HANNOVER.DE | Das offizielle Portal der Region und der Landeshauptstadt Hannover

Station 9 - Conti Limmer: Werk auf der "grünen Wiese"

Gleich gegenüber befindet sich das große Gelände der einstigen Continental-Werke. Es ist ein Wahrzeichen für Limmer: die Conti mit den alten, roten, fünfgeschossigen Backsteinhäusern und dem gelben Emblem am 51 Meter hohen Wasserturm. Er war einst ein fast doppelt so hoher Schornstein. Bevor hier von 1897 an die Produktionsstätten des Gummi- und Reifenherstellers errichtet wurden, der damals noch nicht „Continental“ hieß, war alles grüne Wiese. Das am Rand der hannoverschen Innenstadt am Klagesmarkt liegende Firmengelände der 1862 gegründeten „Hannoverschen-Gummikamm-Fabrik“ war zu eng geworden. Die Firma, eine der ersten Gummifabriken Deutschlands, war sehr erfolgreich, die Industrialisierung lief auf Hochtouren. Der Gründer Johann Louis Martiny hatte zuvor in Hainholz eine Kammsägerei betrieben und schon Hartkautschuk verarbeitet. Bereits 1867 produzierte die neue Firma Hunderttausende Gummikämme sowie Schmuck und Industrieprodukte und präsentierte sich auf der Pariser Weltausstellung. 1883 floss neues Kapital zu, denn die Firma wuchs zur Aktiengesellschaft heran und produzierte nun auch Bodenbeläge, Schreibmaschinenwalzen und Puppen. In Limmer war endlich Platz auf einem keilförmigen Areal, das durch den Lindener Stich- und den Leineverbindungskanal eingerahmt wird. Im Süden wird das 17 Hektar große Gelände durch die Wunstorfer Straße begrenzt.

Zunächst wurden in Limmer Kleinteile wie Kämme, Bälle oder medizinische Artikel produziert, später kamen Fahrrad- und Autoreifen hinzu. 1891 hatte die „Gummi-Kamm-Compagnie“ schon 1000 Arbeiter und konnte das neue Patent eines Schlauchreifens in die Praxis umsetzen. Die aus Mantel und Schlauch bestehende Bereifung hieß „Excelsior-Pneumatic“. An der Wunstorfer Straße entstand 1898 im Stil der neugotischen Rathausarchitektur ein repräsentativer Verwaltungsbau. 1905 wurde die Straßenfront durch ein zweites Direktionsgebäude verlängert, das nur einen torartigen Durchgang freiließ. Nach Fertigstellung des Lindener Hafenkanals (1917) kamen von 1920 bis 1922 am Wasser noch zwei fünfgeschossige Fabrikationsgebäude hinzu. Diese Häuser mit ihrem Fassadenschmuck aus Reifen bilden zusammen mit dem zum Wasserturm umgebauten Schornstein noch heute einen unverwechselbaren Blickfang. Das alles ist jedoch nur von außen zu besichtigen - von der Wunstorfer Straße aus. Von dort sieht man zum Beispiel die rot-blauen Klinkerpfeiler, 1,05 Meter breit, die 17 Meter weit hinauf zum Kapitell mit Deckplatten ragen.

Die Firmengeschichte verlief so weiter: 1928 gingen die in eine Absatzkrise geratenen „Hannoverschen Gummiwerke Excelsior“ mit der kleineren, in der Stadt ansässigen „Continental Caoutchouc- und Guttapercha-Compagnie“ sowie drei auswärtigen Firmen eine Allianz unter dem Namen Continental ein. Im Jahre 1943 meldete die Conti mit dem ersten schlauchlosen Reifen eines ihrer bedeutendsten Patente an. Hergestellt wurden alle möglichen Gummiprodukte, von chirurgischem Besteck über Batteriekästen und Kraftstofftanks bis zu Schuhsohlen. Im letzten Kriegsjahr versuchte man, die Produktion mit Hilfe von Zwangsarbeitern in Stollen zu verlegen, um vor Luftangriffen sicher zu sein. Es gab ab 1944 eine verstärkte Produktion von Gasschutzmasken, die von Häftlingsfrauen erledigt werden musste (siehe KZ Limmer). Bald war das Werk allerdings in Teilen durch die Bomben in Schutt und Asche gelegt. In den 50er Jahren lief die Produktion wieder an. 1999 gab die Conti den Standort in Limmer ganz auf. Die Produktions- und Verwaltungsbereiche wanderten nach Stöcken am Nordhafen.

Auf dem Firmengelände in Limmer ist heute der Bau eines Wohnquartiers „Wasserstadt Limmer“ geplant. Verzögerungen bei der Planung ergaben sich durch Konflikte um den Erhalt einiger historischer Gebäude und der starken Vergiftung des Geländes in einigen Bereichen. Im restaurierten Teil der Hauptgebäude an der Wunstorfer Straße sind schon Firmen eingezogen. Fahmoda, eine Modeschule, ist eine davon.

Continental Gummiwerk Hannover-Linden, Wunstorfer Landstraße 130. Das ehemalige Betriebsgelände ist derzeit nicht zugänglich, kann aber von der Wunstorfer Straße aus gut eingesehen werden. Buslinie 700, Haltestelle Steinfeldstraße.