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Rathenauplatz Hannover (16)

Region Hannover


Auszeit mitten im Trubel

König Ernst August hätte sicher gestaunt und vielleicht die Stirn gerunzelt. Jahrelang hatte sich der Monarch den Plänen von Baumeister Laves widersetzt, in der Stadtmitte ein Opernhaus zu bauen, genau an der nach seinem Vater benannten Flaniermeile, der Georgstraße. Auf der geschleiften Stadtmauer war ein Boulevard errichtet worden, auf dem die Bürger zum Sehen und Gesehenwerden entlang schreiten konnten. Ernst-August selbst amüsierte sich lieber im Gartentheater zu Herrenhausen inmitten der prächtigen barocken Gartenanlage. Und in der Stadt hatte er schließlich das Schlossopernhaus am Leineschloss. Wozu also ein Opernhaus auf diese sumpfige Wiese setzen, denn das war der Opernplatz früher?

Man weiß, dass der Widerstand letzten Endes zwecklos war: Baumeister Georg Ludwig Friedrich Laves, ohne den Hannover nicht Hannover wäre, durfte 1852 die Eröffnung des von ihm entworfenen neuen Hoftheaters erleben. Der Hof jedoch bevorzugte, zumindest im Sommer, weiter das Gartentheater in Herrenhausen. Die Bürger aber, denen die Meinung der Regenten schon öfter ganz egal gewesen war, lieben seitdem beides: Ihr Opernhaus und die Gärten. Ernst-August aber war ein Jahr zuvor gestorben, und sein Sohn, der blinde König Georg V., hatte andere Probleme.

Aber nun das: Der in Algerien geborene Gartenarchitekt Kamel Louafi (siehe auch Gärten im Wandel auf dem Expo-Gelände) schlägt eine Brücke von der Herrenhäuser Gartenkunst zum Operndreieck am Rathenauplatz. In barocker Symmetrie säumen Eiben und Buchsbäume die breite Sichtachse, die den Blick auf das 1994 von Michelangelo Pistoletto gestaltete Mahnmahl für die im Nationalsozialismus ermordeten Juden Hannovers lenkt. Die geometrischen Formen der Hecken und Wege sind ganz dem großen Vorbild Herrenhausen verpflichtet und könnten gut aus einem der kleinen Sondergärten des Großen Gartens stammen.

Seit die Windmühlenstraße nicht mehr befahren werden darf und damit den Opernplatz nicht mehr vom Rathenauplatz trennt, hat die Stadt mit dem dadurch entstandenen Operndreieck eine neue durchgehende Grünfläche gewonnen. Kamel Louafi hat es nicht nur geschafft, die Georgstraße, den Opernplatz und das Bankenviertel mit seinen historischen Bauten optisch zu verbinden, sondern er hat einen Park geschaffen, in dem sich Flaneure, Opernbesucher und Touristen begegnen. In ruhiger, entspannter Atmosphäre schlendert man über die gepflegten Kieswege und die Achse aus Sandstein und nimmt eine kleine Auszeit von der umliegenden Geschäftigkeit.

Und wie in Herrenhausen säumen Statuen den Weg, nur dass hier keine antiken Götter oder allegorischen Figuren zu sehen sind, sondern drei bedeutende Bürger der Stadt: Der Hochschuldirektor Karl Karmarsch (1803-1879), der Komponist und Hofkapellmeister Heinrich Marschner (1795-1861) und der Chirurg Louis Stromeyer (1804-1876). Seitdem die drei Herren wegen der gerne genutzten Grünfläche wieder mehr Beachtung finden, hört man auch den alten hannoverschen Witz wieder häufiger: Was unterscheidet die drei Männer? Antwort: Karmarsch hat „seinen“ hinten, Marschner in der Mitte und Stromeyer hat gar keinen! Warum soll man sich schließlich nur im Gartentheater amüsieren? Dank des Rathenauplatzes hat man ein Stück Herrenhausen mitten in die Stadt geholt.

Und wer weiß, vielleicht hätte das ja sogar Ernst-August gefallen.


V.i.S.d.P. Region Hannover


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