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Tag der Provenienzforschung

Suche nach NS-Raubgut im historischen Bestand der StaBi

Die Frage nach der Provenienz (Herkunft) von Büchern im historischen Bestand der Stadtbibliothek steht im Mittelpunkt eines aktuellen Forschungsprojektes.

Ziel des im August 2017 angelaufenen Projektes ist es, Bücher ausfindig zu machen, die in der Zeit des Nationalsozialismus ihren rechtmäßigen Eigentümer*innen geraubt wurden oder die diese unter dem Druck der NS-Verfolgung verkaufen oder abgeben mussten. Die gestohlenen Bücher sollen an ihre rechtmäßigen Eigentümer*innen zurückgegeben werden.
 
Anlässlich des Internationalen Tages der Provenienzforschung am 8. April 2020 sollen einige häufig gestellte Fragen zur laufenden Projektarbeit beantwortet werden.

AK Provenienzforschung e.V. © AK Provenienzforschung e.V.

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Warum Provenienzforschung zu Büchern?

Öffentliche Aufmerksamkeit erlangt das Thema NS-Raubgut meist mit spektakulären Fällen verfolgungsbedingt entzogener Kunstwerke. Genau wie Kunstwerke wurden aber auch Bücher und Bibliotheken von den Nationalsozialisten massenhaft und systematisch geraubt.

Anders als bei Kunstwerken geht es bei Büchern in der Regel nicht um große materielle Werte. Umso wichtiger ist hier die symbolische Bedeutung der Gegenstände als Träger von Erinnerungen: Die geraubten Bücher sind oft die letzten materiellen Spuren ihrer früheren Eigentümer*innen, die vom NS-Regime verfolgt, zur Flucht gezwungen oder ermordet wurden.

Somit leistet die Provenienzforschung, wenn sie anhand von herkunftsanzeigenden Spuren wie Autogrammen, Exlibris (Etiketten) oder Stempeln in Büchern verfolgte Personen identifizieren, durch weitere Recherchen Einzelheiten ihrer Biografie ermitteln und schließlich die Rückgabe der Bücher ermöglichen kann, einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungsarbeit.

Wie sich Provenienzforschung dabei auch mit historischer Bildungsarbeit verbinden kann, zeigt der Buchfund Erna Koopmann.

Welche Bücher sind verdächtig?

Als potentiell NS-Raubgut-verdächtig und daher prüfbedürftig ist grundsätzlich jedes Buch anzusehen, das vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs am 9. Mai 1945 erschienen ist und das nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 z.B. durch Kauf oder als Geschenk in die Bibliothek gelangt ist.

Wieviele Exemplare dies im über 1 Million Medieneinheiten umfassenden Bestand der Stadtbibliothek betrifft, lässt sich nicht genau beziffern. Vorsichtig geschätzt ist jedoch von bis zu 100.000 prüfbedürftigen Büchern auszugehen.

Wie wird bei der Suche nach NS-Raubgut vorgegangen?

1. Ausgangspunkt der Suche: die Zugangsbücher

Die Zugangsbücher der Stadtbibliothek, in denen neben dem Zeitpunkt der Erwerbung auch die Erwerbungsart und die Lieferanten der einzelnen Bücher verzeichnet sind, geben bei der Suche nach NS-Raubgut wichtige Anhaltspunkte.

Zugangsbuch Staatsarchiv © Stadtbibliothek Hannover

Blick in das Zugangsbuch von 1946: Bücher aus dem NSDAP-Gauarchiv Südhannover-Braunschweig verbergen sich hinter der unverdächtig anmutenden Angabe "Staatsachiv Hannover"

 
2. Spurensuche im Buch

Ob ein Buch tatsächlich NS-Raubgut ist, lässt sich anhand der Zugangsbücher allein meist nicht genau feststellen. Daher muss jedes verdächtige Buch einzeln aus dem Magazin geholt und auf herkunftsanzeigende Spuren überprüft werden. Dies können z.B. handschriftliche Einträge, Stempel, Exlibris oder andere Etiketten sein, die Hinweise auf frühere Eigentümer*innen geben. Findet sich kein solcher Hinweis, kann der NS-Raubgut-Verdacht nicht weiter verifiziert werden und die Recherche muss hier enden.

Herkunftsanzeigende Spuren © Stadtbibliothek Hannover

Herkunftsanzeigende Spuren: Exlibris H.[?] Braunsberg; Stempel Johannis-Loge zum Neuen Tempel Braunschweig; Stempel Friedrich Bartens (Eimsen); Exlibris Dr. Johanna Maass

  
3. Personenrecherche und Erb*innensuche

Ist ein aussagekräftiger herkunftsanzeigender Hinweis in einem Buch vorhanden, kann die die eigentliche Provenienzrecherche beginnen:

Wer war der/die frühere Eigentümer*in des Buches? Wurde die Person vom NS-Regime verfolgt? Hat sie das Buch freiwillig abgegeben oder musste sie es unter dem Druck der NS-Verfolgung verkaufen oder verschenken? Auf welchem Weg ist ihr Buch in die Stadtbibliothek gelangt? Können der/die rechtmäßige Eigentümer*in oder ihre Nachfahr*innen ausfindig gemacht werden?

Antworten auf diese Fragen können unterschiedlichste Quellen liefern, wie z.B. Archivakten, Adressbücher, Auktionskataloge oder (Online-)Datenbanken.

Eine Übersicht wichtiger Recherche-Tools findet sich hier.

Der Stand der Dinge?

Bislang konnten im Rahmen des Projekts insgesamt 4180 Bücher überprüft werden. Davon sind 1408 Bände auf Grund der Lieferantenangaben in den Zugangsbüchern und / oder herkunftsanzeigender Spuren wie z.B. Autogrammen, Stempeln oder Exlibris als NS-Raubgut-verdächtig einzustufen. Zudem wurden 19 lose Exlibris gefunden, die ebenfalls verdächtig sind. Von den verdächtigen Büchern tragen 1137 Provenienzhinweise, die konkrete Rückschlüsse auf frühere Besitzer*innen zulassen. In 42 Fällen konnte der Raubgut-Verdacht bereits eindeutig bestätigt werden. In momentan 1031 Fällen sind zur Provenienzklärung umfangreiche weitere Recherchen erforderlich. In 7 der 42 eindeutigen NS-Raubgut-Fälle konnten die rechtmäßigen früheren Eigentümer*innen bzw. deren Erb*innen bereits erfolgreich ermittelt und die Bücher an diese zurückgegeben werden.

Wie geht es weiter?

Die Fortsetzung des Forschungsprojekts der Stadtbibliothek Hannover ist dank der von der Stiftung Deutsches Zentrum Kulturgutverluste zugesagten Fördermittel bis Sommer 2020 gesichert.
Auch danach gibt es noch viel zu tun. Denn im laufenden Projekt stehen Buchzugänge der Stadtbibliothek aus der frühen Nachkriegszeit (1945 bis 1955) im Mittelpunkt. Ein nächster notwendiger Schritt wäre nun, auch die Zugänge aus der NS-Zeit selbst (1933 bis 1945) auf NS-Raubgut hin zu untersuchen.
 
Ein entsprechender Förderantrag für ein Folgeprojekt soll im Frühsommer beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste gestellt werden.
 
Ein Werkstattbericht zum Projekt findet sich hier.