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Vortrag

Die Bedeutung von Religion in der Migration

Bericht über den Eröffnungsvortrag von Ulf Plessentin, Religionswissenschaftler aus Berlin, gehalten am 9. Oktober 2012.

Die Eröffnung des neuen Zyklus „Christentum in Hannover“ innerhalb der Reihe „Migration & Religion“ übernahm Religionswissenschaftler Ulf Plessentin. Einleitend stellte er fest, dass in der aktuellen öffentlichen Debatte die beiden Leitbegriffe, die im Titel seines Vortrages auftauchen, nämlich: „Religion“ und „Migration“, sehr präsent seien. Doch wann immer sie in Kombination behandelt werden, drehe sich die Diskussion ausschließlich um den Islam. Diese Verengung sei sehr bedauerlich, die Zuwanderung zahlreicher christlicher Glaubensströmungen werde kaum beachtet.

Plessentin führte dann Bilder von vier verschiedenen Kirchen vor, die symbolhaft für unterschiedliche Pfade religiöser Migration zu sehen seien. In diesem Konzept steht etwa die Hugenottenkirche in Erlangen für Flucht und Vertreibung einer religiösen Minderheit, die sich vor religiöser Verfolgung retten musste und so in ein anderer Land gelangte. Die St. Clemens Basilika in Hannover hingegen stehe für das Aufkommen einer lokalen Anzugskraft: Die Konversion zum Katholizismus eines wichtigen Mitglieds des Welfenhauses (Herzog Johann Friedrich) zog Katholiken in eine bis dahin fast ausschließlich protestantische Region. Noch wieder anders die Gethsemane-Kirche in Berlin, Prenzlauer Berg, sie stehe für den raschen Zuzug von ländlicher Bevölkerung in die Städte während der Industrialisierung im späten 19. Jahrhundert.

Folie aus der Beamer-Präsentation zum Vortrag am 2012-10-09. © Wikimedia Commons: Pikiwikisrael, Daniel Arnold, Stebra, Fischchen (v.l.)

Folie aus der Beamer-Präsentation zum Vortrag

Unabhängig von dieser Wanderung großer Menschengruppen, die ihren Glauben mit sich bringen, müsse man aber auch die Wanderungen von religiösen Ideen und Ritualen beachten. Gerade die Christianisierung während des frühen Mittelalters in weiten Teilen Deutschlands sei weniger als Menschen-Wanderung, denn als Ideen-Wanderung zu erklären.

Die Funktion von Religion am Zielort von Migration, also bei der Seßhaftwerdung, sei vor allem im Zusammenhang mit dem Begriff „Identität“ zu sehen. Der Referent zitierte in diesem Zusammenhang Heinrich Heine: Die jüdischen Schriften seien für ihn ein „portatives Heimatland“ – ein tragbares Heimatland. Da Migration in der Regel mit Entwurzelung und irritierenden Fremdheitsgefühlen verbunden sei, biete die religiöse Gemeinschaft sicheren Boden unter den Füßen. Die Wichtigkeit von Religion könne daher angesichts der Erfahrung der Migration zunehmen.

Gleichzeitig könne sich Religion aber auch in der Migrationssituation wandeln, indem sie sich an die Gegebenheiten der Aufnahmegesellschaft adaptiere. Die Kommunikationstechniken des 21. Jahrhunderts ermöglichten schließlich einen neuen Typ der Wanderung: die „Transmigration“. Hinter diesem Begriff steht die Erfahrung, dass heutige Migranten ihrer Herkunftskultur sehr viel dichter verbunden bleiben können, dass sie auf Dauer an beiden gesellschaftlichen Realitäten im Herkunftsland und im Aufnahmeland teilhaben können. Migration müsse heute also keinen endgültigen Schnitt mehr bedeuten.

In der anschließenden, ausführlichen Diskussion mit dem Publikum musste der Referent mehrfach feststellen, dass es bislang wenig systematische Forschung zur Rolle von Religion im Migrationskontext gebe. Das ganze Feld sei überhaupt erst seit den Jahren 1999-2001 in den Fokus der Forschung gekommen. Bislang überwögen jedoch noch die Fallstudien. Am Ende der zwei Stunden, die von hoher Aufmerksamkeit und Konzentration geprägt waren, wurde der Referent vom Publikum mit herzlichem Applaus verabschiedet.

Volkshochschule Hannover

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