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3.2 Kinder und Jugendliche

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Ausgangslage

Zur Kerngruppe der Kinder- und Jugendarbeit zählen alle Sechs- bis Zwanzigjährigen. Das sind gegenwärtig 66.035 Kinder und Jugendliche, davon sind 24.035 ohne deutschen Pass (36,4 Prozent). In der Gesamteinwohnerschaft Hannovers haben hingegen nur knapp 25 Prozent einen Migrationshintergrund, 16 Prozent haben keinen deutschen Pass. Diese Zahlen lassen erkennen, dass obwohl die Einwanderung von Menschen aus anderen Ländern und Kulturen nach Hannover sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich abgeschwächt hat, der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Hannover gleichwohl weiterhin steigen wird: Diese Bevölkerungsgruppe wächst durch Geburten in Hannover.

Gleichzeitig ist zu erwarten, dass die Differenzierung innerhalb der Religions-, Kultur-, Sprach- und Nationalitätengruppen zunehmen wird. Das führt in der Bevölkerung auch in den kommenden Jahren zu einer höheren Wahrnehmung der Vielfalt von Kulturen und sonstigen Prägungen. Nicht nur die Institutionen der Kinder- und Jugendarbeit, sondern alle Einrichtungen der Erziehung und Bildung in Hannover müssen sich auf die dauerhaft bestehende Aufgabe der Integration und Förderung einer kulturell, sprachlich und sozial heterogenen Einwohnerschaft einstellen.

Die interkulturelle Stadtgesellschaft wird in ihrer Vielfalt auch in den Kinder- und Jugendeinrichtungen sichtbar und spürbar. Besucherinnen und Besucher mit Migrationshintergrund sind dort überproportional vertreten. Ihr Anteil liegt bei durchschnittlich 70 Prozent.

Das städtische Dienstleistungsangebot Kinder- und Jugendarbeit ist auf die Bedarfe und Interessen aller jungen Menschen ausgerichtet. Diese Grundhaltung findet ihren Ausdruck in der Gestaltung der Einrichtungsprogramme; sie können von allen potenziellen Besuchergruppen in Anspruch genommen werden. Im Einklang mit dem Auftrag aus dem Sozialgesetzbuch VIII, die Grundrichtung der Erziehung sowie soziale und kulturelle Bedürfnisse und Eigenarten zu berücksichtigen, sieht die Kinder- und Jugendarbeit jedoch einen erweiterten sozialen Auftrag darin, einen besonderen Beitrag zur Integration von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund zu leisten.

In der offenen Kinder- und Jugendarbeit gehört heute zwar Integration grundsätzlich zum Standard, allerdings nutzen ethnisch deutsche Jugendliche die Angebote mittlerweile weniger. Es soll aber keine Gruppe ausgegrenzt werden, sondern verschiedene Gruppen unterschiedlicher Herkunft sollen unter angemessener Bewältigung entstehender Konflikte „ihren“ Raum erhalten oder miteinander teilen.

Die vorhandene Situation kann zu Konflikten in der direkten Auseinandersetzung verschiedener Besuchergruppen untereinander, auf der Trägerebene und in der Kommunalpolitik führen und erfordert Lösungsansätze. Einrichtungen der offenen Jugendarbeit werden traditionell schwerpunktmäßig von Kindern und Jugendlichen aus sozial benachteiligten Familien mit geringem Einkommen besucht. Insoweit als diese Zuordnung überdurchschnittlich häufig auf Familien mit Migrationshintergrund zutrifft, spiegelt sich dies notwendig in den Einrichtungen der offenen Jugendarbeit wider. Aus pädagogischer Sicht muss dieser Zustand im Feld Jugendarbeit zeitweilig auch toleriert werden. Grundsätzlich jedoch bleibt der Anspruch bestehen, ihn zu überwinden.

