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Von allen geliebt
Um gleich mit einem gängigen Vorurteil aufzuräumen: Der Maschsee war keineswegs eine Idee der Nazis. Zwar wurde er 1936 von den damaligen Machthabern eingeweiht, die sich zahlreicher Arbeitsloser für seine Fertigstellung bedient hatten, aber die Idee ist weit älter.
Schon zu Beginn des Jahrhunderts war der Wunsch aufgekommen, in der Leinemasch einen See anzulegen. Er sollte nicht nur der Naherholung dienen, sondern auch dem Hochwasserschutz. Denn nach der Schneeschmelze im Harz traten Leine und Ihme im Frühjahr regelmäßig über die Ufer. Doch die hohen Kosten standen der Verwirklichung im Wege. Und so hob man erst in den dreißiger Jahren ein Bett für den See aus.
Der ist erstaunlich flach: Nirgends erreicht er mehr als zwei Meter Tiefe. Und noch etwas ist erstaunlich: Der Maschsee liegt höher als die Leine. Entgegen dem ursprünglichen Plan wird er nicht vom Fluss gespeist sondern von einem Pumpwerk an den Ricklinger Kiesteichen. Ein bis zwei Millionen Kubikmeter Wasser müssen jedes Jahr ergänzt werden, weil Wasser im Maschsee verdunstet und versickert.
Dass der See künstlich und noch gar nicht so alt ist, vergisst man leicht, denn schnell ist er für die Freizeitgestaltung der Hannoveraner unverzichtbar geworden. Im Westen wirkt er beinahe natürlich. Das schnurgerade Ostufer, an dem so bedeutende Gebäude wie das Sprengel-Museum und das Funkhaus des NDR stehen, ist jedoch von absolut urbanem Charakter. Hier haben Jogger, Skater und Radfahrer das Sagen, Tretbootverleiher und Würstchenverkäufer bieten ihre Dienste an, und auf einem Pier hat man ein Restaurant errichtet.
Sonntags, wenn das Wetter einigermaßen schön ist, lohnt ein Ausflug zum Ostufer besonders. Im Sonntagsstaat, herausgeputzt oder in legerer Freizeitkleidung, flanieren die Hannoveraner am Seeufer entlang; Schwäne und Boote mit weißen Segeln ziehen vorbei und von Ferne weht der Lärm der Großstadt herüber. An solchen Tagen könnte man meinen, man sei an der Seine. Statt romantischer Brücken passiert man allerdings einige Kunstwerke, denen man ihre Entstehungszeit Ende der Dreißigerjahre allzu deutlich ansieht.
Einen wohltuenden Kontrast zur Übermenschenkunst faschistischer Prägung schafft der rote Hellebardier, eine Skulptur von Alexander Calder am Nordufer. Hier stehen im Sommer hohe Palmen in Kübeln und schaffen mediterranes Flair.
Wem der Sonntagsspaziergang zu wenig ist, der nimmt ein Bad im traditionsreichen Maschsee-Strandbad im Süden oder geht in die neue Wellness-Anlage. Von hier hat man einen herrlichen Blick über den See auf das neue Rathaus und andere markante Gebäude der Stadt.
Oder man begibt sich ans Westufer, das natürlicher als die gegenüberliegende Seite wirkt. Hier ist der Uferbewuchs dichter und rund um das als Maschseequelle bezeichnete Pumpwerk sind große Staudenbeete angelegt worden. Der Weg liegt zwischen Leine und See, und es lohnt sich, bei Gelegenheit die Leine zu überqueren und ein wenig in der Leineaue zu verweilen. Man könnte dieses Gebiet durchaus als hannoversche Seenplatte bezeichnen. Eine Anzahl von Seen zieht sich bis nach Laatzen hin. Die drei größten sind als die Ricklinger Kiesteiche bekannt und werden als Badeseen genutzt. Die übrigen sind der Natur überlassen, und hier lassen sich Gänse, Reiher und sogar Eisvögel beobachten. Jeder Teich hat seinen eigenen Charakter; einer ist malerisch mit Seerosen bedeckt, ein anderer wildromantisch und dunkel, mit aus dem Wasser ragenden knorrigen Ästen.
Dem auf verwunschenen Pfaden Wandernden eröffnen sich immer wieder neue Ausblicke. Mal eine Wiese, durch die sich ein kleiner Bach schlängelt, mal ein dichtes Unterholz, mal ein Sumpfgebiet. Diese Gegend ist immer wieder für Überraschungen gut, aber die größte Überraschung ist für viele Besucher, dass es die Seenplatte überhaupt gibt. Denn der Maschsee als bekanntestes Gewässer der Stadt stiehlt ihr völlig die Show. Er ist aber, Ehre wem Ehre gebührt, aus Hannover nicht mehr wegzudenken. Nicht nur das sonntägliche Flanieren würde fehlen, auch der Wassersport und das Eislaufen. Im Winter, wenn die Eisdecke hält, werden Buden aufs Eis gestellt, in denen heiße Getränke angeboten werden, und wer Weihnachten etwas Besonderes aus der Region genießen will, der kann einen der riesigen Karpfen erwerben, die das Jahr über als Unterwasser-Rasenmäher das Algenwachstum beschränkt haben.
Einmal im Jahr geht am Maschsee für fast zwei Wochen richtig die Post ab: Das Maschseefest, das am ganzen Nord- und Westufer ausgerichtet wird, lockt alljährlich bis zu 1,8 Millionen Besucher an. Auf einer Seebühne und an mehreren anderen Stellen spielen Bands. Abends erhellt ein Feuerwerk den Nachthimmel. Zwei Wochen lang wird gefeiert, getrunken und getanzt, bis dann in der letzten Augustwoche wieder Ruhe einkehrt, der See wieder den Schwänen und Booten gehört und das Ufer den Flaneuren. Dann drehen die Jogger und Skater wieder ihre Runden, und die Kinder werfen den dicken Karpfen Brot zu. Es ist, als sei der See schon immer dagewesen. Was würden die Hannoveraner bloß ohne ihn machen!
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