Das offizielle Portal der Region und der Landeshauptstadt Hannover

Positionspapier der Region Hannover zur Nutzung der Biomasse

2 Haufen organischen Materials (u.a. Holz) zur Produktion von Biogas

Bis zu 25% des gesamten Energieverbrauchs können nach heutigen Prognosen durch nachwachsende Rohstoffe ersetzt werden. Dies ist eine Perspektive, die sowohl aus dem Blickwinkel des Umweltschutzes als auch der regionalen Beschäftigungspolitik außerordentlich positiv zu bewerten ist.

Derzeitig stehen wir am Beginn einer hochdynamischen Entwicklung der Biomassenutzung. Diese wird aber nicht ohne Folgen auf die Struktur der Land- und Forstwirtschaft einerseits und den Zustand und das Bild von Natur und Landschaft andererseits bleiben. Außerdem liegen derzeit noch keine gesicherten Erkenntnisse über die jeweiligen Vorteile der zahlreichen Verfahren und Nutzungen vor, die technisch erprobt und wirtschaftlich einsetzbar sind.

Die Region Hannover unterstützt die Bestrebungen, die in der Region verfügbaren Biomassepotentiale möglichst umfassend energetisch zu nutzen. Gleichzeitig möchte sie - unabhängig von konkreten Planungs- und Genehmigungskompetenzen - an der Optimierung der energetischen Nutzung und der Gestaltung der Landschaft mitwirken. Sie lässt sich dabei von der Zielvorstellung einer nachhaltigen umwelt-, natur- und klimaverträglichen Energieversorgung leiten, die teilweise gegenläufige Anforderungen insbesondere aus Ökonomie und Ökologie zum Ausgleich bringt. In diesem Sinne stellt die Region Hannover folgende Position zur Diskussion:

  1. Die vorhandenen Ressourcen müssen unter Berücksichtigung aller Nachhaltigkeitsziele, insbesondere der des Klimaschutzes und der Energieeffizienz, bewirtschaftet werden.
    Eine zukunftsfähige Energiepolitik mit dem Ziel "Energie effizient nutzen – Klima wirksam schützen" ist ein Schwerpunkt der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung. In der Region Hannover soll dieses Ziel aufgegriffen und unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsziele der AGENDA 21 umgesetzt werden.
  2. Die erneuerbaren Energien aus nachwachsenden Rohstoffen müssen bei gleichzeitiger Ausschöpfung aller Möglichkeiten zur Energieeinsparung und Energieeffizienzsteigerung ausgebaut werden.
    Es reicht nicht, lediglich fossile Energieträger (Erdöl, Erdgas, Kohle) durch nachwachsende Rohstoffe zu ersetzen. Gleichzeitig müssen auch alle Optionen zur Energieeinsparung (z.B. verbesserte Wärmedämmung in Gebäuden) und zur Effizienzsteigerung (z.B. Verbrauchsoptimierung statt Leistungssteigerung bei Kfz-Motoren, keine Stand-by-Verluste bei Elektronikgeräten) genutzt werden. Nur dann kann der CO2-Ausstoß spürbar verringert und damit die Klimaveränderung durch zunehmende Erderwärmung abgemildert werden.
  3. Die Standorte von Biomasseanlagen an müssen durch vorsorgende Planung optimiert werden.
    Statt unkontrollierter Streuung von Biomasseanlagen im Außenbereich auf der Grundlage baurechtlicher Privilegierung sollen Angebote von planungsrechtlich abgesicherten Baurechten geschaffen werden. Dabei sind positive wie negative Wechselwirkungen mit anderen Raumnutzungen zu beachten. Bevorzugt sollen Standorte ausgewiesen werden, die sowohl aus der Perspektive des Umwelt- und Landschaftsschutzes als auch in betriebswirtschaftlicher Hinsicht vorteilhaft sind. Bei der Standortwahl ist immer darauf zu achten, dass alle bei der Biomassenutzung anfallende Energie (etwa "Abwärme" aus Biogasanlagen) vollständig genutzt werden kann. Hier sind vor allem die Kommunen, aber auch die Betriebe in ihrer Kooperationsbereitschaft angesprochen.
  4. Um eine hohe Flächenproduktivität zu erreichen, sollen auf geeigneten Anbauflächen standortgerechte, auf hohe Erträge gezüchtete Energiepflanzen angebaut und mit effizienten Technologien energetisch genutzt werden.
    Ein Anbau von Energiepflanzen ist nur auf Acker- oder Brachflächen sinnvoll, die nicht mehr für die Nahrungs- oder Futtermittelproduktion genutzt werden. Die Umwandlung von Grünland in Anbauflächen für Energiepflanzen, die Anlage von Monokulturen oder der Anbau genveränderter Pflanzen bergen die Gefahr, Natur und Landschaft nachteilig zu verändern. Eine hohe Flächenproduktivität ist durch geeignete Pflanzenwahl und – falls möglich – Zwei- oder Mehrkulturenanbau sicher zu stellen, um möglichst viel Nutzenergie zur Substitution CO2 emittierender Energieträger gewinnen zu können. Die Energie aus Biomasse ist so effizient wie möglich zu produzieren und vollständig zu nutzen (Produktion synthetischer Kraftstoffe, Biogas-Direkteinspeisung in bestehende Gasnetze, Stromproduktion in BHKWs nur bei gleichzeitiger Wärmenutzung).
  5. Die Kriterien der guten fachlichen Praxis in der Land- und Forstwirtschaft sind auch bei der Produktion nachwachsender Rohstoffe zu berücksichtigen. Ziel muss es sein, die Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes zu erhalten und dabei die Anforderungen des Boden- und Wasserschutzes, des Schutzes der biologischen Vielfalt von Flora und Fauna sowie des Erholungswertes der Landschaft zu beachten.
    Ein großflächiger, industrialisierter Anbau von Energiepflanzen, monostrukturierte landwirtschaftliche Betriebe mit ausschließlichem Energiepflanzenanbau und Übernutzungen des Waldes ("Raubbau") sind wegen der sozialen, ökonomischen und ökologischen Auswirkungen mit dem Nachhaltigkeitsprinzip der AGENDA 21 nicht vereinbar. Auf geschlossene Nährstoffkreisläufe mit weitgehendem Verzicht auf den Einsatz von Insektiziden, Fungiziden und Herbiziden ist zu achten. Anders als bei der Nahrungs- und Futtermittelproduktion stören Wildpflanzen die Verwendung von Energiepflanzen nicht und können deshalb durch die Produzenten grundsätzlich toleriert werden - hierin kann ein deutlicher Mehrwert auch für den Naturschutz liegen. Eine vermehrte Grundwasserentnahme durch zusätzliche Beregnung muss vermieden werden. Schließlich ist auch auf den Erhalt der nachhaltigen Bodenfruchtbarkeit zu achten, um im Bedarfsfall wieder Nahrungs- und Futtermittel anbauen zu können.
  6. Es sollen bislang ungenutzte Biomassepotentiale erschlossen werden.
    Vorrang vor einer Umnutzung vorhandener Kulturböden zur Energiepflanzenproduktion muss die möglichst umfassende Nutzung aller vorhandenen und bisher ungenutzten oder suboptimal genutzten Biomassepotentiale haben. Dies betrifft die energetische Nutzung von Schwach- und Restholz aus Wäldern und von Holz aus Nieder- und Mittelwaldnutzungen (z.B. unterhalb von Freileitungen) gleichermaßen wie die energetische Nutzung von Grünschnitt, Landschaftspflegeabfällen und Bioabfällen aus der regionalen Abfallwirtschaft und die energetische Nutzung von landwirtschaftliche Reststoffen, Mäh- und Erntegut aus extensiv bewirtschafteten Grünlandflächen, Grenzertragsböden oder ertragsschwachen Ackerstandorten.
  7. Die Wertschöpfung muss in der Region erfolgen, um regionale Beschäftigungseffekte zu erzielen.
    Erwünscht ist eine weitgehende Beteiligung der regionalen Biomasseerzeuger am Produktionsprozess der Energiegewinnung und eine vorrangige Verwendung von Biomasse aus heimischem Anbau. Regionale Wertschöpfungsketten stärken die lokale Beschäftigung und tragen zur wirtschaftlichen Prosperität der Region Hannover bei.
  8. Die öffentliche Akzeptanz der Biomassenutzung muss durch aktive Kommunikation und Partizipation gefördert werden.
    Durch Workshops für Entscheidungsträger und umfassende Vor-Ort-Informationen für Bürger/innen ist eine öffentliche Akzeptanz des systematischen Einsatzes von Biomasse als Energieträger anzustreben. In die politischen Abstimmungsprozesse sind alle relevanten Erwerbszweige, Akteure und gesellschaftlichen Gruppen (Land- und Forstwirtschaft, Energiewirtschaft, Kommunen, Natur- und Umweltschutz einschließlich der jeweiligen Interessenverbände) durch umfassende Beteiligung einzubeziehen. Dabei sollen Kooperationsbeziehungen gefördert werden, um nachhaltige wirtschaftliche und beschäftigungspolitische Erfolge zu erzielen.