Adventskalender Familienblog

Türchen 21

Hinter Türchen 21 versteckt sich die Weihnachtsgeschichte "Friedas Weihnachtstraum" von Dorthe Waßmus.

Immer nur fressen, schnattern, schlafen. Die Weihnachtsgans Frieda lebt auf dem Bio-Hof von Bauer Heintje. Doch eigentlich will sie doch nur Ballerina werden…

Immer nur fressen, schnattern, schlafen, fressen, schnattern, schlafen … Frieda war eine Weihnachtsgans und lebte auf dem Bio-Hof von Bauer Heintje. Jedes Jahr in der Vorweihnachtszeit kamen die Menschen von überall her, um sich ihre persönliche Festtagsgans auszusuchen. Hektisch zeigten sie mit dem Finger auf das weiße Federvieh und Bauer Heintje versuchte die Gans der Wahl zu fangen und mit einem bunten Bändchen zu versehen. Immer wieder stolperte er dabei und landete unter großem Getöse der Massen rittlings im matschigen Bioboden.

Am Abend waren schließlich fast alle Gänse mit einem Namensschild ausstaffiert und stolzierten damit über den Hof als hätten sie bei Germanys Next Topmodell das nächste Foto ergattert. Frieda ging mal wieder leer aus. Sie war viel dünner und kleiner als die anderen Gänse. Die anderen lachten sie deswegen aus, „so wirst du nie ein Bändchen bekommen und als herrliche Weihnachtsgans mit den Menschen gehen“.

Doch was die anderen Gänse nicht wussten, Frieda wollte gar keine Weihnachtsgans sein, sie wollte Balletttänzerin werden. Davon träumte sie bereits, seit sie als Küken einmal heimlich durchs Fenster ins Schlafzimmer der Bauersleute geschaut hatte. Auf der alten Kommode gleich neben dem Ofen stand eine Spieluhr. Die Bäuerin drehte sie abends oft auf und es erklang eine traumhafte Melodie. Dann öffnete sich ganz langsam die Uhr und in der Mitte war eine Ballerina zu sehen, mit einem rosa Tütü und einer Tüllschleife im Haar. Sie tanzte auf Zehenspitzen, drehte sich im Kreis und hob ihr linkes Bein so hoch, dass sie ihren Fuß mit der rechten Hand über ihrem Kopf halten konnte.

Frieda war fasziniert. Immer wieder schlich sie sich abends heimlich aus dem Stall, stapelte zwei alte Weinkisten übereinander, kletterte hinauf und lugte durchs Fenster. Mit jedem Mal wuchs ihr Wunsch, selbst eine Ballerina zu sein und im rosa Tütü über den Stallboden zu tänzeln. Sie fasste einen Entschluss: Dieses Jahr am letzten Sonntag vor Weihnachten, bevor die anderen eingebildeten Gänse mit ihren Bändchen abgeholt würden, würde Frieda ihnen zeigen was in ihr steckte. Doch jetzt musste sie erst einmal zurück zum Stall, es war spät geworden, ihr vielen fast die Augen zu. Schnell kuschelte sie sich in ihre Lieblingsecke, ganz hinten im alten Schweinetrog hatte sie sich ein gemütliches Strohbett gebaut. Kaum angekommen, war sie auch schon eingeschlafen und träumte von ihrem großen Auftritt als Prima Ballerina:

Das Schwein zupfte am Kontrabass, es hatte die Generalprobe verschlafen und musste nun das Instrument noch stimmen. Die Enten hatten ihre Trompeten unten im Teich auf Hochglanz poliert, wenn sie anfingen zu spielen, stießen kleine Wasserfontänen heraus. Baltasar, der alte Jagdhund des Bauern, hatte drei Töpfe, zwei Pfannen und den goldenen Weihnachtsteller aus der Küche stibitzt. Er spielte sein Schlagzeug mit einer solchen Leidenschaft, dass sich hin und wieder seine langen Schlappohren in den Kochlöffeln verfingen. Die Katzen wippten ihre buschigen Schwänze im Takt und maunzten die Background-Melodie. Der Esel war ein wahres Multitalent: Er spielte Geige, Mundharmonika und Becken zugleich.

Das Publikum hatte auf den bereitgestellten Holzkisten Platz genommen. Die Gänse schnatterten wild durcheinander. Sie hatten sich farblich passend zu ihren bunten Bändchen Westen und Beinstulpen gehäkelt. Auch die Mäuse hatten sich herausgeputzt, sie trugen kleine Strohsternchen an den Schwänzen und flitzten aufgeregt zwischen den Kisten hin und her.

Gunnar, der technikaffine Ziegenbock, hatte sich tagelang um die Beleuchtung gekümmert. Nun war es soweit. Zittrig kippte er den Stromschalter nach rechts. Im Nu erschien der Bio-Hof in buntem Glanz: Lampions und Lichterketten rahmten die Bühne. Das rotnasige Rentier zog Weihnachtsmann nebst Schlitten in goldenem Licht über den Stall.

Das Orchester begann die Ouvertüre zu spielen. Die Ponys Tinka und Belle hatten, über und über mit Blumen geschmückt, den Vorhang gespielt. Langsam schritten sie nun auseinander.

Und da stand sie auf der Bühne – Frieda, die Prima Ballerina. Ihr rosa Tütü aus feinstem Tüll hatte sie mit einem silbernen Gürtel in der Taille fixiert. Künstliche Wimpern, Glitzerlidschatten in zartem Pastell und knallroter Lippenstift machten ihr Outfit komplett. Dem Publikum stockte der Atem. Frieda begann sich zur Musik zu bewegen. Majestätisch tänzelte sie über die Bühne, drehte Pirouetten, sprang im Spagat und landete auf einem Fuß, um dann gleich wieder in die nächste Drehung zu starten.

Das Publikum rastete aus vor Begeisterung. Immer und immer wieder wurden Zugaben verlangt. Frieda tanzte und wirbelte herum bis sie plötzlich hart auf den Boden aufschlug. Sie hielt sich den Kopf und öffnete die Augen. Frieda saß vor ihrem Schweinetrog im Stroh – was für ein schöner Traum!

Text und Zeichnungen: Dorthe Waßmus