Das offizielle Portal der Region und der Landeshauptstadt Hannover

Veranstaltungen

August 2017
8.2017
M D M D F S S
31 1 2 3 4 5 6
7 8 9 10 11 12 13
14 15 16 17 18 19 20
21 22 23 24 25 26 27
28 29 30 31 1 2 3
Heute | Wochenende | kostenlos | Suche

Top-Services

Ratgeber

Industriekultur © Region Hannover

Zeugnis der Industrialisierung: Glasofen im Deister

Industriekultur im östlichen Deister

Station 9 - Glashütte Steinkrug: Einzigartiger Turmofen

Apollo, Vulkan oder doch Glasofen, im Deister finden sich Relikte aus den Anfängen der industriellen Glasherstellung.

Ein Kegel steht im Wald - aus Sandstein und mit Fenstern darin. Manche erinnert das 13 Meter hohe, einmalige Relikt aus den Anfängen der industriellen Glasherstellung in der Region Hannover an die Spitze einer Mondrakete. Es hätte den „Apollo“-Konstrukteuren als Vorlage für ihre Raumkapsel dienen können. Wegen des Lochs oben drin - dort war früher ein Schornstein aufgesetzt - fühlen sich einige auch an einen Vulkan erinnert. Das kommt dem Zweck des in Deutschland nahezu einzigartigen Turmofens aus Sandstein schon recht nahe, denn er diente zum Schmelzen von Quarzsand zur Glasherstellung. Innen im Kegel stand der riesige Glasofen, dessen starkes Feuer durch unterirdisch gelegene Luftkanäle angefacht wurde. 1700 Grad musste es schon heiß werden, sonst verflüssigte sich der Quarzsand nicht. An den Kegel herangebaut waren noch einige Häuser für die Glasproduktion sowie die Schleiferei. Mit der Luft aus den Lungen kräftiger Männer entstanden hier aus dem breiigen Glas von 1834 bis 1928 viele Millionen von Flaschen für Brauereien, die chemische und die Arzneimittel-Industrie.

Warum wurde die Glashütte gerade hier errichtet?

Familie Knigge, der die Gegend gehörte, hatte alle passenden Rohstoffe für die damals aufstrebende Glasindustrie beisammen. Sandstein zum Bauen, Ton für die Formen im Ofen sowie Kalk, Kohle und Holz. Schon 1809 legte Freiherr Wilhelm Carl von Knigge, der auf dem benachbarten Gut Bredenbeck lebte, die Grundlage zum Bau der Glashütte. Wilhelm-Freiherr Knigge Harkerode, der von 1861 bis 1928 lebte, baute dann den den Bergbau im östlichen Deister sowie die Glasverhüttung in Steinkrug aus. Mit Holz aus den Wäldern und Deisterkohle - beides aus dem westlich gelegenen Kniggeschen Forst - konnte der Quarzsand aus Holtensen (ebenfalls nur ein paar Kilometer entfernt) so unter Feuer gesetzt werden, dass er schmolz. Sulfat kam aus Linden und Oker, einem Stadteil von Goslar, im Harz, Braunstein aus Thüringen. Um die begehrten blauen, braunen und grünen Flaschen herzustellen, brauchte man noch Sodasalz. Das wurde aus Barmen (heute zu Wuppertal) herangeschafft. Kalk karrten die Arbeiter aus den etwas südlich gelegenen Völksener Steinbrüchen sowie aus Unsen bei Hameln herbei. Um feineres Glas zu produzieren, war auch feinerer Sand notwendig, wie durch Sanduhren rieselt. Den gab es bei Nienburg und in der Lüneburger Heide.

Wo lebten die Arbeiter?

