Ein Generationsinterview

Familienleben in Pandemiezeiten – Wie geht das?

Drei Generationen und eine Herausforderung: Corona wirbelt das Leben vieler Familien durcheinander. Wie erleben Mutter und Sohn die Zeit ohne die Kita? Und wie kann der Kontakt zwischen Oma und dem neugeborenen Enkel in einem anderen Bundesland gehalten werden? All diese Fragen beantworten die 64-jährige Katrin, die 34-jährige Lena und der 4-jährige Tim im großen Generationsinterview.

 

Die Pandemie und die Kontakteinschränkungen haben das Zusammenleben vieler Familien ziemlich verändert.

 

Fragen an Katrin

 

Wie seid ihr bisher durch die Pandemie gekommen?

Katrin: „Die Pandemie und die Kontakteinschränkungen haben unser Zusammenleben ziemlich verändert und zeitweise auch unsere Unterstützung für die Familien meiner Töchter ausgehebelt. Zum Glück hat sich niemand in unserer Familie bisher mit Corona infiziert. Dennoch schwingt bei jeder Begegnung die Sorge mit, jemanden unabsichtlich zu infizieren und ernsthaft zu gefährden. Das gilt besonders für die Kontakte zu meinem 84-jährigen Vater, belastete die Schwangerschaften meiner beiden Töchter oder auch die Kontakte zu den beiden Neugeborenen. Für uns habe ich weniger Ängste.“


Wie habt ihr eure Begegnungen gestaltet? 

Katrin: „Seitdem das Virus durch die Welt schwirrt, sind wir alle mit unseren Begegnungen vorsichtiger geworden. Seit dem Sommer haben wir aber wieder intensiveren Kontakt zu unseren Kindern in Hannover. Wir möchten die Familie einfach in ihrer schon andauernden Ausnahmesituation mit Home-Office und 24-Stunden-Kinderbetreuung entlasten. Und wir möchten Tim nicht immer wieder sagen, dass wir nicht mehr mit ihm spielen können, und das eine gefühlte Ewigkeit lang für ein Kind. Das fällt uns schon sehr schwer mit unserem Bremer Enkelkind, der auch mehr als fünf Monate nicht mehr in seine Kita konnte. Auch Tim versteht mit seinen vier Jahren kaum, warum viele seiner Freund in den Kindergarten gehen, er aber nicht. Und er war sehr traurig, als kein Kind zu seinem Geburtstag kam. 

Im ersten Lockdown haben wir die Videokonferenzen und -calls entdeckt. Wir backen, kochen und basteln oder lesen vor. Das ersetzt aber nicht das Ankuscheln und Zeigen, auch ist die Aufmerksamkeitsspanne für virtuelle Omas und Opas begrenzt. Daher besuchen wir abwechselnd wieder analog Tim und Max und mit sehr großen Abständen Lukas und Marie in Bremen. Mit Telegram und Co. können wir virtuell dem jüngsten Familienspross beim Wachsen zuschauen. Und Dank der Schnelltests haben wir vor einigen Wochen auch mal alle Kinder und Enkelkinder in den Arm nehmen können und die Jüngste persönlich begrüßt.“

Welche Bedeutung hat „Familie“ in der Pandemie bekommen?

Katrin: „Familie spielt schon unter normalen Bedingungen eine zentrale Rolle für die Berufstätigkeit beider Eltern und die Versorgung der Kinder. Für die Enkel funktionieren Omas und Opas anders als die Eltern. Und sie verschaffen den Eltern auch mal Zeit für sich. Unter Pandemiebedingungen sind sie ein sicherer Hafen, nicht nur wenn alle Stricke reißen.“  
Angenommen, in zwei Jahren gäbe es erneut eine Pandemie? Was müsste sich ändern zugunsten der Familien? Was wünscht Du Dir für die Zukunft?


Katrin: „Ändern müsste sich der Stellenwert von Kindern und Jugendlichen in unserer Gesellschaft. Wir müssen alles dafür tun, dass Kinder mit Kindern spielen und Jugendliche in die Schule gehen können. Kinder, Jugendliche und Eltern gehören in die vordere Reihe, wenn es um schnelle Lösungen geht, weil Monate für Kinder wie Jahre wirken. Dazu brauen wir eine unkomplizierte Unterstützungskultur und -bereitschaft von allen.

Wir müssen auf ungewöhnliche Herausforderungen unkompliziert und schnell auch mit ungewöhnlichen Maßnahmen reagieren können. Wir sollten Spielräume entzerren, anstatt sie durch Schließungen zu verdichten. Warum also nicht Sport- und Rasenflächen zum Spielen für Kinder und Jugendliche freigeben, Eltern kurzfristig Gartenpatenschaften anbieten, Spielstraßen temporär sperren oder Schaufenster zu Ausflugszielen für Kinder machen, digitale Schnitzeljagden durch die Natur legen, Bilderbücher auf die Straße projizieren oder Baufahrzeuge und Feuerwehrautos zum Bestaunen auf die Straße stellen. Und die Forschung muss Kinder in den Fokus nehmen, in der Grundlagenforschung, beim Testen und Impfen.  

Kinder sind die Zukunft von uns allen. Wir sollten besser mit ihnen und ihr umgehen!“

Lena


Geschlossene Kitas. Distanzlernen statt Präsenzunterrichts. Betreuungsengpässe. Fühlst Du Dich in der Krise alleingelassen? 

