HANNOVER.DE | Das offizielle Portal der Region und der Landeshauptstadt Hannover

August 2018
8.2018
M D M D F S S
30 31 1 2 3 4 5
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19
20 21 22 23 24 25 26
27 28 29 30 31 1 2
Heute | Wochenende | kostenlos | Suche

Zuletzt aktualisiert:

Geschichte

Das Kino im Künstlerhaus hat eine lange und bewegte Geschichte.

Ein Schild an einer Hauswand © LHH

Das Künstlerhaus ist ein historischer Bau.

Aus: Bewegte Zeiten: 25 Jahre Kommunales Kino Hannover, Susanne Höbermann, 1999

Wenn am 15. Oktober diesen Jahres das Kommunale Kino im Künstlerhaus sein 25jähriges Jubiläum feiert, erinnern wir uns nicht nur an bewegte Bilder, die wir hier und sonst nirgendwo in Hannover zu sehen bekamen. Es sind vor allem auch bewegte Zeiten, auf die das „KoKi“ zurückblickt. Von Anfang an musste es wie wohl keine andere kulturelle Institution dieser Stadt um seine Existenz kämpfen. So erscheint es fast als ein Wunder, dass wir dem KoKi nun zu einem Vierteljahrhundert engagierter filmkultureller Arbeit in Hannover gratulieren können.

Hannoversche Filmfreundinnen und -freunde mussten auf vieles verzichten, bevor ihre Stadtväter im Frühjahr 1974 beschlossen, sich ein Kommunales Kino zu leisten. Sigurd Hermes, der mit 25 Jahren Leiter dieser Einrichtung wurde und mittlerweile sein halbes Leben für das KoKi tätig ist, erinnert sich, dass „Hannover und Niedersachsen damals filmkulturell eine absolute Diaspora“ waren. Orientiert am Vorbild anderer kurz zuvor gegründeter Kommunalen Kinos, wie etwa dem in Frankfurt/Main, wollte man nun auch hier „andere Filme anders zeigen“. Film sollte jenseits von kommerziellen Interessen im Kommunalen Kino endlich ein Forum finden.

Auf dem Programm des KoKi stand und steht auch noch heute das gesamte Spektrum der Filmkultur. Nach wie vor wesentlich ist zum einen die Aufarbeitung der Filmgeschichte z.B. in thematischen Zyklen, in Retrospektiven und Werkschauen, die ihren Persönlichkeiten oder Epochen gewidmet sind. Zum anderen will das KoKi offen für Neues und Sperriges sein, z.B. als Forum für noch unbekannte Regisseure, unentdeckte Filmländer oder innovative Filmformen.

1974: Eröffnungsfest im Freizeitheim Vahrenwald

Doch zunächst fand Hermes im neuen Büro weder Stuhl noch Schreibtisch, wohl aber ein Telefon nebst Blumenbank vor. Die Arbeit erledigte er vom Fußboden aus. Ähnlich improvisiert und bundesweit einzigartig war auch der Kinobetrieb. Das KoKi verfügte in den ersten fünf Jahren über kein festes Haus. Drei Freizeitheime mit Mehrzweckräumen (Vahrenwald, Ricklingen und Lister Turm) sowie das Stadtteilkino „Apollo“ standen zur Verfügung. Das Eröffnungsfest des KoKi wurde am 12.10.74 im Freizeitheim Vahrenwald gefeiert, anschließend begann an jeweils festgelegten Wochentagen eine Tournee von Spielstelle zu Spielstelle.

In den ersten Jahren war die Publikumsresonanz trotz des dezentralen Spielbetriebs groß. Doch die Räumlichkeiten in den Freizeitheimen boten auf Dauer keine Kinoatmosphäre. Selbst die treuesten Cineasten störten sich allmählich an den kargen Sitz- und Vorführmöglichkeiten. Die meisten Besucher hatte das KoKi denn auch am wöchentlichen "Filmkunsttag" im "Apollo", wo das Programm an allen anderen Tagen übrigens von Hans-Joachim Flebbe gestaltet wurde. Letzterer eröffnete 1978 seine ersten drei Programmkinos am Raschplatz. Ein Jahr später, als die Diskussion um eine zentrale Spielstelle immer dringlicher wurde, zog das KoKi als Untermieter zu Flebbe in das jetzige "Colosseum" am Raschplatz ein. Auch diese Kooperation war damals ein bundesweit einmaliges Modell.