Generell kann man davon ausgehen, dass Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund mit vergleichbaren Problem konfrontiert sind wie andere Jugendliche auch. Es ergeben sich zunächst grundsätzlich keine anderen Aufgaben. Die Besonderheit ihrer Lebenslage macht sich in der pädagogischen Arbeit mit ihnen dann bemerkbar, wenn Traditionen, familiäre Konstellationen, Herkunftsbeziehungen sowie die kulturellen Lebenszusammenhänge Irritationen hervorbringen. Dies kann sich beispielsweise bei kulturell bedingtem oder auf tradiertem Rollenverständnis basierendem „Dominanzgehabe“ etwa muslimischer oder in Russland aufgewachsener Jungen und junger Männer zeigen, gelegentlich auch in durch Ablehnung und Ausgrenzungserfahrung motivierten Einschüchterungs- und Gewaltszenarien. Für Mädchen und junge Frauen kann es zu Blockierungen bei der Teilnahme an Gemeinschaftsaktivitäten und bei der gesellschaftlichen Teilhabe kommen. Darauf muss interkulturell kompetente Kinder- und Jugendarbeit angemessen eingehen.

Das entsprechende Handlungskonzepts fußt auf sechs Aspekten, wobei eine ständige situationsbedingte Anpassung oder Ergänzung der einzelnen Maßnahmen vor Ort erfolgen muss: Interkulturelles Zusammenleben im Sozialraum, informelle Lernanregungen, individuelle Lernbegleitung, Verstärkung der Sprachförderung, Verstärkung der Leistungsförderung und Qualifizierung sowie das Einbeziehen und die Mitwirkung von Eltern und Erwachsenen.

Ziele

  • Die Einrichtungen der Kinder- und Jugendarbeit werden von Kindern und Jugendlichen unterschiedlichster Herkunft gleichberechtigt genutzt, auftretende Konflikte werden konstruktiv und angemessen gelöst.
  • In allen Einrichtungen, bei Diensten und Maßnahmen der Kinder- und Jugendarbeit werden junge Menschen in Dialoge über Werte und Interessen von Menschen aus anderen Kulturkreisen einbezogen. Ihnen werden so Einblicke und Erfahrungen vermittelt, um fremde Lebensweisen kennen und respektieren lernen zu können.
  • Kinder und Jugendliche erfahren die Vorteile rücksichtsvollen Miteinanders nicht nur in der Einrichtung, sondern auch im Sozialraum („Regeln für alle im Stadtteil“).
  • Die Kooperation – vor allem im Nachmittagsbereich – zwischen den Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, der Jugendsozialarbeit und den Schulen wird gestärkt.
  • Im Sinne gleichberechtigter Teilhabe werden bei den Angeboten der Jugendeinrichtungen besonders auch die Interessen der Mädchen und jungen Frauen berücksichtigt.

