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Podiumsgespräch

Die Rolle der islamischen Dachverbände in Niedersachsen

Gut 20 Besucherinnen und Besucher konnten am 7. Mai ein spannendes Podiumsgespräch mit Vertreter/innen der beiden großen islamischen Dachverbände: DİTİB Landesverband Niedersachsen/Bremen und Schura Niedersachsen im großen Saal der VHS verfolgen. Dr. Lidwina Meyer sprach mit Mecnun Samast (DİTİB Hannover) und Emine Oğuz (DİTİB Nds.) sowie mit Avni Altıner und Annett Abdel-Rahman (beide Schura Niedersachsen). Beide Dachverbände reklamieren für sich jeweils zwischen 80 und 90 Moscheen in Niedersachsen als Mitglieder.

Als einer der Hauptunterschiede zwischen DİTİB und Schura kristallisierte sich im Gespräch die Frage der Beschäftigung und Bezahlung der Imame heraus: Die Imame der DİTİB-Gemeinden in Niedersachsen sind allesamt Absolventen theologischer Hochschulen in der Türkei und erhalten ihr Gehalt als türkische Staatsbeamte aus Ankara. In den Schura-Gemeinden praktizieren hingegen zumeist ehemalige Imame, die ihre Rente aufbessern, oder aber Laienprediger, die ihre theologischen Kenntnisse autodidaktisch erworben haben. So oder so ist die Entlohnung für die Schura-Imame in der Regel gering, weil die allein spendenfinanzierten Gemeinden kaum über große Etats verfügen.

Als Nachteil des DİTİB-Modells wurde offen benannt, dass die Imame selten länger als vier bis fünf Jahre vor Ort bleiben und in der Regel also gerade dann wieder in die Türkei zurückkehren, wenn sie hinreichend Orts- und Deutschkenntnisse erlangt haben. DİTİB hat deshalb schon vor Jahren damit begonnen, besonders aufgeweckten türkischstämmigen Abiturienten aus Niedersachsen ein theologisches Studium in der Türkei zu ermöglichen. Diese Stipendiaten durchlaufen danach noch ein islamwissenschaftliches Masterstudium in Deutschland und sollen dann als bi-kulturell versierte Imame in die Gemeinden in Niedersachsen zurückkehren.

Die Schura Niedersachsen verfolgt dagegen einen anderen Weg, sie setzt sich seit vielen Jahren für eine islamisch-theologische Ausbildung an deutschen Hochschulen ein. Eine Hartnäckigkeit, die langsam Früchte trägt. Denn tatsächlich werden im nächsten Semester die ersten zukünftigen Imame ihr Studium in islamischer Theologie in Osnabrück aufnehmen.

Auch auf einem anderen wichtigen Feld setzt die Schura auf örtliche Kooperationspartner: in der Jugendarbeit. So hat sie Jugendgruppenleiter-Ausbildungen gemeinsam mit den christlichen Pfadfindern organisiert und bemüht sich darum, diese frisch gewonnene Expertise in die Neugründung eines Jugendverbands der Schura einzubringen.

Einig waren sich alle vier Podiumsgäste darin, dass der dauernde Rechtfertigungsdruck, unter den sich Muslime auch in Hannover gestellt sehen, eine enorme Belastung darstellt. Avni Altıner erinnerte sich daran, dass er selbst schon 1980 – kaum nach Deutschland gekommen – in der Schule Erklärungen zum Aufstieg des Ayatollah Khomeini im Iran abgeben sollte, obwohl er kaum wusste, wo der Iran auf der Landkarte zu finden war. Seither habe der Druck, sich als Muslim fortwährend von schrecklichen Ereignissen irgendwo auf der Welt distanzieren zu sollen, nicht nachgelassen, sondern eher zugenommen.

Es zählte daher auch zu Zukunftsvisionen fast aller Podiumsgäste, dass sie sich eine Normalisierung des Umgangs wünschten. Ein Weg dahin könnte es sein, wenn bekennende Muslime beispielsweise als Rettungssanitäter oder Altenpfleger positiv im Alltagsleben in Erscheinung treten, sodass andere Bilder vom Muslim-Sein alltäglich werden, meinte Avni Altıner.

Wirklich spannend wurde die Diskussion, die sich rasch vom reinen Podiumsgespräch ins Publikum ausgeweitet hatte, mit der Frage, wer denn all die zukünftigen islamischen Theologie-Absolventen aus Osnabrück einstellen und angemessen bezahlen solle. Während Mecnun Samast die Ansicht vertrat, dass der Bedarf an in Deutschland qualifizierten islamischen Theologen so groß sei, dass er sich keinerlei Sorgen um die Chancen der zukünftigen Absolventen mache, sah Annett Abdel-Rahman eher nüchtern voraus, dass sich nur einige wenige Gemeinden die Einstellung solcher Absolventen werden leisten können. Avni Altıner verwies auf Minister Schünemann, der praktisch eine Art „Time-Sharing“ zwischen staatlichen Schulen und Moscheegemeinde vorgeschlagen habe: Die zukünftigen Imame könnten zu einem Teil ihrer Arbeitszeit als islamische Religionslehrer in Schulen arbeiten und den Rest als teilzeitbeschäftigte Theologen in ihren Gemeinden verdienen. In der weiteren Diskussion wurde sogar der Vorschlag geäußert, dass für eine Übergangszeit der deutsche Staat die Beschäftigung dieser Imame aus deutschen Hochschulen subventionieren sollte. Emine Oğuz hingegen setzte darauf, dass endlich die Anerkennung muslimischer Organisationen als Körperschaften öffentlichen Rechts durchgesetzt werde, denn dann sei die Frage der Finanzierung von festangestellten Imamen kein Problem mehr: Als Körperschaften könnten die Moscheen sich wie die Kirchen über Steuererhebung finanzieren.

Als die Moderatorin Dr. Meyer die Veranstaltung nach über 90 Minuten schloss, leerte sich der große Saal der VHS nur langsam, weil viele Besucher von der Debatte angeregt Fragen an die Podiumsgäste hatten.

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