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18.09.2010
Klassentreffen mit Überraschungen
Ehemaliger Schüler nach 62 Jahren auf Mallorca durch Zufall ausfindig gemacht
Bericht: H. Bpunkt
Bild: F. Blume
"Unaufhaltsam rinnt die Zeit. Heute ist morgen schon Vergangenheit!" Diese Weisheit trifft ganz besonders auf Ereignisse zu, die nur alle paar Jahre stattfinden. Dazu gehören zweifelsfrei auch Klassentreffen. An dem normalen Alterungsprozess der Schüler merkt man dann wie die Zeit vergeht, wie die Zeit geradezu dahingerast ist.
Den Begriff "Zeit haben" stellte Heinz Buse dann auch in den Mittelpunkt seiner kleinen Begrüßungsansprache. Als ersten Höhepunkt mit Überraschungseffekt präsentierte er dann einen smarten, etwas ergrauten Herrn mit Bart, der bereits mit im Saal saß und neugierig von allen beäugt worden war - doch keiner konnte etwas mit ihm anfangen. Um es vorweg zu sagen: Es handelte sich um Herbert Komoll, der 1946 mit uns eingeschult wurde, bei seiner "Ziehmutter" Lene Schramm in der damaligen Bahnhofstraße aufwuchs, aber Anderten bereits 1948 verlassen hatte. Durch die Wirren der Nachkriegsjahre verlor sich seine Spur - bis jetzt. Und sein Aufspüren ist so eine phantastische, filmreife, Geschichte, die man nur einmal im Leben erlebt.
Thomas Welc, ein Anderter Bürger, befand sich im Juli mit seiner Freundin in Urlaub auf Mallorca. Ein Fußballspiel mit Bayern München sollte im Fernsehen übertragen werden. Also war Sportsbar angesagt. Doch die Kneipe war proppenvoll. Als man schon wieder gehen wollte, winkte sie ein Mann heran, weil an seinem Tisch noch zwei Plätze frei waren. Es war Herbert Komoll. Und wie das unter Fußballfreunden ist, kam man ins Gespräch, man beschnupperte sich. Irgendwann erwähnte Thomas Welc, dass er aus Hannover komme. Da hakte Herbert Komoll ein und erzählte, dass er Hannover gut kenne. Er sei sogar dort vor 64 Jahren mal zur Schule gegangen - und zwar in einem kleinen Dorf, in Anderten. "Das ist der Hammer! Das gibt es doch nicht. Wir kommen aus Anderten. Wen kennst du denn da noch?", fragte Thomas Welc ganz aufgeregt. "Spontan fällt mir eigentlich nur noch Rolf Flohr ein. Mit dem bin ich in einer Klasse gewesen", antwortete Herbert Komoll. "Das glaub ich jetzt nicht. Das ist ja nicht zu fassen. Rolf Flohr ist ein guter Bekannter von mir", beeilte sich Thomas Welc.
Und dann ging alles ganz schnell. Adressen wurden ausgetauscht. Thomas Welc gab die Adresse seines neuen Freundes an Rolf Flohr. Zum Glück waren schon die Einladungen zum Klassentreffen verschickt, sodass Rolf richtig schaltete und die Adresse an das Organisationsteam weitergab. Einladung an Herbert Komoll auf den Weg gebracht - und er ist gekommen. Er hat sich auf den Weg gemacht und ist nach 62 Jahren an die Wurzeln seiner Jugendzeit zurückgekehrt.
Beim Zuhören der wunderbaren Geschichte war es mucksmäuschenstill im Raum. Alle waren gespannt. Doch als das Geheimnis um Herbert Komoll preisgegeben wurde, brach geradezu ein Jubelsturm aus.
Das veranlasste Gisbert Selke, beruflich zuletzt als Rektor der Pestalozzischule Anderten im Einsatz, zu der euphorischen Bemerkung: "So viele Zufälle auf einmal, gibt es normalerweise nicht! Aber da sieht man mal wieder: Das Leben selbst schreibt eben immer noch die schönsten Geschichten. Dieses unbeschreibliche, glückliche Gefühl kann man eigentlich nur mit dem sprichwörtlichen Suchen und Finden einer Nähnadel im Heuhaufen oder einem Sechser mit Zusatzzahl im Lotto als Superlative vergleichen."
Die Resonanz auf die Einladung zum Klassentreffen 55 Jahre nach der Entlassung aus der Volksschule Anderten hat wiederum alle Erwartungen erfüllt. Immerhin hatten sich 35 Mitschülerinnen und Mitschüler die Zeit genommen, um am Samstag, dem 18. September 2010, im Schützenhaus Anderten, mit einigen ehemaligen Weggefährten über alte Zeiten zu reden. Als sicheres Zeichen der Verbundenheit ist die Tatsache zu werten, dass einige Ehemalige recht weite Anfahrtswege auf sich genommen haben, um dabei zu sein. Allerdings waren 9 Absagen dabei, die vorgaben, gerade in diesen Tagen auf großer Fahrt zu sein. Frei nach dem Motto: "Wer rastet, der rostet".
Und genau dieses Motto spiegelt das neue Bild von der "Generation 60 Plus" wider. Erfreulicherweise konnte man feststellen, dass kaum über Krankheiten lamentiert wurde. Natürlich wurden auch wieder viele Fotos herumgereicht. Aber beherrschende Themen waren u. a. im Internet surfen, E-Mails verschicken, iPhones und Laptops benutzen, sich sportlich fit halten, aber vor allem wurden Erlebnisse von Fernreisen ausgetauscht. Ja, das Leben scheint selbst im fortgeschrittenen Alter noch für Überraschungen gut zu sein.
Tatsache ist: Die Lebenserwartung hat sich Dank des medizinischen Fortschritts deutlich erhöht. Dennoch ist unsere Lebenszeit begrenzt - denn die Lebensuhr tickt - und tickt - und tickt. So hat sich seit unserem letzten Klassentreffen vor 5 Jahren auch leider einiges Beklagenswertes ereignet. Mit besonderer Wehmut und Trauer gedachten wir der Verstorbenen Helga Harbarth, geb. Zinke, und Jutta Rappmund, geb. Gohr, sowie Fritz Stockbauer. Außerdem haben wir das Ableben unserer Lehrkräfte Friedrich-Wilhelm Fitzner und Franz Sambale zu beklagen.
Besonders zu erwähnen ist auch das Engagement von Sophia Bergandt, geb. Romahn, die sich auch "vor Ort" stark macht, gegen Hunger und Armut von Kindern in Afrika. Sie bot eine kleine Kollektion von handgefertigten Produkten von afrikanischen Frauen an und hatte damit sichtbaren Erfolg.
Bärbel Weiß, geb. Kiesel, trug zur Unterhaltung bei mit einem fröhlichen, selbstverfassten Gedicht - passend zum Klassentreffen.
Große Freude löste Gerd Lange mit seiner generösen Spende aus. Er hatte kurzfristig wieder abgesagt und als Trostpflaster eine "Lokalrunde" kredenzt.
Großes Lob und Beifall erhielt auch Georg Nitsch, der die Einladungen zum Klassentreffen per Computer individuell gestaltet und verschickt hatte.
Und da auch das zünftige Essen offenbar allen mundete, war einfach alles dabei, was ein Klassentreffen so interessant macht: Unterhaltung, Spannung, Neugier, Freude, Jubel - aber auch Trauer. Beim Abschiednehmen waren sich dann auch alle einig, zukünftige Treffen in kürzeren Abständen zu veranstalten.
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