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Der Klassiker für Jedermann
Leibniz hat für ihn eine Fontäne konstruiert, Händel hat für ihn Musik komponiert, Peter der Große hat seine Galerie eröffnet, und doch ist er, wie es seit 1777 an seiner Pforte in Stein gemeißelt steht, ein Garten für Jedermann: Der königliche Große Garten in Herrenhausen.
Jedermann, so besagt die Vorschrift, darf sich im Garten ergötzen – solange er die Nachtigallen nicht stört und nicht nach den Schwänen wirft.
Und so kommen sie in Scharen, die Besucher aus aller Welt, um die einmalige barocke Anlage zu besuchen. Kein hannoverscher Garten genießt einen solchen Weltruf, und keiner ist gedanklich so sehr mit der Vergangenheit der Stadt verknüpft. Schon von dem Kassenhäuschen tauchen die Gäste in die Geschichte ein. Sie schreiten zwischen der Galerie, die damals als Winterquartier der kälteempfindlichen Pflanzen diente, und der Orangerie auf den Ehrenhof des Schlosses zu. Die Galerie, im Gegensatz zum Schloss noch erhalten und heute das größte Gebäude in den Gärten, ist besonders wegen der Stuckdecke im Festsaal bemerkenswert. Ein blaues Band mäandert in endlosen Schleifen und Kurven über die Decke, und es scheint unmöglich zu sein, ihm mit den Augen zu folgen. Schon so manchen Besucher der zahlreichen Konzerte mag das Ornament von der Musik abgelenkt und zur Verzweiflung gebracht haben. Die Wände zieren prachtvolle Fresken mit antiken Motiven. An das östliche Ende der Galerie schließt sich das gläserne Foyer an, das als Eingang und Garderobe dient. Der transparente, lichtdurchflutete Bau wurde 1966 errichtet und erstaunt noch heute wegen seiner scheinbaren Schwerelosigkeit. Er gestattet einen ersten Blick auf den Garten und erscheint durch diese visuelle Verbindung nicht als Fremdkörper an dem historischen Gebäude.
Gegenüber der Galerie liegt die Orangerie. Sie löste das Galeriegebäude als Winterunterkunft für Pflanzen ab. Heute finden hier, genau wie in der Galerie, Konzerte und Veranstaltungen statt. Unter anderem gastiert hier im Winter das Varieté aus dem GOP.
Den Weg säumen exotische Kübelpflanzen, die teilweise schon mehrere Menschenalter in ihrem Kübel stehen. Der erste Blick auf die Gartenanlage selbst macht die Menschenmassen vergessen: Der Garten strahlt immer noch barocke Pracht und Anmut aus. Die Symmetrie ist beeindruckend, und man möchte ihr folgen und auf der Mittelachse der Fontäne zustreben. Vorher sollte man jedoch einen Blick in die gleich rechter Hand liegende Grotte werfen, die Niki de Saint Phalle gestaltet hat. Früher diente die 1776 erbaute Grotte zur Abkühlung an heißen Tagen. Heute sind ihre drei Räume mit farbenfrohen Mosaiken geschmückt, die phantasievoll mit Motiven aus dem Themenkreis Wasser spielen. Eine der Grotten ist völlig mit winzigen Spiegeln ausgekleidet, so dass das tausendfach gebrochene irisierende Licht den Raum in eine geradezu magische Atmosphäre taucht.
Nach dem Besuch der Grotte sollte man nicht sofort zur Fontäne streben, sondern ein Stück weiter nach Norden gehen. Hier befindet sich der Irrgarten, in dem man sich tatsächlich für eine Weile verlaufen kann. Gleich daneben bekommt der Besucher wieder Überblick - auf der Aussichtsterrasse. Von hier wird die Symmetrie der Anlage besonders gut sichtbar.
Auf dem Weg in Richtung Fontäne passiert der Gast einen Bereich mit acht Sondergärten, die es sich lohnt, genauer zu betrachten. Bunt und duftend zeigen sich der Rosengarten und der niederdeutsche Blumengarten, und die Barock-, Renaissance- und Rokokogärten zeigen die Entwicklung der Gartenkunst. In den angrenzenden Boskettgärten, die durch dichte Hecken nicht einsehbar sind, trafen sich damals die Höflinge, um tuschelnd Intrigen zu spinnen. Man weiß, dass sich Leibniz sehr darüber geärgert hat, aber man kann sich heute gut vorstellen, dass hier auch nette Heimlichkeiten ausgetauscht wurden.
