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Kulturhauptstadt Europa 2025

Hannover bewirbt sich mit dem Kunstwerk "Bid Book" zur Kulturhauptstadt

Wie alles an Hannovers Bewerbung zur Kulturhauptstadt Europas 2025 ist auch das "Bid Book" selbst ein Kunstwerk. Gemeinsam mit Kulturdezernentin Konstanze Beckedorf, Melanie Botzki und Inga Samii vom Team Kulturhauptstadtbewerbung lüftete der für das Design verantwortliche Künstler und Typograph Sebastian Peetz das Geheimnis um die Optik und die Besonderheiten des Kunstwerks "Bid Book" am Donnerstag, dem 26. September, im Sprengel Museum Hannover. Details zur Entstehungsgeschichte des Werks - von der Materialauswahl, über Einband und Rückseite, über Papier und Schriften bis hin zu Bildern, Bindung und weitere Informationen über Hannovers "Bid Book" - wurden vom Designkünstler vorgestellt.

Plastisch, einfarbig, die Buchstaben von Hannover "eingebaut", in der Mitte eine "echte" Vertiefung aus dem quergelegten "o" aus Hannover, die "Agora", umgeben von fiktiven Gebäuden, Plätzen und Flächen: Das Cover des Kunstwerks "Bid Book" ist in seiner fragmentarischen Topographie eine Hommage an Kurt Schwitters "Merzbau". Und auch der Buchrücken nimmt Bezug zum Künstler: "vorwärts nach weit" steht dort in zarten Lettern. Das ist laut Schwitters dadaistischer Herleitung die Bedeutung des Wortes Hannover. Damit schlägt die Stadt den Bogen zu ihrer ersten Präsentation 2017 im Wettbewerb zur Kulturhauptstadt Europas 2025. Schon da sorgte die Präsentation eines "Hannover hat nichts"-Plakat gemeinsam mit Schwitters "vorwärts nach weit"-Ausführungen für Furore. Und mit Kurt als einen Protagonisten des in Romanform geschriebenen "Bid Books" ist Schwitters in Hannovers Bewerbung nun omnipräsent.

Neben dem auffällig gestalteten Cover zeichnet das hannoversche Kunstwerk "Bid Book" weitere Besonderheiten aus.

Für die Entstehung hat die mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnete Landeshauptstadt Hannover auf Klimafreundlichkeit und Ressourcenschonung gesetzt: Zum einen mit als besonders nachhaltig ausgezeichneten Produkten aus Europa und zum anderen in der Herstellung mit lokalen Handwerkspartner*innen. Konstanze Beckedorf konstatiert: "Unser Bewerbungsteam zur Kulturhauptstadt Europas 2025 ist während der Herstellung des ‚Bid Books‘ noch mal um das ‚Design-, Drucker- und Buchbindeteam Hannover 2025‘ angewachsen. Die Euphorie für das ‚Bid Book‘ treibt alle zu Höchstleistungen: Nur das Beste ist gut genug für Hannover. Dafür vielen Dank an alle."

Für Sebastian Peetz ist klar: "Vielleicht ist in Hannover gerade das nachhaltigste und handwerklichste, aber auch dickste und schwerste Bid Book entstanden." Das hannoversche Bid Book wiegt 5,8 Kilogramm, ist 7,5 Zentimeter dick, hat pro Exemplar 16, von Hand eingeklebte Bilder und erfüllt alle formalen Bewerbungsvorgaben wie DinA4, 60 Seiten und die Antworten auf 38 Fragen. "Wir haben alle kreativen Möglichkeiten in der Umsetzung der Formalien ausgelotet und umgesetzt", so Peetz.

Inhalt und Design entwickeln sich im kreativen Prozess gleichzeitig

Der Designkünstler hat mit diesem Projekt auch spannendes Neuland betreten: "Design und Inhalt haben sich in diesem Prozess gleichzeitig entwickelt", beschreibt Peetz seine Zusammenarbeit mit dem Autor Juan S. Guse. Während sich Guse inhaltlich der aktuell, prekären Situation Europas annähert, entstand in Peetz Kopf der künstlerische Einband aus den Worten "Hannover" und "Agora".

Papier aus recycelten Coffee-to-go-Bechern 

"Dass in Hannovers "Bid Book" viel drin ist, sieht man dem Buch schon von außen an", beschreibt Peetz seinen künstlerischen Anspruch ans Design und sagt über die Zusammenarbeit mit den Umsetzer*innen seiner Ideen: "Wir haben uns in jedem Arbeitsschritt gefragt, ob es nicht noch besser geht, noch feiner, noch außergewöhnlicher werden kann – und es ging."

In dieser intensiven Zusammenarbeit hat Peetz Inhalt und Design verschmelzen lassen. Dabei greift er gestalterisch auch die inhaltlichen (europäischen) Themen auf. Er verwendet für das "Bid Book" beispielsweise nachhaltiges Papier aus Schweden. Er lässt die auf besondere Art eingefügte Mappe mit den Antworten zur städtischen Finanzplanung auf Papier aus recycelten Coffee-to-go-Bechern drucken oder er nutzt die Schrift Global Warming in Anspielung auf den Klimawandel.

Die Seiten des "Bid Book" werden "europäisch" gezählt

Die Europäische Dimension der Idee der Kulturhauptstädte findet sich auch in den Seitenzahlen wieder: In Hannovers "Bid Book" werden die ungeraden Seitenzahlen in allen europäischen Landessprachen gezählt.

