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Mitgeschnitten

Vorurteilsforschung zu: „Antiziganismus“

Vortrag von Prof. Wolfgang Benz zur Darstellung und Wahrnehmung der Sinti und Roma.

Im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus referierte am 19. März 2014 Prof. Dr. em. Wolfgang Benz, Vorurteilsforscher und ehemaliger Leiter des Instituts für Antisemitismusforschung der Technischen Universität Berlin, zum Thema „Antiziganismus: Vorurteil und Diskriminierung“ im Neuen Rathaus. Eingeladen hatten die Antidiskriminierungsstelle und die Stelle für Demokratiestärkung und gegen Rechtsextremismus der Landeshauptstadt Hannover.

Obwohl der öffentlichen Nahverkehr wegen des Warnstreik an diesem Tag stillstand, kamen gut 50 Gäste, um den Vortrag von Prof. Benz zu hören. Sebastian Schmidt, Leiter der Stelle für Demokratiestärkung und gegen Rechtsextremismus, begrüßte die Zuhörer/innen im Namen der Landeshauptstadt Hannover (LHH) und erklärte wie die Internationale Woche gegen Rassismus zustande kam. Sie soll mahnend an das „Massaker von Sharpeville“ vom 21. März 1960 erinnern, bei dem Polizisten 69 Menschen erschossen und 180 verletzt wurden, die gegen die Apartheid demonstrierten. Der Politikwissenschaftler gab einen kurzen Einblick, wie auch durch Teile der Medien Ängste und Vorurteile gegen Sinti und Roma geschürt werden und übergab das Wort an den Referenten.

Benz begann seinen Vortrag mit einigen Vorbemerkungen. Sinti und Roma seien laut Umfragen die unbeliebteste Bevölkerungsgruppe in Europa – obwohl sie auch im Nordwesten seit vielen Generationen ansässig und äußerlich vielfach kaum identifizierbar seien. Benz sah hierin Parallelen zum Antisemitismus, da auch in der Judenfeindlichkeit „der unbekannte Feind [...] wirkungsvoller als Subjekt der Ablehnung“ sei.

Gerade Roma würden in ganz Europa in Elendsviertel gedrängt. Dies könne durch alltägliche und behördliche Diskriminierungen geschehen, oder wie im Falle der aus dem Balkan stammenden Roma, durch kriegsbedingte Entwurzelung und systematische Eigentumsberaubungen. Die so in die Armut getriebenen Roma seien üblicherweise niedrig qualifiziert und hätten es schwerer, sich in nordwesteuropäische Gesellschaften zu integrieren als die hochqualifizierten Zugehörigen ihrer Ethnie. Die bürgerlich integrierten Roma hingegen versteckten vielfach ihren ethnischen Hintergrund, um sich vor ethnozentristischen Vorurteilen zu schützen.

Den Grund für systematische Ausgrenzungen sah der Referent in tradierten Feindbild-Stereotypen, die sich bis heute hartnäckig hielten und weiterverbreiteten. Dabei würden Bilder von umherziehenden „Räuberbanden und Kindesentführer/innen" gezeichnet, die sich auch mit Hilfe rechtspopulistischer Gruppen weiterverbreiten. Die in Presseartikeln immer wieder thematisierte Existenz von Roma-Jugendbanden („Klaukinder“) in Duisburg, könne durch örtliche Sozialarbeiter/innen nicht bestätigt werden. Auch das den Roma zugeschriebene „Nomadenleben“ sei hingegen eher Zwang als Wunsch, da Ausgrenzungen, wie die Verweigerung von Wohnungen, ihnen eine dauerhafte Sesshaftigkeit praktisch unmöglich machen. Abweichende Lebensweisen aufgrund von Diskriminierungen, können ihnen nun als „typische“ Negativ-Eigenschaften angelastet werden.

Die in Deutschland vorzufindenden Ressentiments richteten sich also sowohl gegen die deutschen Sinti und Roma, als auch aktuell gegen die sogenannten „Armutsmigranten", denen im Übrigen pauschal alle Einwander/innen aus Südosteuropa zugerechnet werden. Aus der Perspektive der Vorurteilsforschung sei zunächst das Verhalten der Mehrheitsgesellschaft in den Blick zu nehmen und zu fragen, wie und aus welcher Tradition heraus die Mehrheit auf die Minderheit reagiere – in diesem Falle auf die Sinti und Roma. Dabei sei die Diskriminierungs- und die Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma aufschlussreich. Das Bild der zügellosen und unzivilisierten Sinti und Roma lasse sich nicht auf deren Charakter bzw. vermutete kollektive Eigenschaften zurückführen. Vielmehr sei dies die Folge von Ausgrenzung, Diskriminierung und Verfolgung.

Benz betonte die Schwierigkeit, die Diskriminierung von Sinti und Roma in einen Begriff zu fassen. Immerhin sei in dem Begriff des „Antiziganismus“ eine rassistische Komponente enthalten, nehme er doch Bezug auf den „Zigeuner"-Begriff. Andererseits sei der Begriff soweit im Sprachgebrauch verfestigt, dass der Gebrauch im Nachhinein schwer zu verhindern sei.

In der anschließenden Diskussions- und Fragerunde kam die Frage nach der bundesdeutschen Umsetzung einer EU-Richtlinie auf, nach der die Lebenssituation von Sinti und Roma verbessert werden solle. Hier sah Benz noch großen Handlungsbedarf. Wissenschaft könne der Politik zwar mit der Präsentation objektiver Tatsachen hinsichtlich des Standes der Diskriminierung dabei helfen, doch interessierten sich längst nicht alle Politiker/innen dafür. Benz betonte insbesondere die Verantwortung von Politiker/innen hinsichtlich ihrer öffentlichen Aussagen gegenüber Einwanderern.

Nach gut einer dreiviertel Stunde Diskussion verabschiedete Sebastian Schmidt die Gäste, die einiges aus der Veranstaltung mitnehmen konnten. Der Vortrag dürfte einigen zur Reflexion ihrer eigenen Vorstellungen über eine Bevölkerungsgruppe geholfen und vielleicht sogar das Engagement gegen Rassismus und Diskriminierungen beflügelt haben.

Vortrag „Antiziganismus: Vorurteil und Diskriminierung. Darstellung und Wahrnehmung der Sinti und Roma“ von Prof. Dr. Wolfgang Benz. Der Beitrag erscheint hier mit der freundlichen Genehmigung des Urhebers.