Bis zu 120 Mitarbeiter waren in der Blütezeit in der Glashütte aktiv. Sie wohnten in der Nachbarschaft wie in einer Kolonie. Die skeptischen Einheimischen nannten die Zugezogenen „Hüttjers“. Viele kamen aus dem rund 80 Kilometer entfernten Lipper Land um Detmold, wo die Glashütten ab 1830 wegen Brennstoffmangels aufgeben mussten. Einige der lang gestreckten Arbeiterhäuser stehen noch südöstlich des Kegels an der Straße „Auf der Glashütte“ am Waldrand. Die „Hüttjer“ hatten dort oben seit 1866 sogar eine eigene, einklassige Schule für ihre Kinder und einen Kramladen. Sie betrieben oft Landwirtschaft im Nebenerwerb oder zogen sich ihre Radieschen im eigenen Garten. Wenn sie auch abgesondert lebten, bald schon waren sie der bäuerlichen Dorfbevölkerung ein gern gehörter Gast: Wegen ihrer kräftigen Lungen, die sie ja beim Glasblasen trainierten, waren sie als Sänger gefragt. Gerade dem Holtenser Gesangverein verhalfen die „Hüttjer“ zu großem Ruhm auf Sängerfesten. Concordia Holtensen wurde 1887gegründet und besteht noch heute. Der Sportverein SV Steinkrug wurde 1920 ins Leben gerufen, bangt aber nach 90 Jahren um seine Zukunft. Er hat seinen Platz am Ende der Glashüttenstraße.

Wie sah das Glas aus?

Wer in der Nähe des alten Glockenturms im Wald zwischen dem Glaskegel und dem Gasthaus Steinkrug ein wenig im Boden stochert, findet vielleicht noch ein paar der farbigen Scherben. Auf einigen sind eingegossene Buchstaben zu erkennen. „Eigenthum der Brauerei“ stand auf mancher Bierflasche, die den heißen Ofen verließ. Die dickwandigen Flaschen wurden damals auch für Flüssigkeiten aus Chemie und Pharmazie hergestellt und bis Südamerika und Afrika exportiert. Mit Stroh umhüllt gelangte das kostbare Gut auf Leiterwagen zum Bahnhof nach Hannover und von dort in alle Welt. Von 1872 an erleichterte der im zwei Kilometer entfernten Bennigsen eröffnete Bahnhof den Export. Von dort kam nun auch die Deisterkohle per Pferdefuhrwerk. 1873/74 konnten 1,5 Millionen Korb-, Tafel-, Bier-, Wein-, Arznei- und Ballonflaschen - von 5 bis 54 Litern Größe - verkauft werden.

Wer sich die alten Flaschen näher betrachten will, findet noch erhaltene Exemplare in der Heimatstube Bredenbeck (siehe diese). Dort erfährt man auch, wie das königsblaue Glas entstand: Zu 100 Gramm Quarzsand kam ein Gramm Kobaltoxyd.

Wie ging es zu Ende?

1859 kaufte der Bremer Kaufmann Caspar Hermann Heye die Hütte. Er hatte Glasproduktionen im Schaumburger Land sowie bald auch in Nienburg und in der Lausitz. Was am Steinkrug an Glasflaschen entstand, war ihm zu wenig. Er ließ ein paar hundert Meter weiter eine „Neue Hütte“ bauen. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde die Herstellung ständig mehr automatisiert: Gas- ersetzte Kohlefeuer, eine Glasblasemaschine machte die Bläser überflüssig. Nach 1918 waren nur noch 55 Arbeiter in der „Neuen Hütte“ beschäftigt, der alte Kegel wurde nicht mehr angeheizt. Die Rohstoffe versiegten, die Transportkosten stiegen, 1928 war der „Steinkrug“ nicht mehr konkurrenzfähig und gab auf. Die Freiherrn von Knigge machten aus der „Neuen Hütte“ am Waldrand ein Sägewerk, heute ist dort ein Landschafts- und Gartenbaubetrieb in Aktion. Im einzigen Fachwerkhaus am Kegelofen, dem Direktorenhaus, befand sich ab 1947 die Vogelschutzwarte Niedersachsen, eine private Gründung. Sie wurde in den siebziger Jahren in die Fachbehörde für Naturschutz in Niedersachsen integriert.