Das offizielle Portal der Region und der Landeshauptstadt Hannover

Auf dem Stadtfriedhof Stöcken

Leinentuchbestattung für Muslime in Hannover

Auf dem Stadtfriedhof in Stöcken ist es seit dem 1. Juli 2010 möglich, Bestattungen auch ohne Sarg vorzunehmen. Damit wird einem Anliegen verschiedener muslimischen Gemeinden Hannovers Rechnung getragen, einen wichtigen Teil der islamischen Bestattungstradition im Stadtgebiet umzusetzen.

Bilder von der Leichentuchbestattung © LHH

Testgrab mit der eigens für den Stöckener Friedhof gefertige Metall-Konstruktion.

Nach einem erfolgreichen Testlauf im Frühjahr 2010 ist es seit dem 1. Juli möglich, auf dem muslimischen Gräberfeld des Stadtfriedhofs Stöcken auch Bestattungen im Leinentuch vorzunehmen. Damit reagiert die Stadtverwaltung auf das in der Vergangenheit immer wieder geäußerte Anliegen verschiedener muslimischer Gemeinden, den Sargzwang bei der Erdbestattung in Hannover zu lockern, damit ein wichtiger Teil der islamischen Bestattungskultur, die Beisetzung nur im Leinentuch, auch in Hannover praktiziert werden kann.

Nach muslimischer Tradition sollen Verstorbene auf der Seite liegend gen Mekka gerichtet und nur in Leinentücher gewickelt mit direktem Erdkontakt am Boden bestattet werden. All dies kann nun auf dem Stadtfriedhof Stöcken, wo schon seit über 20 Jahren eine muslimische Abteilung existiert, erfüllt werden. Dies ist zugleich auch ein Stück der Umsetzung eines Handlungsansatzes des Lokalen Integrationsplans (siehe Handlungsfeld 4.3), der vorsieht, die verschiedenen Religionsgemeinschaften darin zu unterstützen, ihre Bestattungsrituale angemessen in Hannover ausüben zu können. Dieser Ansatz gilt nicht nur für Muslime, sondern auch für die Bestattungskulturen von Christen, Juden, Yeziden, Buddhisten und weiteren Religionen (mehr zu multikulturellen Bestattungsformen).

Bilder von der Leichentuchbestattung © LHH

Detailaufnahme des geräuscharmen Mechanismus zur Öffnung der Klappen.

Bereits Anfang 2010 war auf Antrag der Stadt Hannover für das muslimische Gräberfeld in Stöcken von der Unteren Gesundheitsbehörde eine Ausnahmegenehmigung zur Befreiung von der Sargpflicht erteilt worden. Eine solche Befreiung war 2006 mit dem Inkrafttreten des neuen Niedersächsischen Bestattungsgesetzes (§ 11) grundsätzlich möglich geworden. Da die nun erteilte Ausnahmegenehmigung für alle Bestattungen auf der gesonderten Fläche gilt, auf der ausschließlich Muslime begraben werden, muss jetzt nicht mehr für jeden einzelnen Todesfall die Befreiung von der Sargpflicht beantragt werden. Dies war aber nur eines der Hindernisse gewesen, die eine schnelle Umsetzung der Leinentuchbestattung in die Praxis verhindert hatten. Deshalb befand sich eine eigens gegründete Friedhofskommission der „Schura“ (Verband der Muslime in Niedersachsen) schon seit geraumer Zeit im Dialog mit der städtischen Friedhofsverwaltung. Gemeinsam bemühte man sich darum, eine wirkllich praxistaugliche und vor allem unfallsichere Form der Leinentuchbestattung zu realisieren.

Denn bei der in Deutschland vorgeschriebenen Grabtiefe von bis 2,40 m ist es durchaus riskant, so vorzugehen, wie es in muslimischen Ländern angesichts der dort üblichen geringen Grabtiefe normal ist: nämlich den Leichnam einfach vom Grabrand an mehrere im Grab stehende Personen herunter zu reichen. Deshalb bemühten sich die Verwaltung des Stöckener Friedhofs in Zusammenarbeit mit einem Metallbau-Betrieb, eine unfallsichere Lösung zu finden. Diese existiert nun mit einer eigens angefertigen Klappen-Konstruktion, die es ermöglicht, den Leichnam riskolos und würdevoll ins Grab hinab zu lassen. Da der Einsatz dieses Spezialmechanismus allerdings sowohl in der Grabvorbereitung als auch bei der Bestattung selbst einen Mehraufwand erfordert, wird für die Durchführung der Leinentuch-Bestattung eine zusätzliche Gebühr erhoben werden.

Der Klappenmechanismus verschließt das frisch ausgehobene Grab belastungssicher. Daher kann der Leichnam, nachdem er aus dem Transportsarg gehoben und zur Beisetzungsstelle getragen wurde, auf den Klappen direkt über dem Grab abgelegt werden. Er wird dabei auf mehrere Bahnen Leinentuch platziert, die jeweils an den Seiten sowie am Kopf- und Fußende von insgesamt sechs Personen gegriffen und angehoben werden können. Sobald das geschehen ist, werden über einen Hebelmechanismus (siehe Abbildung) die darunter liegenden Klappen lautlos durch einen Mitarbeiter des Friedhofs geöffnet, woraufhin der Körper langsam und gleichmäßig hinunter gelassen werden kann. Sobald dieser Vorgang abgeschlossen ist, können eine oder zwei Person(en) mittels einer Leiter in das Grab hinabsteigen und den Leichnam auf die Seite drehen, sodass das Gesicht gen Mekka gerichtet ist. Anschließend wird der Verstorbene mit mehreren verstärkten Holzplanken abgedeckt. Diese Planken sollen verhindern, dass die vielen Zentner Erde, die zur Verfüllung benutzt werden müssen, von oben direkt auf dem Leichnam lasten.

Nach einigen Probeläufen und Verbesserungen an der Klappenkonstruktion konnte schließlich bei einer Vorort-Begutachtung durch Mahmud Abu El-Foul, dem Sprecher der Friedhofskommission der Schura, und Imran Tatlıcı, einem islamischen Bestatter in Hannover und Mitglied der Friedhofskommission, auch von Seiten der muslimischen Verbände grünes Licht für die neu entwickelte Lösung gegeben werden. Sämtliche Bestatter im Raum Hannover werden alsbald ebenfalls über die Möglichkeit der sarglosen Bestattung in Kenntnis gesetzt, sodass die Leinentuch-Methode fortan als Alternative für muslimische Bestattungen zur Verfügung steht. Selbstverständlich sind auch weiterhin, wenn gewünscht, Bestattungen mit Sarg in dieser Abteilung möglich.