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11. Türchen: Tokyo Godfathers

Hier mal ein Weihnachtsfilm der etwas anderen Art: Ein warmherziger Anime, dessen Hauptfiguren obdachlos sind und ihr ganz eigenes Weihnachtsabenteuer erleben.
Tokyo Godfathers, welche Rolle spielt Tokyo?

Tokyo Godfathers
(Japan 2003, 88 Minuten) Anime/Tragikkomödie
https://www.youtube.com/watch?v=ZL_2E-HfIZY

Triggerwarnung: Transphobie

 

Handlung

“Tokyo Godfathers” erzählt die bewegende Geschichte von drei obdachlosen Großstädter*innen, die von der Gesellschaft verstoßen wurden. Die exzentrische Drag-Queen Hana, der alkoholabhängige Gin und die junge Ausreißerin Miyuki geben eine ungewöhnliche Familie ab. Den Dreien fehlt es zwar an Besitz und Reichtum, aber nicht an Nächstenliebe.
Als die Herumtreiber*innen an Heiligabend auf einer Müllkippe ein ausgesetztes Baby finden, wollen sie dem kleinen Mädchen um jeden Preis helfen. Werden Hana, Gin und Miyuki die Eltern des Babys finden und das Rätsel um das Findelkind lösen können? Und werden die drei Großstadt-Weisen endlich ein Weihnachtswunder erleben? tagesspiegel.de

Im eingeschneiten Tokyo verfolgen die drei die Spur des Kindes zurück, zu Bahnhofsschließfächern, verlassenen und abgerissenen Häusern, werden sogar in einen Bandenkrieg hineingezogen und riskieren bei Kämpfen mit Jugendlichen und wilden Verfolgungsjagden Kopf und Kragen. Vor allem stoßen die drei aber auf eine Reihe menschlicher Schicksale und Tragödien und nicht zuletzt entdecken sie ihre eigene familiäre Vergangenheit ganz neu. japankino.de

Fun-Facts

Obgleich Animes beim westlichen Publikum lange als Zeichentrickfilme für Kinder abgetan wurden, wird diese Filmkunst mittlerweile mehr geschätzt. Schätzenswert ist auch dieser Weihnachtsfilm der etwas anderen Art, mit Tokyo Godfathers hat Regisseur Satoshi Kon sich selbst übertroffen.

Die drei ungleichen Hauptfiguren bilden spätestens mit dem zufälligen Fund des Babys die (etwas unkonventionelle) Familie, nach der sie sich immer gesehnt haben. Weihnachten - das Fest der Familie - wird auch in Japan gefeiert, und so steckt dieser Film voll christlicher Symbolik. Einige betrachten ihn sogar als eine Interpretation der Weihnachtsgeschichte. Zwar wird bereits am Anfang des Films ein Krippenspiel aufgeführt und das Baby zwischen den Mülltüten wird ebenfalls Jesus ähnlich inszeniert, doch der Film nimmt vor allem Bezug auf den US-amerikanischen Western Spuren im Sand von John Ford aus dem Jahr 1948. In diesem finden drei Bankräuber ein Baby in der Wüste und bringen es zurück zur Zivilisation.

Trotzdem spielt das Weihnachtsfest in Tokyo Godfathers eine große Rolle und zeigt somit eine Annäherung Japans an die westliche Welt. Dies schlägt sich auch im Soundtrack nieder, es tauchen sowohl Beethovens „Ode an die Freude“ als auch „Stille Nacht, heilige Nacht“ auf.
Der Anime vermittelt aber auch klassische japanische Kulturgüter. Neben den gelegentlich eingebauten Haiku, kann der der Film auch als eine Liebeserklärung an die Stadt Tokyo gehandelt werden. Immer wieder tauchen bekannte Gebäude wie die Doppeltürme des tokyoer Rathauses und der Tokyo Tower auf.
Eine weitere architektonische Besonderheit fällt erst beim genaueren Hinsehen auf: Die Gebäude scheinen teilweise Gesichter zu haben, welche die Stimmung der Hauptcharaktere wiederspiegeln. Fenstereihen bilden Augen, Türen fungieren als Münder. Der Regisseur fing einmal hobbymäßig an solche „faces of buildings“ mit seiner Kamera einzufangen, in Anlehnung an den Pantheismus, bei dem es keine personifizierten Schöpfer gibt, sondern sich das Göttliche überall finden lässt, auch in alltäglichen Gebäuden.

Die Stadt Tokyo wird sehr kontrastreich inszeniert. Am Tag scheinen die Straßen grau, es werden auch schmutzige Ecken wie verlassene Hinterhöfe und Luftschächte gezeigt und die Figuren wirken beklemmt, vor allem als sie bei einer Straßenbahnfahrt aufgrund ihrer Obdachlosigkeit angepöbelt werden. Bei Nacht hingegen leuchten die Neonschilder und die drei treffen auf den belebten Straßen Freund*innen und Gleichgesinnte – die Nacht ist ihre Welt.

Problematisch an diesem Film ist leider, dass die Figur Hana – mal als ehemalige Drag Queen, mal als Transfrau bezeichnet, wodurch beides gleichgesetzt wird, obwohl es nicht das gleiche ist – von anderen Figuren mehrmals misgendert, also mit falschen Pronomen angesprochen wird. In zahlreichen Kritiken zum Film passiert das ebenfalls, zudem ist eine Review-Seite der Ansicht, dass der Film nicht für Kinder geeignet wäre, aufgrund der „reichlich verstörenden Drag Queen“. Dabei haben Kinder gar nicht so viele Probleme damit zu akzeptieren, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt und Personen, die keinem bestimmten Geschlechterklischee entsprechen. Vielmehr sind die Erwachsenen, deren Kindern solche Filme aus dem Grund enthalten werden, als problematisch anzusehen.

Wo schauen?

Amazon ca. 4€ Leihgebühr