HAZ-Interview

Wie erkläre ich meinem Kind, was Krieg ist?

Die Kinderpsychologin Renate Engelhardt-Tups, Leiterin der Säuglings- und Kleinkindambulanz des Winnicott-Instituts, gibt die Antworten, die auch die Eltern ihrem Nachwuchs geben könnten.

Der Krieg gegen die Ukraine wirft auch bei Kindern viele Fragen auf und sorgt für Verunsicherung. „Was ist Krieg?“, fragen schon kleine Jungen und Mädchen ihre Mütter und Väter.

Wir Erwachsenen haben Schwierigkeiten, diesen Krieg zu verstehen. Wie aber erklären wir ihn kleinen Kindern?

Grundsätzlich ist wichtig, nur auf Nachfragen zu antworten, also nur wenn es eine Frage dazu stellt. Nur wenn sie fragen, sind sie innerlich bereit, eine Antwort zu hören und zu verarbeiten. Das gilt eigentlich für fast jedes Alter des Kindes.

 

Was sollen die Eltern denn antworten, wenn ein Kita-Kind fragt: Mama, was ist Krieg?

Man könnte sagen: „Es ist ein ganz schlimmer Streit, mit viel Gewalt, wo man sich gar nicht mehr vertragen kann.“ Mehr sollte man gar nicht sagen. Wenn dann weitergehende Fragen kommen, wie „was machen die da?“ sollte man immer kurz und gefühlsbetont auf die Fragen antworten, denn es handelt sich – im übertragenen Sinne – um schwer verdauliche Kost. Das Kind schluckt etwas und erst wenn es verdaut ist, kann es mehr vertragen.

 

Eine Möglichkeit der Erklärung: Krieg ist weit weg

Und wenn mich die Frage selbst umtreibt?

Selbst wenn ich beunruhigt bin, dann sollte ich das nicht auf die Kinder übertragen. Ich tue dem Kind keinen Gefallen damit. Ich bin erwachsen, ich muss das Kind beruhigen. Wenn der Papa das möglicherweise besser kann als ich, dann übertrage ich das auf ihn – oder umgekehrt. Und es ist wichtig, dem Kind klarzumachen, dass der Krieg weit weg ist. Je älter es ist, desto eher kann es verstehen, dass dort anders gehandelt wird als bei uns in der EU, wo wir versuchen, Streit gewaltfrei zu lösen. Für kleinere Kinder wäre das aber eine totale Überforderung. Wenn die mitkriegen, dass da geschossen wird, dass es brennt, dass Menschen weinen, dann kann man denen sagen, dass dies ganz weit weg ist.

 

Niemals bei den Mahlzeiten über Krieg sprechen

Wann sollte man nicht darüber reden?

Der Zeitpunkt ist ganz wichtig: Niemals bei den Mahlzeiten, weil das Essen das soziale Miteinander fördern soll, da passen solche Themen nicht. Wir haben bei kleinen Kindern schon Essstörungen gehabt, weil Eltern versucht haben, ihre Probleme am Essenstisch zu lösen. Auch am besten nicht abends vor dem Schlafengehen, weil Kinder solche Dinge mit in den Schlaf nehmen. Dann können sie Albträume bekommen.

Und wenn sie abends fragen?

Ich kann antworten, dass dies eine wichtige Frage ist und ich mir einen Kopf darum machen muss und dann morgen eine Antwort habe. Dann nimmt das Kind diese ruhige Antwort mit in den Schlaf und kann noch einmal auf mich zurückkommen.

 

Verallgemeinerungen bei Antworten vermeiden

Wenn Kinder russischstämmige oder ukrainischstämmige Freunde oder Schulkameraden haben und fragen, ob der Russe böse ist?

Das Verallgemeinernde sollte man immer vermeiden, wenn man mit Kindern argumentiert. Wenn da jetzt einer über die Grenzen anderer geht, ist es eben ein Russe und nicht alle anderen.

Es gibt Kinder bei uns, die den Krieg kennen. Können diese retraumatisiert werden?

 Ja, und wenn das aufbricht, dann brauchen sie ein Forum, wo sie sich ihren Ängsten und dem Trauma neu stellen können. Dann muss man genau schauen, was das für eine Angst ist, ob das die eigene Geschichte ist, die vorher aus gutem Grund und aus Schutz vor psychischer Destabilisierung verdrängt wurde.

Könnte ein Kind seinem Kumpel, das ein Flüchtlingskind ist, irgendwie in dieser Situation helfen?

Ein Schulterschluss unter Gleichaltrigen kann sogar sehr heilsam sein. Wenn ein Kind noch im Spielalter ist, kann man es einladen, mit ihm spielen, ablenken von seinen Sorgen. Man muss den Kindern klarmachen, dass sie zwar begrenzt in ihren Möglichkeiten sind, aber sie trotzdem viel tun können. Nämlich einfach da zu sein. Den Kindern, die nicht traumatisiert sind, nimmt es die Ohnmachtsgefühle, wenn sie sehen, dass sie ganz konkret etwas tun können. Und den anderen nimmt es einen Teil der Sorgen.

 

Auch für Erwachsene schwer, Wladimir Putin zu verstehen

Wir bringen unseren Kindern bei, Konflikte friedlich zu lösen. Doch der Präsident eines Landes überfällt einfach seinen Nachbarn. Was macht das mit den Kindern?

Wenn ich mit meiner Meinung klar bin, dann sage ich, dass es solche Menschen immer gegeben hat und vermutlich immer geben wird. Aber dass wir dabei bleiben, unsere Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Das sind ja Ideen, die auch wir nicht nachvollziehen können. Selbst für mich als Analytikerin ist es extrem schwer, Herrn Putin zu verstehen. Den Eltern bleibt aber, selbst gewaltfrei in der Familie zu leben, das beste Vorbild zu sein für die Kinder.

Die Kinder leben seit zwei Jahren in einer Ausnahmesituation, der Pandemie. Man hat ihnen viel abverlangt. Jetzt kommt auch noch ein Krieg in der Nähe dazu. Bekommen wir eine Generation von traumatisierten Kindern?

Es kann sein, dass die Kinder den Krieg nicht so stark wahrnehmen, die Bedrohung gar nicht so mitkriegen, sondern eher in die Verdrängung gehen. Kinder haben da einen guten Schutz. Solange die Eltern gelassen bleiben, bleiben die Kinder einigermaßen ruhig. Corona war eine Einschränkung gerade für Jugendliche, die sie körperlich wahrgenommen haben. Krieg aber ist eine Bedrohung, die liegt tausende Kilometer entfernt. Wir müssen offen bleiben für die Sorgen und Nöte der Kinder, denn das gab es in der Corona-Zeit nicht. Da waren auch die Erwachsenen recht hilflos. Bei Krieg gibt es einen Erfahrungshintergrund, da fällt einem etwas ein, bei Corona gab es eher die Ohnmachtserfahrung.

 

Quelle: HAZ, erschienen am 25.02.2022, von Petra Rückerl