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Antirassismus-Woche

„Geflüchtete = Naturkatastrophe?“

Ein Vortrag von Konstantina Vassiliou-Enz über die Wirkung von Begrifflichkeiten in der Medienlandschaft.

Das Sachgebiet Integration der Landeshauptstadt Hannover lud am 3. März ein zum Vortrag der Radiomoderatorin Konstantina Vassiliou-Enz, die außerdem Geschäftsführerin des Vereins „Neue Deutsche Medienmacher e.V.“ ist. Der Vortrag gab interessante Einblicke, wie bestimmte Begrifflichkeiten in den Medien unsere Wahrnehmung von Migration und insbesondere von Flucht prägen.

Kerstin Märländer als verantwortliche Mitarbeiterin der „Stelle für Demokratiestärkung und gegen Rechtsextremismus" im Sachgebiet Integration begrüßte die Anwesenden im Namen der Stadt. Sie wies darauf hin, dass dieser Vortrag ein Beitrag der Landeshauptstadt Hannover zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus in Hannover sei. Das Sachgebiet Integration beteilige sich nämlich zusammen mit etlichen anderen Organisationen in Hannover schon seit Jahren an diesen Antirassismus-Wochen, die aus Anlass des Welt-Antirassismus-Tages der UNO am 21.3. immer im März stattfinden.

Vortrag „Geflüchtete = Naturkatastrophe?“ von Konstantina Vassiliou-Enz. Der Beitrag erscheint hier mit der freundlichen Genehmigung der Urheber/in.

Die Referentin Vassiliou-Enz ging zu Beginn ihres Vortrags auf die Arbeit des Vereins Neue Deutsche Medienmacher (NDM e.V.) ein. Hochkonjunktur habe NDM e.V. während der Debatte um Thilo Sarrazin gehabt, doch auch als sich im Zusammenhang mit den NSU-Morden der unsägliche Begriff „Dönermorde“ verbreitet habe, protestierten die Neuen Deutschen Medienmacher gegen die mediale Aufbereitung des Themas. Behörden und Journalist/innen sprachen von „fremdenfeindlichen“ Motiven und hätten sich damit unbedacht die Gedankenwelt von Neonazis zu eigen gemacht, denn diese identifizierten die Opfer tatsächlich als „Fremde“, obwohl sie seit vielen Jahren in Deutschland lebten und hier heimisch waren.

Vassiliou-Enz betonte, die betreffenden Redaktionen hätten höchstwahrscheinlich ohne böse Absichten gehandelt. Doch nicht die Intentionen der Medienschaffenden seien entscheidend, sondern wie die Begriffe durch die Empfänger/innen aufgenommen und eingeordnet werden. Sie verdeutlichte dies mit einem Beispiel: Wenn eine Zeitung vom „Türken Murat B.“ schreibe, müssen die Empfänger/innen davon ausgehen, der Gemeinte käme aus der Türkei. Die Formulierung „der Deutsch-Türke Murat B.“ könne suggerieren, er hätte irgendeine Verbindung zu Deutschland, sei jedoch nicht „richtig Deutsch“ – dies werfe die Frage auf, warum eine ethnische Zuordnung überhaupt nötig sei. Besser sei es, die Gemeinten dort zu verorten, wo sie leben. In ihrem Beispiel wäre also die Formulierung „der Berliner Murat B.“ vorzuziehen.

Wie unterschiedlich derselbe Sachverhalt wirke, wenn er jeweils in anderen Begriffen dargestellt werde, sei in der Wissenschaft längst nachgewiesen. In einer Untersuchung der Universität von Stanford seien Proband/innen inhaltsgleiche Texte zur Bekämpfung von Kriminalität in zwei Sprachvarianten vorgelegt worden. In dem Text, den die erste Gruppe zu lesen bekommen habe, sei Kriminalität mit einem „wilden Tier“ („beast“) verglichen worden. Im Text der zweiten Gruppe hingegen seien Straftaten als ein sich ausbreitendes Virus beschrieben worden. Beide Gruppen seien im Anschluss befragt worden, wie man die Kriminalität am besten bekämpfen könne. Die erste Gruppe habe stärker zu repressiven Maßnahmen (mehr Polizei und höhere Strafen) geraten. Die zweite Gruppe hingegen habe mehr auf präventive Maßnahmen gesetzt wie etwa Bildung, um potenziellen Straftäter/innen Perspektiven zu bieten. Beide Gruppen hätten ihre Antworten mit den Zahlen aus den Berichten begründet, die in beiden Berichten identisch gewesen seien.

Auch in Deutschland sei derzeit zu beobachten, wie Medien dazu beitragen, dass das aktuelle Fluchtgeschehen als zerstörerische Naturkatastrophe wahrgenommen werde. Vielfach sei von „Asylflut“ die Rede, die man nicht kontrollieren könne und der man ausgeliefert sei – so entstünden Assoziationen und Ängste, die kaum noch einen sachlichen Bezug zum Thema erlaubten. Vassiliou-Enz stellte klar, dass es ihr nicht um Sprachzensur ginge oder darum die Nutzung von Metaphern zu verbieten – allerdings trügen Journalist/innen auch eine gewisse Verantwortung zur Wirkung ihrer benutzten Begriffe. Sie sollten ihren Sprachgebrauch daher öfter kritisch hinterfragen.

Nach dem Vortrag stellten die Anwesenden der Referentin viele Fragen und diskutierten noch eine knappe halbe Stunde weiter. Eine Anwesende fragte, was man selbst – gerade im Zeitalter der social media – dazu beitragen könne, um einen umsichtigeren Umgang mit Begriffen zu erreichen. Vassiliou-Enz riet zu konstruktiven eMails an die Redaktionen. Diese würden in der Regel gelesen und auch selbstkritisch diskutiert. Bei social media könne man den Eindruck haben, die Rechtspopulist/innen seien in der Mehrheit. Dies liege jedoch nur an ihrer Lautstärke und der unverhältnismäßig hohen Präsenz in den Medien – tatsächlich seien sie jedoch nur Minderheit, allerdings eine gut organisierte Minderheit. Zum Glück gebe viele Initiativen wie „no-nazi.net“ und „jugenschutz.net“, die sich gegen das Treiben der Rechtspopulist/innen richten. Wichtig sei, dass die eigentliche Mehrheit auch sichtbar werde und dazu könne eine jede ihren Beitrag leisten.