1979: Untermieter bei den Kinos am Raschplatz

Durch diese Zusammenarbeit konnte das KoKi die Zahl seiner Vorstellungen verdoppeln und bot damit quantitav das größte Repertoire aller kommunalen Spielstellen. In der Programmgestaltung beider Häuser wurde nun auch deutlich, welche Früchte die Pionierarbeit des KoKi in den ersten fünf Jahren bereits getragen hatte. "Als wir Fassbinder gezeigt haben, wollte keiner Fassbinder zeigen, ebenso die ersten Werke von Werner Herzog, der Schamoni-Brüder oder Wim Wenders", erinnert sich Sigurd Hermes. Nun liefen die Filme der "neuen deutschen Filmemacher" erfolgreich in den Flebbe-Kinos. Die KoKi-Macher erfüllte dies einerseits mit Stolz, andererseits wurde diese Entwicklung auch mit gemischten Gefühlen wahrgenommen. "Eine wirkliche Konkurrenzsituation zu privatwirtschaftlichen Kinos gab es deshalb jedoch nicht, weil für uns immer wichtig war, dass Filme in dieser Stadt laufen."

Konservativen Parteipolitikern war diese Auffassung von kommunaler Filmarbeit in Hannover jedoch schwer vermittelbar. Bereits 1975, ein Vierteljahr nach der Eröffnung des Kommunalen Kinos, betrachtete die CDU-Ratsfraktion die Einrichtung als überflüssig und stellte erstmals und dann alle Jahre wieder den Schließungsantrag. 1982 wäre dieser Wunsch angesichts leerer Stadtkassen beinahe in Erfüllung gegangen. Nur massive Proteste der Bevölkerung und die Reduzierung des Zuschussbedarfs um 45% konnten das KoKi retten.

1983: die erste eigene Spielstelle im Künstlerhaus

Der Mitarbeiterstab musste auf 3 ½ Stellen reduziert und das Mietverhältnis am Raschplatz gekündigt werden. Das KoKi zog in den stadteigenen „Rambergsaal“ des Künstlerhauses um, wo es seit Februar 1983 seine erste eigene Spielstelle betreibt. Der Saal wird allerdings auch regelmäßig für Theaterveranstaltungen genutzt. Die Leinwand ist deshalb nicht fest installiert und muss vor jedem Bühnenevent per Handbetrieb unter die Decke gekurbelt werden. Auch die 200 Holzklappsitze (seit 1990 immerhin leicht gepolstert) fühlen sich eher nach Kindertheater- als nach Kinobestuhlung an. Doch trotz dieser immer noch etwas improvisierten Umstände konnte das KoKi im Künstlerhaus erstmals ein eigenes Image entwickeln und sich als eine der renommiertesten filmkulturellen Einrichtungen der Bundesrepublik etablieren.

1992: "Kulturoffensive 1992" kämpft gegen die Schließung

Doch auch ein ambitioniertes Programm und ein im Vergleich zu anderen Städten recht schmales Budget konnten nicht verhindern, dass sich Sigurd Hermes in der Folgezeit regelmäßig mit Spar- und Privatisierungsplänen konfrontiert sah. 1992 drohte dem KoKi erneut das endgültige Aus, als selbst SPD-Politiker, die das Kino einstmals auf den Weg brachten, sich gegen das "Luxusprojekt" aussprachen. Ihre Schließungsabsichten stießen jedoch zur Überraschung der Stadtväter auf eine breite Gegenwehr. In der "Kulturoffensive 92" kämpften alle kulturellen Institutionen Hannovers für den Erhalt des Kinos. Täglich trafen Solidaritätsadressen aus der ganzen Republik ein. Ein Retter in der Not war jetzt Hans-Joachim Flebbe, der mit großzügigsten Spenden half, den Kinobetrieb weiterzuführen. Auch die Firma Bahlsen, die Stadtsparkasse Hannover, das Land Niedersachsen und das Publikum, das seitdem mit höheren Eintrittspreisen und einem Werbeblock vor den Filmen leben muss, sorgten wesentlich für das Überleben des KoKi.

1993: nicht nur kommunal – das "Kino im Künstlerhaus"

Da die städtischen Zuschüsse seitdem nur noch etwas über ein Drittel des Kinos finanzieren, wurde die zentrale Spielstelle des KoKi 1993 in "Kino im Künstlerhaus" umbenannt. Der Etat des Kinos liegt mittlerweile bei knapp 800.000 DM. Etwas über 300.000 DM zahlt die Stadt Hannover, rund 200.000 DM werden durch Eintrittsgelder eingenommen, die restlichen 300.000 DM von Dritten finanziert. Nach anfänglichen Berührungsängsten mit privaten Geldgebern und einigen Bauchschmerzen, was das Thema „Werbung“ vor den Filmen angeht, ist der einstige Purist Sigurd Hermes mittlerweile stolz darauf, dem KoKi diese Finanzierungsmöglichkeiten eröffnet zu haben. Der Kinobetrieb wird durch steigende Filmmieten, Transport- und Personalkosten von Jahr zu Jahr teurer. Gleichzeitig sinkt die Chance, Filmkultur durch öffentliche Mittel zu finanzieren. Das Einwerben von Drittmitteln gewinnt daher immer größere Bedeutung und nimmt neben der Konzeption des Programms einen Großteil der Arbeitskraft des KoKi-Leiters in Anspruch.

"Alles zeigen wir Ihnen nicht, aber vieles, was Sie sonst nicht sehen könnten." Die Devise von Sigurd Hermes bestimmt nach wie vor das Programm. In den letzten 25 Jahren hat das KoKi über 10.000 Filme präsentiert, von denen rund 80% Erstaufführungen waren. "Das heißt, wir haben in diesen 25 Jahren 8.000 Filme dem hannoverschen Publikum vorgestellt, wo wir davon ausgehen können und auch das Publikum davon ausgehen kann, dass sie die Filme sonst hätten nie sehen können."

1994: Ritterschlag für Sigurd Hermes

Höhepunkt und Schwerpunkt des Programms der letzten 25 Jahre ist das europäische Kino, federführend das französische, z.B. mit großen Retrospektiven der Filme Jean Renoirs oder François Truffauts. Für dieses Engagement ist Sigurd Hermes 1994 zum "Ritter des Ordens für Kunst und Literatur" der französischen Ehrenlegion ernannt worden.

1997 bis 2000: EXPO-Projekt "Weltkino"

In den letzten Jahren wird zudem der Blick auf noch unbekannte Filmländer immer wichtiger. Seit März 1997 läuft mit dem Expo-Projekt „Weltkino“ das längste Festival, das die KoKi-Besucher je gesehen haben. Alle Teilnehmerstaaten der Weltausstellung sollen hier filmisch vorgestellt werden: Bisher wurden über 70 Filmländer rund um den Globus präsentiert. "Ob Asien, Afrika oder Lateinamerika, überall gibt es Entwicklungen," so Hermes, "die wir, aus irgendeiner überheblichen Position heraus, diesen Ländern gar nicht zugetraut haben."

Spektrum der Filmkultur

Viele Bereiche des Filmschaffens, die im privatwirtschaftlichen Kino oder im Fernsehen ausgeklammert werden, haben im KoKi ihre Heimat gefunden. In den 70er und frühen 80er Jahren hat sich das KoKi z. B. maßgebend für den experimentellen Film eingesetzt. Durch diese Vorreiterarbeit in Hannover wurde auch andernorts das Interesse für Filmemacher wie Werner Nekes, Klaus Wyborny, Heinz Emigholz oder Birgit und Wilhelm Hein geweckt. Die Idee für einen "Experimentalfilmworkshop", mittlerweile das „European Media Art Festival“ in Osnabrück, ging von hier aus. Es gab auch eine Phase, in der sich das KoKi intensiv um den internationalen Kurzfilm gekümmert hat.

Die "Perlen 99", das mit 20 Jahren dienstälteste schwul-lesbische Filmfest seiner Art in der Bundesrepublik (bis 1996 unter dem Namen "Schwule Filmtage"), ist ein weiterer Programmhöhepunkt des KoKi, der sich beim Publikum großer Beliebtheit erfreut. Ebenso erfolgreich ist ein ganz junges Festival. Das Kinderfilmfest "Sehpferdchen" wird im Mai 2000 zum zweiten Mal stattfinden. Hier sind die Kinder selbst in jeder Form die Protagonisten, von der Kinderjury bis zum Basteln der Dekoration.

Großen Publikumszuspruch finden auch die live musikalisierten Stummfilmveranstaltungen. Den erste Film, der 1974 auf der KoKi-Leinwand lief, F. W. Murnaus SCHLOSS VOGELÖD, sahen seinerzeit nur eine Hand voll Zuschauer. Heute gibt es viele Veranstaltungen, wo die 160 Plätze des KoKi nicht mehr ausreichen und Besucher nach Hause geschickt werden müssen. "Alle Kollegen in Deutschland beneiden Hannover um diese Besucherzahlen."

Das Publikum

So unterschiedlich wie das Programm sind auch die KoKi-Zuschauer. Für Hermes ist es „witzig zu beobachten, dass sich das Publikum von einem Monat zum anderen mitunter ganz austauscht“. Das KoKi hat zwar eine große Zahl treuer Stammgäste, aber kein Laufpublikum. Seine Besucher wählen gezielt Filme aus und kommen zum Teil aus ganz Niedersachsen, um sie zu sehen. Mit durchschnittlich 47 Gästen pro Veranstaltung liegt Hannover im oberen Fünftel im Vergleich zu größeren Städten wie Hamburg, München oder Berlin.

Die vielfältigen Interessen des Publikums spiegeln sich auch in einem Programm mit dem Titel "25 Jahre KoKi", das im Oktober beginnt und bis Weihnachten laufen wird. Hier werden 25 Filme aus den letzten zehn Jahren gezeigt, die den meisten Publikumszuspruch hatten. Das Spektrum reicht vom klassischen Repertoire wie METROPOLIS oder STALKER bis hin zu Debütfilmen ganz junger Regisseure.

Zum Jubiläum am 15. Oktober wird aus Kostengründen eine kombinierte Party gefeiert. Sigurd Hermes Filmlieblingsland Frankreich eröffnet im Rahmen des „Weltkino“-Projekts, und anschließend wird, gesponsort vom Institut Français, auf 25 Jahre KoKi angestoßen. Auch in Zukunft gibt es Anlass zum Feiern. Voraussichtlich ab November wird das Künstlerhaus umgebaut, und mit Hilfe von Sponsoren hofft das KoKi, die Finanzierung für eine bequeme Kinobestuhlung zu sichern. Zur Einweihung des verspäteten Geburtstagsgeschenks soll im Mai 2000 eine riesengroße Party steigen.

In den letzten 25 Jahren herrschte im KoKi nicht immer Partystimmung. Die bewegten Zeiten des Kinos haben Sigurd Hermes buchstäblich ergrauen lassen. Doch rückblickend hat ihm "alles irrsinnig viel Spaß gemacht. Und ich finde, Grau steht mir auch ganz gut." Zur Eröffnung des KoKi 1974 bekam er übrigens ein Stehaufmännchen geschenkt.

Nachtrag 2002

Seit 1999 hat sich im KoKi viel getan: Nach dem Umbau des Künstlerhauses von 1999 bis 2001 erstrahlt das Kino in neuem Glanz. Es gibt wohl kaum ein Lichtspielhaus, das über ein so stilvolles Foyer mit Lichthof und Wendeltreppe verfügt. Auch die alten Holzklappstühle gehören der Vergangenheit an. Inzwischen darf auf bequemen Kinosesseln Platz genommen werden. Einziger Wermutstropfen: Günter Möhrmann, legendärer Vorführer des KoKi und gemeinsam mit Sigurd Hermes seit 1974 ein "Mann der ersten Stunde" ging 2001 in den Ruhestand. Beim Kino im Künstlerhaus ist an Ruhestand jedoch nicht zu denken – neue Projekte sorgen nach wie vor für "bewegte Zeiten".