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Zum großen Finale ließen die Schüler/innen vor dem Neuen Rathaus je einen Ballon mit einer Postkarte steigen. © LHH

Das große Finale! An den Ballons waren selbstentworfene Botschaften für die Finder

9. November 2013

„Die gesprengte Synagoge“

Ein Aktionstag der IGS Kronsberg zur Erinnerung an 75 Jahre Zerstörung der Neuen Synagoge in Hannover.

Die Schüler/innen des gesamten 6. Jahrgangs der IGS Kronsberg erlebten am 8. November einen spannenden Aktionstag zur Geschichte des Judentums und des Antisemitismus in Hannover. Die IGS Kronsberg nimmt seit 2009 an der Kampagne „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ teil und organisiert deshalb regelmäßig solche Aktionstage. Der diesjährige Tag wurde zusammen mit dem Büro Oberbürgermeister organisiert und stand unter dem Motto: „Die gesprengte Synagoge“. Gemeinsam wurde so an die Zerstörung der Neuen Synagoge in Hannover vor 75 Jahren erinnert.

Dazu durchliefen die gut 180 Schüler/innen in Kleingruppen zeitversetzt einen Lernparcours mit sechs Stationen in der hannoverschen Innenstadt. An jeder Station erwarteten sie Oberstufen­schüler/innen der IGS, die sich im Unterricht zuvor speziell auf das jeweilige Thema der Stationen vorbereitet hatten. Die Wissensvermittlung erfolgte also von Schüler zu Schüler, was dank der gründlichen Vorbereitung sehr gut funktionierte.

Los ging es morgens früh kurz nach 8 Uhr am Holocaust-Mahnmal beim Opernplatz. Dort wurden die ankommenden Gruppen aufgeteilt und hörten Kurzreferate ihrer älteren Mitschüler/innen aus einen Gesellschaftslehrekurs des 12. Jahrgangs. Im Vorfeld hatte diese Biografien jüdischer Kinder aus Hannover recherchiert, die dem NS-Regime zum Opfer gefallen und deren Namen auf dem Mahnmal wiederzufinden waren. Die Sechsklässler/innen hörten zudem einiges über historische Personen wie Adolf Hitler und die Geschichte der hannoverschen Juden. Sie gewannen so erste Eindrücke vom Ausmaß der NS-Verbrechen und davon, wie das Leben einer rassistisch verfolgten Minderheit aussah.

Weiter ging es zur Marktkirche, wo sich die Schüler/innen – ebenfalls in Gruppen und unter Anleitung älterer Schüler/innen – mit der Geschichte des Hauses vom Mittelalter bis zur Zerstörung durch die Bomben des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzten. Auch die Rolle der Kirche während der Nazizeit wurde nicht ausgespart. Die älteren Schüler/innen – in diesem Fall aus einem Religionskurs des 10. Jahrgangs – waren von der Kirchenpädagogin Marion Wrede vorbereitet worden.

Anschließend liefen die Sechstklässler/innen weiter zur DİTİB-Moschee an der Stiftstraße, wo ihnen Imam Abdullah Kumaş zunächst einen Einblick in islamische Praktiken gab, denn viele der Schüler/innen betraten zum ersten Mal eine Moschee. Danach wurden sie auch hier von Oberstufenschüler/innen in Empfang genommen: Ein weiterer Gesellschaftslehrekurs des 12. Jahrgangs hatte sich zuvor in zwei Besuchen in der Stiftstraße über die Geschichte dieses Moscheevereins informieren lassen und vermittelte nun das so erworbene Wissen selbst weiter.

Die vierte Station war das Mahnmal an der Roten Reihe in der Calenberger Neustadt. Dieses Mahnmal markiert die Stelle, wo die „Neue Synagoge“ einmal stand. Diese war im Jahre 1870 errichtet worden und wurde während der so genannten „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 von SA-Mitgliedern zerstört. Um zu verdeutlichen, wie imposant die Größe dieser Synagoge war, hatten hier die Aktiven der SOR-SMC-AG an der IGS Kronsberg am Morgen eine 30 Meter lange rote Linie auf den Fußweg gesprüht. So breit war die Synagoge an ihrer breitesten Stelle gewesen. Dr. Günter Max Behrendt und Sebastian Schmidt von der städtischen Service-Stelle für „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ informierten an dieser Station über die Geschichte der Synagoge und die Wichtigkeit einer Erinnerungskultur.

Nach der Besichtigung des Mahnmals waren es diesmal nur ein paar Schritte zur nächsten Station, der Neustädter Hof- und Stadtkirche. Hier gab der Historiker Dr. Peter Schulze, Experte für die Geschichte jüdischen Lebens in Hannover, einen vertiefenden Einblick in die Entstehungsgeschichte der hannoverschen Synagogen. Dabei bekamen die Schüler/innen zudem am Beispiel der 2010 neu eröffneten Synagoge der Liberalen Jüdischen Gemeinde eine Vorstellung von den unterschiedlichen Strömungen im Judentum.

Zum Schluss ging es zum Neuen Rathaus, wo der ebenfalls gut vorbereitete Geschichtsleistungskurs des Abitur-Jahrgangs der IGS Kronsberg ihren jüngeren Mitschüler/innen die vier historischen Stadtmodelle im Kuppelsaal erklärten. Die Zuhörenden Kinder lernten so auch die massiven Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges kennen. Nach Abschluss des Parcours konnten sich die nach und anch eintrudelnden Gruppen an einem Büffet mit Nudeln und Soße stärken, das die Stadt spendierte.

Nachdem alle Gruppen im Rathaus versammelt waren, wurden sie von Bürgermeister Bernd Strauch empfangen. Er dankte den Schüler/innen, dass sie Antirassismus ernst nähmen und sich mit der Verfolgung der hannoverschen Juden auseinandergesetzt haben. Gemeinsam mit dem Bürgermeister nahmen dann alle am großen Finale auf dem Trammplatz teil. Schon im Vorfeld waren von IGS-Schüler/innen Postkarten mit einem Statement gegen Rassismus und einem Appell zur Erinnerungskultur in Hannover entworfen und in großer Zahl hergestellt worden. Diese Postkarten wurden nun unter Luftballons gebunden, die das SOR-SMC-Symbol trugen und von den Schüler/innen vor dem Rathaus steigen gelassen.

Der SOR-SMC-Betreuer der IGS Kronsberg, Daniel Haase, zeigte sich sehr zufrieden mit den Arbeiten seiner Zehnt- und Zwölftklässler/innen, die der „ungelebten Geschichte“ Lebendigkeit verliehen und historische Ereignisse greifbar machten. Die aktive Wissensvermittlung durch Schüler/innen für Schüler/innen treffe den Zeitgeist und Antirassismus sei ein hoch aktuelles Thema, mit dem man sich kaum genug auseinandersetzen könne. Auch die Zusammenarbeit mit der Stadt habe sehr gut funktioniert – insgesamt also eine gelungene Veranstaltung.