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Zehn gut gelaunt aussehende Jugendliche stehen nebeneinander und posieren mit Gesten für die Kamera. Dabei formen sie Herzen mit den Händen, oder zeigen mit dem Daumen in die Luft. Einige davon umarmen sich. © Ikja e.V.

Das Stück „Lost in Paradise“ vom Get2gether-Ensemble wurde gefördert vom Gesellschaftsfonds Zusammenleben.

Gesellschaftsfonds Zusammenleben

Jugendliche zeigen Erwachsenen, wie Integration geht

Das Get2gether-Ensemble unter Parisa Hussein-Nejad tourt bis Januar durch Hannover.

„Der kalte Krieg. Bei uns war er nicht kalt. Napalm und Nervengas!“, sagt Rajab (19) und blickt nachdenklich zur Seite. Die Aussage gehört zur seine Rolle im Stück „Lost in Paradise“, aber für ihn beschreibt sie ein Stück greifbare Geschichte. Der afghanische Flüchtling hat im Krieg Angehörige verloren und schlägt sich seit seiner Kindheit alleine durch. Doch man merkt ihm die Schicksale seines Lebens nicht an, wenn man ihn mit den anderen Jugendlichen des Get2gether-Ensembles scherzend hinter den Kulissen beobachtet. In der Gruppe haben sich einheimische Schüler/innen und zum Teil frisch eingewanderte Flüchtlinge zusammengefunden, um ihre Geschichten durch Theater nach außen zu kommunizieren und auch auf Missstände aufmerksam zu machen.

Obwohl die meisten der Jugendlichen vorher noch nie auf einer Bühne standen, und einige anfangs kaum einen Satz auf Deutsch sprechen konnten, erreicht ihr Stück ein Niveau, das man allenfalls im Bezahl-Theater mit Berufsschauspielern erwarten darf. Mit Gesangsszenen, Tanzeinlagen und Filmsequenzen greifen sie eine Vielzahl von Themen auf und halten der Gesellschaft einen Spiegel vor.

Ihre Darbietungen lassen einen reflektierten Umgang mit Themen wie Rassismus, soziale Ungleichheit und Konsum erkennen – wohlgemerkt bei einer Gruppe, die unterschiedlicher kaum zusammengesetzt hätte sein können. Allen Sprachbarrieren und kulturellen Unterschieden zum Trotz wirkt die Gruppe so fest zusammengewachsen, dass kein Blatt Papier mehr zwischen die Jugendlichen passt.

Darauf ist die Leiterin des Projekts, Parisa Hussein-Nejad (Ikja e.V.), besonders stolz. „Im ersten Schritt sind wir uns als Menschen begegnet – jenseits von Herkunft und Religionszugehörigkeit, dann als Theatergruppe und inzwischen als eine große Familie“. Mit ihrem Theaterprojekt setzte sie einen wechselseitigen Sensibilisierungsprozess in Gang. Den in Deutschland aufgewachsenen Jugendlichen wurde beim Kennenlernen der Flüchtlinge bewusst, dass Rechtsstaatlichkeit, Frieden und Meinungsfreiheit nicht überall selbstverständlich sind. Dass anderorts Repressionen und die ständige Lebensgefahr so allgegenwärtig sind, dass Menschen keinen anderen Ausweg sehen, als sich dem durch Flucht zu entziehen. Die jungen Geflüchteten hingegen merkten schnell, dass auch ihre hiesigen Altersgenoss/innen kein leichtes Leben haben. Sie stehen unter massivem Druck, um in der Leistungsgesellschaft Schritt halten zu können und tragen ein für ihr Alter hohes Maß Eigenverantwortung.

„Für mich war wichtig, dass der Leistungsdruck in der Schule thematisiert wird.“, sagt die Schülerin Marie (16). Die Maßlosigkeit, mit der das Schulsystem Abiturient/innen fordert, verdeutlichte das Ensemble in einer Szene, in der eine Lehrerin ihre Schüler/innen anbrüllt wie ein Drill-Sergeant. Mit geschickten Metaphern wurden dabei vor allem das Schulnotensystem kritisiert und nebenbei auch der Schlankheitswahn humorvoll aufs Korn genommen.

Basel, der erst kurz vor dem Projektstart als 18-Jähriger aus dem Irak eingewandert ist, kann sich mit den Szenen identifizieren, die Menschenrechtsverletzungen in Kriegsgebieten, aber auch Vorurteile und daraus entstehende Ausgrenzungen von Flüchtlingen zum Thema haben. „Ich hatte großes Glück, lebendig in Sicherheit angekommen zu sein. Vielen erging es anders. Mir war wichtig, auch auf die Schicksale der Vielen hinzuweisen, die nicht die Möglichkeit zur Flucht haben.“ Um dies zu zeigen, spielte die Gruppe einen Giftgasangriff, bei dem die Todesangst und die schiere Verzweiflung der Opfer die Zuschauer/innen frösteln ließ.

Was die Gruppe einte, war der Wunsch, auf kreative Weise die Schwierigkeiten zu offenbaren, die ihre jeweiligen Lebensumstände mit sich bringen. Doch wie die Intentionen der einzelnen Jugendlichen zum Stück, sind auch die aufgezeigten Probleme nur auf dem ersten Blick unterschiedlich. Bei der Frage, welcher Aspekt des Stücks Jella (20) am wichtigsten war, antwortet sie ohne Zögern und bringt das Thema auf den Punkt. „Die Ungerechtigkeiten, die wir thematisiert haben, gehen doch Hand in Hand. Man kann Rassismus, Kapitalismus, Leistungsdruck und Kriege nicht getrennt voneinander betrachten, denn das Eine resultiert aus dem Anderen.“

So wie die Get2gether-Gruppe miteinander umgeht und aktuelle Probleme messerscharf analysiert, geht sie in Sachen Integration mit gutem Beispiel voran. Von ihr können auch, oder gerade, Erwachsene einiges lernen.

Das Projekt wurde unter anderem gefördert vom Gesellschaftsfonds Zusammenleben. Die kommen Aufführungstermine finden Sie hier.