An den kleineren Sternfontänen vorbei gelangt der Gartenbesucher zur großen Fontäne, dem Prunkstück der Anlage. Heute erreicht der Wasserstrahl eine Höhe von 82 Metern und ist von überall im Garten zu sehen. Damals waren schon die maximal erreichbaren 35 Meter eine Sensation. Viele kluge Köpfe haben an der Konstruktion getüftelt, und schließlich wurde eigens für den Großen Garten die Wasserkunst an der Leine errichtet, von der aus Druck für die Springbrunnen erzeugt wurde.
In Sommernächten, wenn der Garten und seine Wasserkünste illuminiert werden und dazu die Wassermusik von Händeln erklingt, durchzieht ein zeitloser Zauber die Gärten. Die Zeit wird irrelevant angesichts des perfekten Zusammenspiels von Licht, Symmetrie des Gartens, Schönheit der Fontänen und der festlichen Musik.
Auf dem Weg zurück in Richtung Orangerie sind erneut die Sondergärten zu sehen, zu denen auch ein Springwassergarten gehört, der ebenfalls mit Springbrunnen ausgestattet ist. Entlang der Schwanenteiche erreicht der Gartenfreund schließlich das große Parterre. Hier zeigt sich noch einmal die ganze barocke Pracht und Ornamentik. Kunstvoll geschnörkelte Hecken und exakt geplante Beete umfassen gepflegte Rasenstücke, auf denen zahlreiche weiße Skulpturen stehen. Einige symbolisieren die Erdteile und die vier Jahreszeiten, andere entstammen der antiken Mythologie.
Hält man sich nun im großen Parterre rechts, gelangt man zum Gartentheater. Bereits ein Jahr nach Vollendung des Opernhauses am Leineschloss begann man mit dem Bau, um auch in Herrenhausen nicht auf Unterhaltung verzichten zu müssen. Seine Bühne zieren ebenfalls Skulpturen, aber diese sind nicht weiß, sondern aus vergoldetem Blei. Sechs Figuren stehen an jeder Seite der 50 Meter tiefen Bühne und eine weitere im Zentrum. Die Seiten werden von Hainbuchenhecken begrenzt, und man kann sich kaum einen geeigneteren Ort für den Elfenspuk in Shakespeares Sommernachtstraum vorstellen. Tatsächlich wurde hier jahrelang Heinz-Rudolf Kunzes auf Shakespeare basierendes Musical gespielt. 2009 hatte hier ein neues Stück Premiere: Die Musicalfassung des englischen Klassikers „Der geheime Garten“. Was wäre ein passenderer Ort, als diese Bühne?
Nicht nur das Gartentheater ist im Sommer Schauplatz von Kunst. Der Ganze Garten wird für einige Tage im Jahr zur Bühne, wenn das „Kleine Fest im Großen Garten“ die Massen anzieht. Überall wird dem Besucher Kleinkunst vom Feinsten geboten, und das Fest ist so beliebt, dass man nur mit Glück eine der begehrten Karten ergattern kann.
Eine weitere Attraktion ist der Feuerwerkswettbewerb. Fünf Nationen wetteifern jedes Jahr um die Gunst der Jury, die nicht nur das Handwerkliche des jeweils 25-minütigen Beitrags bewertet, sondern auch die Abstimmung auf das barocke Ambiente. Schließlich wurden hier bereits im 17. Jahrhundert Feuerwerke veranstaltet. Man darf vermuten, dass Georg Friedrich Händel seine Feuerwerksmusik auch im Rückblick auf die Erfahrungen in seiner ehemaligen Wirkungsstätte Hannover komponiert hat.
In Richtung Ausgang leuchtet nun das prächtige goldene Tor, durch das früher einmal die adeligen Besucher standesgemäß schritten. Durch einen Blumengarten, der zu jeder Jahreszeit reich blüht und duftet, betreten die Gäste dann das Orangenparterre, in dem neben Zitrusfrüchten auch riesige Engelstrompeten zu bewundern sind.
Wenn man durch die Drehtür an der Graft den Garten verlässt, hat man die Möglichkeit, den rechter Hand liegenden Infopavillon zu besuchen. Hier gibt es nicht nur Postkarten und Informationsmaterial über die Herrenhäuser Gärten, sondern man kann auch einige im Garten gezogene Pflanzen kaufen. Und wenn man auf diese Weise ein Stück Garten nach Hause tragen darf, ist das in Stein gemeißelte Recht, Jedermann dürfe sich am Garten erfreuen, auch für daheim gesichert.
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