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Antirassismus

Rassismus im Alltag

Kurzvorträge und Workshops mit Fachleuten zum Thema Rassismus in Hannover

Volles Haus im Mosaiksaal © LHH

Volles Haus im Mosaiksaal

Die Landeshauptstadt Hannover als geschäftsführendes Mitglied des nunmehr 19-jährigen Runden Tisches für Gleichberechtigung und gegen Rassismus (RTGR) lud ein zur Informationsveranstaltung „Rassismus im Alltag“ am 20. August 2014. RTGR-Gründungsmitglied Ingrid Lange begrüßte die gut 80 Teilnehmer/innen, die im Neuen Rathaus Fachvorträge hörten und anschließend unter Moderation von Birgit Steckelberg (städtische Antidiskriminierungsstelle) in Workshops Ideen und Erfahrungen austauschten.

Doris Schröder-Köpf, die Landesbeauftragte für Integration zeigte sich in ihrem Grußwort erfreut über ein hannoversches Gerichtsurteil, in dem einem Mann mit Migrationshintergrund die bundesweit höchste Schadensersatzsumme zugesprochen wurde, weil ihm der Zugang zu einer Diskothek aufgrund ethnischer Zuschreibungen verweigert wurde (Aktenzeichen: 462 C 10744/12). Diese diskriminierende Einlasspraxis wie auch weitgehend tolerierter Rassismus unter Fußballfans führe vor Augen, dass es noch viel zu tun gebe.

Auch Bürgermeister Bernd Strauch betonte in seinem Grußwort die Notwendigkeit des RTGR und blickte optimistisch auf die Arbeit seiner Mitglieder, die im Laufe der Zeit eine wertvolle Expertise mit (Anti-)Rassismus in Hannover gesammelt haben. Als ehemaliger Lehrer sei er sich der Schwierigkeiten bewusst, vor die Pädagogen stehen, denn schon Kindesalter sei bemerkbar, dass manche abwertendes Verhalten gegenüber anderen Kinder gelernt haben und sogar normal finden.

„Niemand ist frei von Rassismus“

Weiter ging es mit den Kurzreferaten der Fachleute. Anette Kahane (Amadeu Antonio Stiftung) riet dazu, den Blick nicht nur auf die NPD zu richten, denn sie sah auch in der Mitte der Gesellschaft ausgeprägte rassistische Tendenzen. Oft werden Schulkinder aufgrund ihres Migrationshintergrundes schlechter benotet und vielfach werde abwertend über Arbeitslose und sozial Benachteiligte geredet – in beiden Fällen komme die Vorstellung der Ungleichwertigkeit menschlichen Lebens zum Tragen, wie es auch beim Rassismus der Fall ist. Unterschiede in Kultur und Aussehen dürften nicht mit normativen Auf- und Abwertungen verbunden werden, daher müsse man sich zunächst bewusst machen, wie Rassismus entsteht und dass niemand völlig frei davon sein könne. Nach einer kurzen Erläuterung der geschichtlichen und sozialpsychologischen Hintergründe bat Kahane die Zuhörer/innen abschließend, ihre Aufmerksamkeit auch gegenüber scheinbar „normalem“ Alltagsrassismus zu schärfen, über den im Anschluss Dr. Peyman Javaher-Haghighi (kargah e.V. und Leitungskreis Runder Tisch) referierte.

Wahlrecht für Migranten/innen

Dr. Haghighi begann mit einem Problemaufriss. Da Rassismus oftmals mit Rechtsextremismus gleichgesetzt werde, gerieten alltägliche und teils salonfähige rassistische Ausdrucks- und Handlungsweisen aus dem Fokus, deren Ursachen gesamtgesellschaftlicher Natur sind. Infolge dessen werden rassistisch motivierte Straftaten vielfach nicht einmal als solche registriert. Der ehemalige Uni-Dozent forderte mehr Engagement für Sensibilisierungsprogramme und riet dazu, unter Integration nicht nur Sprachförderung zu verstehen. Auch dass knapp 7 Millionen Menschen im Bundesgebiet mangels Staatsbürgerschaft vom Wahlrecht ausgeschlossen sind, bewertete der Referent als Bevormundung und erhebliches Demokratiedefizit.

„Rassismus ist ein gesellschaftliches Konstrukt“

Anschließend trug Sebastian Schmidt von der städtischen Stelle für Demokratiestärkung und gegen Rechtsextremismus Ansätze für Gegenstrategien vor. Der Politikwissenschaftler erklärte eingangs, dass Rassismus ein gesellschaftliches Konstrukt sei, auf dem Rechtsextremismus als politisches Konstrukt aufbaue. In diesem Zusammenhang bezog er kritisch Stellung zu wissenschaftlichen Erklärungsansätzen, in denen suggeriert wird, dass Rechtsextremismus ein elementarer Bestandteil westlicher Industriegesellschaften sei. Diese resignierende Sichtweise werte jegliche Gegenmaßnahmen zu aussichtslosen Unterfangen ab, doch eine Kapitulation gegenüber rechtsextremistischen Tendenzen und Strukturen kam nicht in Frage für den Referenten, der sich vier Jahre lang bei einer hessischen Ausstiegshilfe für Rechtsextremisten/innen engagierte. Er veranschauliche, dass wirksame Gegenstrategien für die hannoversche Stadtgesellschaft auf mehreren Säulen aufgebaut werden müssen, dazu gehören kommunale Anlauf- und Beratungsstellen, sowie Prävention, Netzwerk- und Öffentlichkeitsarbeit. Auch Jugendlichen, die schon früh in rechtsextreme Kreise indoktriniert wurden, müsse man – auch wenn sie Täter sind – Empathie entgegenbringen, und ihnen Unterstützung anbieten, wenn sie den schwierigen Ausstieg aus der Szene schaffen wollen. Zum Ende seines Beitrages zeigte sich Schmidt erfreut über die Erfolge von Projekten und Kampagnen wie „Pimp your Town“ und „Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage“, bei denen Jugendliche sich schon früh reflektierend mit Rassismus auseinandersetzen.

Rechtsextreme Organisationen in Niedersachsen

Zu den Akteuren in Schmidts Netzwerkarbeit gehört Gerd Bücker vom Landespräventionsrat Niedersachsen, der über den organisierten Rechtsextremismus in Niedersachsen referierte. Schwerpunkt seines Vortrages waren Strukturen und Mobilisierungspotenzial der Strippenzieher in der rechten Szene, über die er einen kurzen Überblick gab. Dabei konnte er deutlich machen, welche Rolle die örtlichen Konzentrationen in niedersächsischen Landkreisen für die politische Arbeit rechtsextremistischer Organisationen spielen und wie diese miteinander verstrickt sind. Bücker warnte auch vor dem Einfluss jener, die offen mit ihren bürgerlichen Namen auftreten und selbst an Universitäten rassistisches Gedankengut verbreiten.

Nach ihren Vorträgen leiteten die Referent/innen Workshops zu ihren jeweiligen Schwerpunkten. Dabei rotierten die Gruppen, so das alle die Gelegenheit hatten, sich mit jeder Referent/in auszutauschen. Die Teilnehmer/innen diskutierten eigene Erfahrungen mit Rassismus, analysierten unterschwellig-rechtspopulistische Mobilisierungsaufrufe gegen Flüchtlinge bei Facebook und stellten ihre Ergebnisse in kurzen Präsentationen vor.

Nach der Veranstaltung tauschten sich die engagierten Teilnehmer/innen noch eine Weile aus und nahmen neue Impulse für ihre Arbeit mit.