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Vortrag

Bedeutung und Funktion von Religion in der Migration

Den Auftakt zur neuen Reihe „Migration & Religion“ machte am 22. September Prof. Alexander-Kenneth Nagel vom Centrum für Religionswissenschaftliche Studien (CERES) an der Ruhr-Universität Bochum. Für seinen gut besuchten Vortrag, der den Untertitel „Migration, religiöse Vielfalt und Religionskontakte“ trug, konnte Prof. Nagel auch auf die Ergebnisse der Nachwuchsforschergruppe „Religion vernetzt – Zivilgesellschaftliche und wirtschaftliche Potenziale religiöser Vergemeinschaftung“ zurückgreifen, die er selbst an der an der Ruhr-Universität Bochum leitet.

Vor 40 Zuhörer/innen entfaltete der Referent in einem gut strukturierten Vortrag die These, dass Religion einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Unterstützung und Beheimatung von Migrant/innen leistet. Mit einem kurzen Rückblick in die europäische Geschichte, wo religiöse Vielfalt eher die Normalität denn die Ausnahme war, rüttelte er zunächst an einigen Stereotypen vom „christlichen Abendland“, welchen in der öffentlichen Debatte gern die Bildung von „Parallelgesellschaften“ gegenübergestellt wird.

Prof. Nagel schlug vor, stattdessen lieber die Formen der religiöse Selbstorganisation und Selbstvergewisserung in der Diaspora in den Blick zu nehmen. Dabei durchlaufen religiöse Selbstorganisationen typische Phasen: Vom anfänglichen Treffen in Privaträumen (1. Phase: „Provisorium“) geht es über die Anmietung von Hinterhoftempeln oder -moscheen (2. Phase: „Etablierung“) schließlich bis zur Schaffung von Repräsentationsbauten (3. Phase: „Konsolidierung“).

Solange Tempel und Moscheen in Hinterhöfen und an den Rändern der großen Städte erbaut wurden, war die reale religiöse Vielfalt in Deutschland praktisch unsichtbar. Durch die Planung und Errichtung repräsentativer religiöser Gebäude wie dem Sri Kamadchi Ampal Tempel in Hamm, der Pagode Vien Giac in Hannover oder der Zentralmoschee in Köln ist religiöse Vielfalt nunmehr sichtbar geworden und in den Blick des öffentlichen Interesses gerückt.

Aber nicht nur die Aufnahmegesellschaft verändert sich durch die Religionen, die die Migrant/innen sozusagen „im Gepäck“ mitgebracht haben. Sondern auch die „mitgebrachten“ Religionen unterliegen einem neuen Zwang zur Reflexion, denn religiöse Traditionen werden im Kontext der Diaspora begründungsbedürftig. Zudem nötigt der Mangel an professionellen religiösen Spezialisten zu einer Laisierung (mehr Verantwortung für religiöse Laien) und trägt so zu religiöser Dynamik bei.

Selbstvergewisserung wird ein wichtiges Motiv des religiösen Lebens, was der Referent plastisch am Beispiel religiöser Fetwas etwa zur Frage der Verwendung von Mikrowellenherden bei der Essenszubereitung beschrieb. Die unvermeidliche Spannung zwischen dem Wunsch zur Bewahrung und dem Drang zur Veränderung muss im Gemeindeleben aktiv bewältigt werden und kann auch in religiösen Innovationen münden.

Umgekehrt muss die Aufnahmegesellschaft Antworten auf die religiöse Pluralisierung finden. Diese Auseinandersetzung findet in der Sphäre des Rechts (Was ist eigentlich alles durch die Religionsfreiheit gedeckt?) ebenso wie in der Wirtschaft (Konzept des „Diversity Management“) oder im alltäglichen Leben (interreligiöse Begegnungen) statt. Das Konzept des Westfälischen Friedens jedenfalls wird dieser Realität kaum noch gerecht.

In seinem Resümee zeichnete Prof. Nagel schließlich ein positives Bild der religiösen Selbstorganisation im Kontext der Einwanderungsgesellschaft, da sie Beheimatung, Mobilisierung und Partizipation in Gang setzen könne.

Volkshochschule Hannover

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