Handlungsansätze

Bei Stadtteil- und Straßenfesten werden gezielt kulturellen und anderen Initiativen aus anderen Kulturkreisen (z.B. Tanz, Musik, Gesang, Sport) aus dem Stadtteil gesucht und einbezogen (Interkulturelle Meilen und Märkte). Die Jugendzentren und Spielparks sind aufgefordert, ihre Beteiligung an entsprechenden Veranstaltungen so anzulegen.
Flächen und Plätze werden als offene, interkulturelle und informelle Treffpunkte im Stadtteil für Familienaktivitäten (z.B. Grillen, Feiern, Spiel und Bewegung, Begegnung) verstanden. Alle Spielparks rufen auf, hierfür ihre Außenanlagen in Anspruch zu nehmen. Die in den Jugendeinrichtungen erarbeiteten Regeln („Regeln für alle im Stadtteil“) sollen sich hierbei bewähren.
Die beispielhaften Kooperationsmodelle zwischen Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit und den Schulen in Oberricklingen (Außerschulisches Lernzentrum), Hainholz (Kinder- und Jugendhaus), Sahlkamp und Stöcken (Niedersächsisches Kooperationsprojekt) werden fortgesetzt und in Bezug auf die Zusammenarbeit mit der Jugendsozialarbeit intensiviert.
Aufbauend auf den positiven Erfahrungen der zuvor genannten Kooperationsmodelle werden an zwei weiteren Standorten der Offenen Kinder- und Jugendarbeit Kooperationsmodelle zwischen Offener Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit und Schulen entwickelt.
Die sich aus den Modellprojekten ergebenen Ergebnisse und Erfahrungen werden auf die Übertragbarkeit einzelner Maßnahmen und Projekte für die weiteren Einrichtungen überprüft und analysiert, mit dem Ziel in allen dafür von den sozialräumlichen Begebenheiten geeigneten Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit mindestens ein Kooperationsprojekt jährlich durchzuführen.
Aus den für Jugendliche bedeutenden Interessengebieten wie Musik, Bewegung und Sport werden weitere stadtteilübergreifende Kooperationsprojekte und -maßnahmen unter Einbeziehung z.B. des Staatsschauspiels oder Stadtsportbundes entwickelt. Ziel ist die Erweiterung der sozialen Kontakte und die Verbesserung der Entwicklungs-, Bildungs- und Qualifizierungschancen insbesondere für benachteiligte Jugendliche.
Im neu einzurichtenden Jugendsportzentrum werden Sport- und Spielfeste als Ereignisse kultureller Begegnung organisiert. Die gute Integrationsmöglichkeit über den Sport soll verstärkt genutzt werden (siehe auch Feld 4.4 „Sport“).
Spezielle Angebote, insbesondere für junge Menschen mit Migrationshintergrund, werden regelmäßig gesammelt und veröffentlicht.
Die Angebote, welche auf Rollenproblematiken eingehen (z.B. Geschlechterrolle, Rolle in der Familie) werden vertieft und weiterentwickelt.
Die Kinder- und Jugendarbeit bettet in ein Gesamtprojekt (z.B. im Rahmen von „Freiraum“) auch den Besuch von Kirchen, Synagogen und Moscheen mit kompetenten Partnern ein.
Lebensweisen anderer Kulturen werden mittels Foto- und Videoarbeiten im Rahmen „kultureller Bildung“ bekannt gemacht. Das Projekt wird, angesiedelt im Haus der Jugend und in Zusammenarbeit mit dem Medienhaus Linden umgesetzt.
Es werden Jugendgruppenleiterkurse mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Jugendzentren zur Befähigung für die Wahrnehmung von Partizipationsaufgaben (Selbstöffnung durch Jugendliche) angeboten.
Durch Berufsberatung im Jugendzentrum, Hilfen bei Bewerbungsschreiben und Auswertung von Anzeigen, Vorstellungstraining, Beratung bei Angelegenheiten der Jugendgerichtshilfe und Polizei sowie Hausaufgabenhilfe unterstützen die Einrichtungen der Jugendhilfe den Übergang von Schule in Ausbildung und das Erwerbsleben. Diese Hilfen bilden einen Schwerpunkt der Jugendarbeit in den Jugendzentren. Hier ist eine stärkere Kooperation zwischen Jugendzentren und Jugendmigrationsdiensten wünschenswert.
Alle Jugendzentren der Stadt sollen sich an der Einrichtung einer computergestützten Praktikumsplatzbörse im Verbund der Jugendzentren beteiligen.
Es wird angestrebt, modellhaft ein interkulturelles Erzählcafé einzurichten, welches mindestens zwei Veranstaltungen als Serie im Jugendzentrum und Spielpark durchführt. So können beispielsweise der türkische Großvater und/oder die Großmutter aus ihrer Heimat erzählen und die Enkelkinder übersetzen. Möglich sind auch Lesungen: Märchen, Geschichten, Nachrichten aus aller Welt werden im Original vorgetragen und von Kindern und Jugendlichen übersetzt.
Der Fachbereich Jugend und Familie schreibt mehrsprachig einen Wettbewerb zur Herstellung einer Jugendzentrumszeitung – alternativ auch Podcast (Internetradio) – aus.
Jugendzentren werden genutzt, Sprachkurse verschiedener Bildungsträger ortsnah zu ermöglichen.
Jugendliche erhalten bei kontinuierlicher Teilnahme an einem längerfristigen Projekt einen Nachweis (Zertifizierung) mit Beschreibung der erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten.
Vereine, Clubs und Geschäftsleute mit Migrationshintergrund werden als weitere Unterstützer von Einrichtungen für Kinder- und Jugendliche umworben. Gezielt soll auf die Möglichkeiten ideeller und materieller Unterstützung aufmerksam gemacht werden, um so Erwachsene als hilfreiche Akteure für Projekte der Kinder- und Jugendarbeit zu gewinnen.

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