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Deine Frau steht im Mosaiksaal und spricht. Sie steht in der Mitte von in mehreren Reihen kreisförmig aufgestellten Stühlen, auf denen etwa 40 weitere Diskussionsteilnehmer/innen erkennbar sind. © LHH

Melanie Walter, Bereichleiterin Migration und Integration (M. im Bild, stehend) beim Grußwort

Rathausgespräche

„Diskriminierungsfreie Stadt – ohne Angst verschieden sein“

Reger Austausch zwischen Einwohner/innen im Neuen Rathaus.

Zum mittlerweile vierten Mal lud die Landeshauptstadt Hannover (LHH) per Zufallsgenerator Einwohner/innen zur Diskussionsrunde in den Mosaiksaal des Neuen Rathauses ein, um mit ihnen aktuelle Themen in ihrer Kommune zu diskutieren. Die Runde am 6. Februar drehte sich um das Thema Diskriminierungen und wurde moderiert vom Bremer Unternehmensberater Rutger von Bothmer.

Vor Beginn der Diskussion begrüßte Bürgermeister Thomas Hermann die Runde und berichtete über bisherige Bemühungen, den Selbstansprüchen einer „weltoffenen und diskriminierungsfreien Stadt“ gerecht zu werden. Integration sei ein wechselseitiger Prozess, bei dem nicht nur die Einwanderer/innen gefragt seien, gab Melanie Walter (Leiterin des Bereichs Migration und Integration) in ihrem anschließenden Grußwort zu bedenken. Die Beteiligung möglichst vieler Einwohner/innen an einer gelingenden Integration stünden in der LHH hoch auf der Agenda. Durch die Rathausgespräche wolle die Verwaltung einen unmittelbaren Austausch zwischen einander unbekannten Einwohner/innen ermöglichen und ihrerseits Ideen und Anregungen der Teilnehmenden für die Arbeit der Verwaltung mitnehmen. Auch durch das Engagement der Antidiskriminierungsstelle sei Hannover im Kampf gegen Benachteiligungen gut aufgestellt und habe viele Fortschritte erzielt – dennoch gebe es reichlich zu tun.

Von Bothmer eröffnete den Austausch, indem er die Teilnehmenden nach eigenen Erfahrungen mit Diskriminierungen fragte. Deren Schilderungen reichten von subtilen und schwer nachzuweisenden Ungleichbehandlungen bis hin zu offen rassistischen Beschimpfungen und Angriffen. Drei Teilnehmer/innen beschrieben, wie ihre nicht-deutschen Nachnamen ihnen vielfach im Wege gestanden hätten, besonders bei Bewerbungen und bei der Wohnungssuche. Andere Anwesende berichteten von ähnlichen Benachteiligungen und Kränkungen aufgrund ihrer Namen, oder ihres Aussehens.

Doch nicht nur die ethnische Herkunft wurde als Ursache für Diskriminierungen genannt. Ein weiterer Teilnehmer berichtete, dass er in den Achtziger Jahren wegen einer Behinderung über sieben Jahre lang am Arbeitsplatz gemobbt wurde und sich ohnmächtig gefühlt habe, weil ihm niemand geholfen hätte. Nach dieser frustrierenden Erfahrung sei er froh, dass es mittlerweile Beratungsstellen gebe, an die sich die Opfer wenden können.

Mehrfachdiskriminierungen wurden ebenfalls diskutiert. Für eine Teilnehmerin mache es kaum einen Unterschied, ob sie ein Kopftuch trage oder nicht. Mit Kopftuch bezögen sich die verbalen Angriffe gegen sie in erster Linie auf ihre Religion, ohne Kopftuch „nur“ auf ihre Ethnie und ihr Geschlecht.

Eine Teilnehmerin sah eine große Kluft zwischen dem gesellschaftlichen Selbstanspruch der Gleichbehandlung und der Wirklichkeit. Als Informatikerin, also als Frau in einem „Männerberuf“, werde sie schlechter bezahlt als ihre männlichen Kollegen, obwohl sie die gleiche Arbeit verrichte – das gleiche sei auch in der Branche ihrer Lebenspartnerin der Fall. Auch bei Homosexualität höre die Toleranz der Politik und Gesellschaft auf, sobald gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren wollen.

Zeitweise schweifte die Diskussion ab und drehte sich um die aktuelle Flüchtlingssituation – ein Thema, das derzeit die Gesellschaft bewegt und spaltet. Dabei kritisierten einige der Teilnehmenden, dass sie sich zum Beispiel bei Fragen der Unterbringung in ihren Stadtteilen übergangen gefühlt und nicht den Eindruck hätten, dass die Politik die Flüchtlingssituation im Griff habe. Als sexuelle Belästigungen in einen Kausalzusammenhang mit dem Status „Flüchtling“ gestellt wurde, protestierten mehrere Teilnehmer/innen. Eine davon habe als Studentin im Service gearbeitet und sei dort überwiegend von älteren wohlhabenden Männern ohne erkennbaren Migrationshintergrund bedrängt worden. Sexismus sei in Deutschland nicht erst mit der Ankunft der Flüchtlinge entstanden, ergänzte Walter.

Nach der Diskussion blieben die Teilnehmerinnen im Neuen Rathaus und tauschten sich noch gut eine Stunde lang am Buffet aus. Dabei kamen viele positive Feedbacks der Teilnehmer/innen zur Idee der Rathausgespräche. „Mir hat gut gefallen, dass die Leute aus unterschiedlichen Schichten kamen und nicht nur bestimmte Kreise angesprochen wurden.“, so der Teilnehmer Klaus Tromsdorf. „Eo ipso“, ergänzte Jutta Fischer. „Diskussionen mit verschiedenen Meinungen sind immer interessant. Mit Blick auf den derzeitigen Rechtsruck der Gesellschaft wäre es interessant gewesen, die politische Dimension von Diskriminierungen näher zu diskutieren.“