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Geschichte

Region Hannover
ein großer Raum mit Stellwänden auf denen sich Bilder und andere Dokumente befinden
Quelle:   Region Hannover

Zur Geschichte der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem

Die Gedenkstätte Ahlem befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule Ahlem, 1893 von dem jüdischen Bankier und Hobbygärtner Moritz Simon unter dem Namen „Israelitische Erziehungsanstalt“ gegründet.

Ihm ging es vor allem um eine Berufsumschichtung der jüdischen Bevölkerung durch die Rückkehr zur Bodenkultur und zum Handwerk. Dadurch wollte er jüdischen Kindern und Jugendlichen eine berufliche Perspektive in Deutschland eröffnen und zugleich einen Beitrag zur Bekämpfung des Antisemitismus leisten.

Um jüdische Kinder schon in jungen Jahren an körperliche Arbeit zu gewöhnen, gab es in Ahlem eine jüdische Elementarschule, in der Handfertigkeitsunterricht und Schulgartenarbeit, aber auch Sport, eine wichtige Rolle spielten. Sie sollte auf die dreijährige Lehrlingsausbildung vorbereiten, die mit der Gesellenprüfung abgeschlossen wurde. Angeboten wurde vor allem die Ausbildung zum Gärtner, aber vereinzelt auch zu Handwerken wie Schuster, Schneider und Schlosser. Die Lehrlinge der Gartenbauschule kamen nicht nur aus dem ganzen Deutschen Reich einschließlich der Provinz Posen (bis 1918), sondern auch aus dem Ausland – dem österreichischen Galizien, den von Russland annektierten polnischen Teilungsgebieten, aus Rumänien und vereinzelt aus Palästina. Ein guter Teil von Ihnen waren Waisenkinder, schon allein aus diesem Grund war die Gartenbauschule von Anfang an als Internat konzipiert.

Schon vor 1933 verließ mehr als die Hälfte der Lehrlinge nach der Gehilfenprüfung Deutschland, um sich vor allem in Nord- und Südamerika und in Palästina, aber auch in 14 weiteren Ländern niederzulassen. Nach 1933 erhöhte sich dieser Anteil noch beträchtlich.

Von 1903 bis 1921 und wieder ab 1933 wurden in Ahlem auch Mädchen ausgebildet: zunächst nur in Hauswirtschaft, nach dem Ersten Weltkrieg für kurze Zeit auch im Gartenbau.

Nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten 1933 engagierte sich die Schule sofort bei der Vorbereitung junger Juden für die Auswanderung, vor allem nach Palästina, obwohl die Schule immer streng antizionistisch gewesen war. Das brachte ihr nicht nur einen neuen Aufschwung, sondern rettete sie auch vor der drohenden „Arisierung“ über 1938 hinaus. So wurde sie erst zusammen mit allen jüdischen Schulen im Reich im Sommer 1942 geschlossen. Hauptziel der Auswanderung war Palästina, gefolgt von den USA und 16 weiteren Ländern. Vor allem die Bedeutung der „Ahlemer“ für den Gartenbau und die Landschaftsarchitektur in Israel ist kaum zu überschätzen. Zahllose gärtnerische Anlagen und Parks in Städten und Kibbuzim in Israel wurden von Absolventen der Israelitischen Gartenbauschule Ahlem gestaltet. Für diese „Ahlemer“ und ihre Kinder und Enkel in der ganzen Welt ist Ahlem als Ausbildungsstätte und als Vermittlungsinstanz „deutscher“ Arbeitsnormen und „preußischer Tugenden“ eine feste Größe.

Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte auf dem Gelände für kurze Zeit die Tradition des jüdischen Gartenbaus wieder auf, als eine Gruppe junger DPs (Displaced Persons), Überlebende aus dem KZ Bergen-Belsen, hier einen Kibbuz „Zur Befreiung“ gründete. Diese Episode endete jedoch bereits im Mai 1948, als die letzten aus der Gruppe nach Palästina auswanderten.

Das Gelände der Gartenbauschule wurde im Herbst 1941 zur zentralen Sammelstelle für die Deportation der Juden aus dem Bereich der Gestapoleitstelle Hannover bestimmt. Zwischen Dezember 1941 und Januar 1944 wurden hier über 2.000 Juden aus dem gesamten südlichen Niedersachsen zusammengezogen, bevor sie – häufig nach mehrtägigem Aufenthalt in Ahlem – in insgesamt sieben Transporten über den Bahnhof Fischerhof in Linden deportiert wurden. Von Ahlem aus nahmen die Transporte in die Ghettos und Vernichtungslager des Ostens ihren Ausgang.

Ab Februar 1942 wurde die Gartenbauschule zudem in die Liste der hannoverschen „Judenhäuser“ aufgenommen, in denen die verbliebenen jüdischen Familien zusammengepfercht wurden. Die meisten der in die Gartenbauschule zwangseingewiesenen Juden wurden bereits im Juli 1942 deportiert; einige von ihnen, die in Ahlem Zwangsarbeit leisten mussten, lebten aber hier mit ihren Familien bis zum Kriegsende bzw. bis zur Deportation nach Theresienstadt im Februar 1945.

Ab Oktober 1943 wurde das Direktorenhaus der Gartenbauschule von der Gestapo Hannover als Außenstelle genutzt. Hier waren vor allem die Referate untergebracht, die für die Beaufsichtigung der Zwangsarbeiter zuständig waren.

Unter der Leitung des Kriminalkommissars Heinrich Joost führte sie ein brutales Regiment. Misshandlungen und Folterungen waren an der Tagesordnung. Die Gestapo hat wohl schon sehr bald ihre Häftlinge in dem leer stehenden Haupthaus der Gartenbauschule untergebracht; im Juli 1944 wurde es offiziell Polizei-Ersatzgefängnis. Die erste größere Gruppe von Häftlingen, die hier eingewiesen wurde, waren die politischen Häftlinge, die nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 in der sog. Aktion Gewitter verhaftet worden waren, darunter Kurt Schumacher. Später waren aber über 90 Prozent der Häftlinge ausländische Zwangsarbeiter, die hier unter KZ-ähnlichen Bedingungen leben mussten. Unter den Häftlingen des Polizei-Ersatzgefängnisses waren auch Sinti, die seit Ende der 30er Jahre zunehmend zum Arbeitseinsatz gezwungen wurden. Die Zwangsarbeiter, die KZ-Häftlinge und die Kriegsgefangenen, die in der Region Hannover in Lagern leben mussten, stammten aus ganz Europa.

In der Endphase des Krieges wurde in der ehemaligen Laubhütte der Gartenbauschule eine Hinrichtungsstätte eingerichtet. Hier wurden im März 1945 mindestens 59 Gestapohäftlinge durch Erhängen ermordet. Weitere 56 Häftlinge des Polizei-Ersatzgefängnisses, die von Gestapochef Rentsch selektiert worden waren, weil sie auf keinen Fall befreit werden sollten, wurden zusammen mit 98 Häftlingen des Arbeitserziehungslagers Lahde, die nach Ahlem evakuiert und hier ebenfalls von Rentsch selektiert worden waren, in einer Massenerschießung auf dem Seelhorster Friedhof am 6. April durch die Gestapo ermordet. Nur eines der Opfer konnte entkommen.


V.i.S.d.P. Region Hannover


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