrational die Überfremdungsängste der Rechtspopulist/innen seien. Ginge man großzügig davon aus, dass alle seit 2015 Eingewanderten Muslime wären und ihre Asylanträgen bewilligt würden, so erhöhte sich der Gesamtanteil von Muslimen in Deutschland von fünf auf sechs Prozent. Hier von einer „Islamisierung“ Deutschlands zu reden, sei völlig absurd. Auffallend sei, dass die Ängste und Vorurteile ausgerechnet in denjenigen Regionen überrepräsentiert seien, in denen kaum Menschen mit Migrationshintergrund lebten. Nach Jahrzehnten der Diskussionen über eine bessere Einbeziehung von Migrant/innen müsse nun auch darüber nachgedacht werden, wie man ganze Lanstriche mit sozial desintegrierten Milieus abholen könne, in denen die Pluralisierung einer postmigrantischen Gesellschaft noch kein Alltagsgeschäft sei.

Es sei alarmierend, dass heutzutage ernsthaft über eine Einschränkung von Grundrechten wie Religionsfreiheit für bestimmte Bevölkerungsgruppen diskutiert werde und man müsse sich fragen, ob tatsächlich Kopftücher ein Ausdruck der Erosion demokratischer Grundwerte seien, oder vielmehr Brandanschläge auf Flüchtlingswohnheime. Das eigentliche Problem sah die Referentin in Verteilungskonflikten, deren Folgen den Bestand der Mittelschicht bedrohten, im öffentlichen Diskurs jedoch auf das Thema Migration verlagert würden. Das vollständige Manuskript von Frau Fouroutan ist unter diesem Artikel verlinkt.

Nach dem Vortrag teilten sich die Anwesenden in sechs verschiedene Workshops im Neuen Rathaus auf und trafen sich anschließend wieder im Hodlersaal, um ihre Ergebnisse zu präsentieren. Scharf kritisiert wurde das Integrationsgesetz, das man nach Auffassung der Gruppe „Asylverschärfungsgesetz“ hätte nennen sollen. Eine andere Gruppe wies darauf hin, dass Migrantenorganisationen einen erheblichen Beitrag zur Integration, insbesondere zur Betreuung von Flüchtlingen leisten. Deren ehremamtliches Engagement werde vielfach nicht anerkannt und die kleineren Vereine hätten einen erschwerten Zugang zu Fördergeldern. Dem könne man durch eine bessere Vernetzung und durch gezielten Schulungen für Migrantenorganisationen entgegenwirken.

Zum Schluss dankte Dr. Günter Max Behrendt (Leiter des Sachgebiets Integration) den Teilnehmer/innen für ihr Engagement und lud dazu ein, am Fest der Kulturen teilzunehmen. In den fast sechs Stunden wurden viele Missstände aufgezeigt, aber auch konstruktive Lösungsansätze wurden diskutiert.

Nachstehend finden Sie das Manuskript zum Vortrag „Integration in der postmigrantischen Gesellschaft“ zum Download, das Prof. Dr. Naika Foroutan freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat.