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Trauer um Hanna Carter geb. Binheim

„Wir überlebten, weil wir arbeiten konnten“

Die Städtische Erinnerungskultur trauert um Hanna Carter geb. Binheim aus Hannover, Kindertransport-„Kind“ und Auschwitz-Überlebende, die am 25. April 2020 im Alter von 93 Jahren in Kalifornien gestorben ist.

Der amerikanische Photograph Clifford Lester fotografierte Hanna und Fred Carter 2015 für die Ausstellung der Städtischen Erinnerungskultur „Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938-1939“. Seine eigene Mutter stammte ebenfalls aus Hannover und überlebte in einem Versteck in Amsterdam. Clifford Lester hat es sich zur Aufgabe gemacht, Holocaust-Überlebende zu fotografieren, „um den Glauben und Mut der Überlebenden einzufangen und das Gedenken an geliebte Verstorbene zu wahren, damit die Erinnerung an den Holocaust und die Lehren daraus nie vergessen werden.“ © Clifford Lester

Der amerikanische Photograph Clifford Lester fotografierte Hanna und Fred Carter 2015 für die Ausstellung der Städtischen Erinnerungskultur „Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938-1939“. Seine eigene Mutter stammte ebenfalls aus Hannover und überlebte in einem Versteck in Amsterdam. Clifford Lester hat es sich zur Aufgabe gemacht, Holocaust-Überlebende zu fotografieren, „um den Glauben und Mut der Überlebenden einzufangen und das Gedenken an geliebte Verstorbene zu wahren, damit die Erinnerung an den Holocaust und die Lehren daraus nie vergessen werden.“

Hanna wurde am 7. Oktober 1926 als drittes Kind von Fritz Binheim und Frieda geb. Adler in Hannover geboren. Sie wuchs mit ihren älteren Geschwistern Hans-Werner und Ruth über dem Manufakturwarengeschäft der Eltern in der Ebhardtstraße gegenüber der Aegidienkirche auf.

Am Morgen des 10. November 1938 erlebte Hanna, wie das elterliche Geschäft von „Braunhemden“ verwüstet wurde. Ihr Vater beschloss, seinen Laden zu verkaufen und zu emigrieren. Bis zum Erhalt eines Visums für die USA schickte er seine Kinder mit einem von Hilfsorganisationen organisierten jüdischen Kindertransport in die vermeintliche Sicherheit in die Niederlande. Die Eltern blieben zurück in Hannover.

Hans-Werner, Ruth und Hanna verließen Hannover am 4. Januar 1939; Hanna war zwölf Jahre alt. Auf dem Bahnsteig sahen sie ihren Vater zum ersten Mal weinen – und sahen ihn nie wieder. In den Niederlanden kamen die Kinder an verschiedenen Stellen unter: Ruth kam über Umwege zu einer Tante in Amsterdam. Hanna kam bei der jüdischen Familie Wallage in Groningen unter, Hans-Werner lebte zum Schluss im Werkdorp Wieringen, wo jüdische Jugendliche auf die Auswanderung vorbereitet wurden. Die Eltern Fritz und Frieda Binheim in Hannover schafften es nicht mehr, wie erhofft, in die USA auszuwandern. Sie wurden am 2. März 1943 deportiert und in Auschwitz ermordet.

Auch in den 1940 von deutschen Truppen besetzten Niederlanden gab es für Juden keine Sicherheit vor den Deportationen. Bereits 1941 wurde Hans-Werner deportiert und später in Mauthausen ermordet.  Ruth und Hanna wurden 1943 in das Lager Westerbork und dann 1944 nach Auschwitz deportiert. Hanna schrieb später: „Wir überlebten, weil wir arbeiten konnten.“ Ruth erinnerte sich, dass die gegenseitige Unterstützung der Schwestern überlebenswichtig war: „Wenn Hanna und ich uns nicht gehabt hätten, hätten wir nicht überlebt.“

Hanna und Ruth überlebten Auschwitz und einen „Todesmarsch“ und wurden im Mai 1945 von sowjetischen Soldaten in einem Lager in der Slowakei befreit. Die Sowjets übergaben sie an amerikanische Truppen, die sie in die Niederlande brachten. Dort wurden sie gesucht – und gefunden – von einem jungen Mann, der sie aus Amsterdam kannte. Er hieß Manfred Cohen und hatte versteckt überlebt. Er wollte in die USA emigrieren und fragte Hanna, ob sie mitfahren möchte. Sie folgte ihm 1947 nach Kalifornien, wo Manfred seinen Namen in Fred Carter änderte. Hanna und Fred waren 71 Jahre glücklich verheiratet. Fred sowie Hannas Schwester Ruth Wallage-Binheim starben beide im Juli 2019.

 

Mehr über die Geschwister Binheim und andere „Kinder“ der Kindertransporte aus Hannover im Begleitband zur Ausstellung von 2015:

Schriften zur Erinnerungskultur in Hannover, Band 8

"Fremde Heimat. Rettende Kindertransporte aus Hannover 1938/39"

Herausgegeber: Dr. Karljosef Kreter, Julia Berlit-Jackstien, Florian Grumblies, Dr. Edel Sheridan-Quantz
Im Auftrag der Landeshauptstadt Hannover, Fachbereich Bildung und Qualifizierung, Städtische Erinnerungskultur, Hannover 2015

Mit Beiträgen von Prof. Dr. Wolfgang Benz, Julia Berlit-Jackstien, Dr. Marlis Buchholz, Dr. Rebekka Göpfert, Florian Grumblies, Wiebke Hiemesch, Dr. Karljosef Kreter, Lilly Maier, Dr. Edel Sheridan-Quantz