Mehr Informationen zum Material und der Herstellung

Materialauswahl

Papier aus Schweden, Lessebo Bruk. Es ist mit allen Umweltsiegeln das umweltfreundlichste Papier der Welt. Die seit 1658 in Småland / Schweden beheimatete Papierfabrik speist die überschüssige Hitze für Warmwasser in das Dorf zurück. Alle entstehenden Reste der Papierherstellung werden zu Biogas oder Biofuel verarbeitet.

Einband

Der Einband wurde aus 12 Schichten Lessebo gefertigt, in dem die Papierbögen in einem Spezialverfahren gedoppelt und dann mit einem Hochpräzisionslaser ausgeschnitten wurden.

Bindung

Japanische Broschur mit einer innovativen Fitzbundschlingknotenkettenstichbindung: statt einmal oben und einmal unten zu knoten, wird sechsmal geknotet, um zum einen die Stabilität und zum anderen eine einfache Öffnung der Buchseiten zu ermöglichen.

Überschriften Global Warming

Stan Studios, kreatives Kampagnenhaus mit Sitz in Stuttgart, Berlin, München und Amsterdam, hat eine Schrift entwickelt, die zeigt, wie die globale Erwärmung voranschreitet – von 1919, als die Erde am kühlsten war, über 1936, 1963, 1990, 2017 und 2018. Gemäß der Erderwärmung (NASA Daten) dekonstruiert die Schrift sich selbst, löst sich auf, gerät aus der Bahn, verschmilzt.

Dritte Dimension

Die Buchseiten wurden nicht nur auf Flächen gedruckt, sondern auch teilweise geschnitten.

Farbbilder

Hochpigmentierte Druckfarbe, gesondert gedruckt und von Hand eingeklebt

Mappe aus recycelten Papier aus Coffee-to-go-Bechern

"Extract" ist eine Lösung für ein weltweit verbreitetes Problem: Mit der "CupCycling"-Technologie kann die Materialmischung aus Papier und Polyethylen von Einwegbechern auf umweltschonende Weise voneinander getrennt werden. 90 Prozent des Bechers werden zu Papier verarbeitet und aus den verbleibenden 10 Prozent Plastik entstehen andere Produkte.

RÜCKSEITE

Die Rückseite ziert ein "vorwärts nach weit" und nimmt Bezug auf folgende Kurt Schwitters Aussage, 1920:

"Die Hannoveraner sind die Bewohner einer Stadt, einer Großstadt. Hundekrankheiten bekommt der Hannoveraner nie. Hannovers Rathaus gehört den Hannoveranern, und das ist doch wohl eine berechtigte Forderung. Der Unterschied zwischen Hannover und Anna Blume ist der, daß man Anna von hinten und von vorn lesen kann, Hannover dagegen am besten nur von vorne. Liest man aber Hannover von hinten, so ergibt sich die Zusammenstellung dreier Worte: "re von nah". Das Wort "re" kann man verschieden übersetzen: "rückwärts" oder "zurück". Ich schlage die Übersetzung "rückwärts" vor. Dann ergibt sich also als Übersetzung des Wortes Hannover von hinten: "Rückwärts von nah". Und das stimmt insofern, als dann die Übersetzung des Wortes Hannover von vorn lauten würde: "Vorwärts nach weit". Das heißt also: Hannover strebt vorwärts, und zwar ins Unermeßliche. Anne Blume hingegen ist von hinten wie von vorne: A-N-N-A. (Hunde bitte an die Leine zu führen.)"

Die lokalen Handwerkspartner*innen

Design und Gestaltungskonzept: Sebastian Peetz

Papierschnitte: Matthias Hußmann, Ermonis, Ehlershausen

Buchbinderarbeiten: Hans-Jürgen Vehse, Vehse Feinbuchbinderei, Hannover

Produktionskoordination: Christian Lieb, Hannover

Druck: Gutenberg Beuys Feindruckerei, Hannover

Zu Sebastian Peetz

Sebastian Peetz studierte in der Schweiz bei Evelyn Sucher Typographie und bei Pierre Neumann Plakatgestaltung am Art Center College of Design. Schon früh zeichnete seine Arbeit eine spielerische Überwindung der Grenzen zwischen angewandter Kunst und Schriftgestaltung aus.

In Paris arbeitete er bei Philippe Apeloig, Designer für Norman Foster, Jean Nouvel, dem Louvre Abu Dhabi und Hermès. Er übernahm die Leitung der Pariser Agentur und kehrte 1996 in seine Heimatstadt Hannover zurück. Hier arbeitet er für kulturelle und medizinische Projekte, für Museen, Schulen und die Stadt. Bekannt in Hannover ist er für: Plakatmotive zur Fête de la Musique 2008 bis 2014, Corporate Design für das Museum Wilhelm Busch, Kommunikation für Freunde des Sprengel Museum Hannover (seit 2004), Reihe aller CDs für den Knabenchor Hannover.

Für Hannovers Kulturhauptstadtbewerbung hat er sich die Plakatkampagne mit erfundenem Europawahlkampf und hintersinnigen Sprüchen zu den zentralen Themen ausgedacht.

Die nächsten Termine in der Bewerbungsphase zur Kulturhauptstadt Europas 2025

30. September 
Abgabe des Bid Books bei der Kulturstiftung der Länder, Berlin

01. Oktober
Pressegespräch Präsentation der deutschen Städte, die sich um den Titel Kulturhauptstadt Europas 2025 bewerben, mit dreiminütigen Statements pro Bewerberstadt (in alphabetischer Reihenfolge)

10. und 11. Dezember
Jury-Präsentation aller Bewerberstädte bei der Kulturstiftung der Länder, Berlin

12. Dezember 
Jury verkündet, welche Städte in die zweite Bewerbungsrunde kommen