Lena: „Jein, das kommt drauf an. Einerseits haben wir großes Glück, dass unsere Familie uns tatkräftig unterstützt, auf der anderen Seite schleicht sich so ein Gefühl manchmal ein. Mein Kind ist nun seit über acht Wochen zu Hause. Da ich aktuell wegen des zweiten Kindes in Elternzeit bin, war klar, dass wir keinen Anspruch auf die Kindernotbetreuung haben. Natürlich möchte ich gerne diesen Beitrag für die Gesellschaft leisten, aber wenn ich die vollen Bahnen und das rege Treiben auf den Straßen sehe, denke ich manchmal schon, dass vor allem Familien – letztendlich die Kinder – einen riesen Teil dieses Lockdowns wuppen müssen. Wenn dann auch noch- wie zuletzt – die Fallzahlen stagnieren, ist das wirklich frustrierend.“

Großeltern waren schon vor der Pandemie für viele Familien – Stichwort Betreuung –  unverzichtbar – vorausgesetzt man hat welche in seiner Nähe. Wie bist Du bisher durch die Krise in Sachen Betreuung in Zeiten von coronabedingten Schließungen von Kitas und Schulen gekommen. 

Lena: „Im Gegensatz zum ersten Lockdown, in dem wir keinen persönlichen Kontakt zu den Großeltern hatten, handhaben wir dies im zweiten Lockdown anders. Wichtig war uns, dass jedes Familienmitglied für sich entscheiden darf, ob er das Risiko eines Treffens eingehen möchte oder lieber nicht. So haben wir zu den einen Großeltern durchgehend Kontakt, während sich die anderen dazu entschieden haben, sich erst einmal gar nicht und jetzt seit einigen Tagen wieder draußen zu treffen.

Im letzten Frühjahr konnten wir das noch ganz gut alleine wuppen. Ich war zwar hoch schwanger, aber fit und durch den Mutterschutz konnte ich viel mit meinem Kind unternehmen. Die Großeltern haben uns damals über Videocall angerufen oder Briefe geschrieben. Jetzt mit zwei Kindern in völlig unterschiedlichen Entwicklungsstufen ist das deutlich schwieriger und ich bin sehr froh, die Hilfe der Großeltern diesmal zu haben. Sie unterstützen uns nicht nur mit der Kinderbetreuung, sondern bringen oft auch vorgekochtes Essen mit. Das ist super.“

Und was rätst Du Familien beziehungsweise Alleinerziehenden, die keine Großeltern für sich beanspruchen können?

Lena: „Das ist eine schwierige Frage, nach den aktuellen Richtlinien ist es ja erlaubt, sich mit einer anderen Person zu treffen. Sofern die Kinder schon alt genug sind, könnte man sich also mit einer weiteren Familie zusammentun und die Kinder abwechselnd betreuen. Das machen aktuell viele unserer Freunde so.“

Was war der beste Muntermacher für euch bei einem Stimmungstief?

Lena: „Wenn wir nicht schon am Vormittag einmal draußen sind, ist die Stimmung am Mittag oft schon schlecht, deshalb ist unser Motto: Raus an die Luft und viel Bewegung – egal bei welchem Wetter. Das klingt erst mal recht einfach, aber in der Kombination mit einem Vierjährigen und einem Baby mit eigenen Schlaf- und Spielbedürfnissen ist das manchmal ganz schön herausfordernd.“

Wie hast Du Dein Kind in der Krise erlebt

Lena: „Der zweite Lockdown startete für uns bereits zwei Tage früher als geplant und von einem auf dem anderen Tag durfte er nicht mehr in die Kita gehen, das hat er natürlich nicht verstanden. Eine Weile lang hatte ich das Gefühl, dass er es zu Hause ganz gut fand, die Zeit mit allen Familienmitgliedern daheim genoss.

Recht schnell merkte man aber, wie sehr ihm die anderen Kinder fehlen. Auch wenn wir uns die größte Mühe geben, die Spielwelten eines Vierjährigen sind wirklich sehr bunt und wechseln so abrupt – da kann kein Erwachsener mitgehen.

Auch die Aushandlungsprozesse mit mehreren Gleichaltrigen fehlen einfach und es muss recht frustrierend für ihn sein, sich größtenteils nur noch mit Erwachsenen auseinandersetzen zu müssen. In den letzten zwei Wochen fragt er wieder vermehrt nach der Kita und man merkt, dass der letzte Kitatag (in seiner Welt) eine halbe Ewigkeit her sein muss.“

Generationeninterview Tim


Was vermisst du, seitdem Corona da ist?

Tim: „Den Kindergarten. Wenn ich wieder da bin werde ich erst Duplo spielen. Im Kindergarten gibt es VIER Kisten voller Duplo.“

Und bist du froh, dass du trotzdem Oma und Opa sehen kannst? 

Tim: „JA!“

Und was findest du so toll daran, dass du mit Oma und Opa spielen kannst?

Tim: „Wir spielen Stier. Und manchmal spielen wir Pferde.“ 

Und findest du das besser, als mit deinen Eltern zu spielen?

Tim: „Ja, weil die nicht mehr so viel arbeiten müssen. Die haben mehr Zeit. Papa und Mama müssen immer arbeiten.“

Was machst du jetzt eigentlich den ganzen Tag, wenn du nicht in die Kita gehst? 

Tim: „Na spielen! Ich spiele Dragons. Und manchmal spiel ich Autos. Und draußen spiel ich meistens Baumfäller, Erdbohrer, Fahrrad fahren. Das war’s.“