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Podiumsgespräch

Welche Rolle haben die islamischen Gemeinden in der Stadtgesellschaft Hannover?

Mehr als 40 Besucherinnen und Besucher waren zugegen, als Moderatorin Kirsten Fricke zur Eröffnung des Gesprächs die Podiumsgäste Dr. Djavad Mohagheghi, Seyran Şahin und Ali Özer um eine kurze Vorstellungsrunde bat. Dr. Mohagheghi, Sprecher der afghanisch-schiitischen Gemeinde Payame Nour e.V., machte den Anfang: Er sei als Sohn eines schiitischen Geistlichen im Iran geboren, schon 1956 nach Deutschland gekommen und habe in Hamburg sein Abitur gemacht. Seyran Şahin, Vorstandsmitglied der Alevitischen Gemeinde zu Hannover e.V., berichtete ihrerseits, dass sie als Fünfjährige aus der Türkei nach Deutschland gekommen sei und somit als „Bildungsinländerin" gelte. Sie arbeite heute als Sozialpädagogin in einer Klinik. Ebenfalls bei der Alevitischen Gemeinde engagiert ist Herr Özer, der als Bauingenieur für die Stadt Garbsen seinen Lebensunterhalt verdiene.

Frau Fricke bat dann um einen Überblick über die Geschichte der jeweiligen Gemeinden. Dr. Mohagheghi skizzierte kurz, wie die Einwanderungsgeschichte allgemein sich im Werden der schiitischen Vereine in Hannover spiegele. Anfänglich seien alle schiitischen Gläubigen Teil einer Gemeinde gewesen, später habe es eine Ausdifferenzierung entlang nationaler Herkunftslinien gegeben. Seine Gemeinde Payame Nour sei leider aktuell ohne Vereinsräume, sie suchten daher eifrig ein neues Objekt. In der Gemeinde werde viel Deutsch gesprochen, was weniger daran liege das einige ursprünglich deutsche Muslime Mitglied seien, vielmehr sprächen die jungen Leute in der Gemeinde überwiegend Deutsch. Man müsse schon einiges tun, um die jungen Leute zum motivieren, auch die schiitischen Gemeinden hätten mit den Ablenkungen der modernen Gesellschaft zu kämpfen.

Frau Şahin berichtete, ihre Gemeinde zähle circa 460 Mitglieder, der Einzugsbereich gehe bis Peine und Stadthagen. Die Gemeinde habe das Haus Nr. 38 in der Kornstraße mit Spenden und Krediten gekauft, die noch nicht ganz abbezahlt seien. Grundsätzlich könne man zum Alevitentum konvertieren, aber ethnisch deutsche Aleviten gebe es nicht. Das Gebet finde auf Türkisch statt, es gebe allerdings erste Versuche auch Gebete auf Deutsch anzubieten. Für die Jugendlichen gebe es regelmäßig Angebote, z.B. auch Wochenendfahrten und Kontakte zu anderen Religionsgemeinschaften. Interessanterweise gebe es mehr Kontakte mit katholischen, evangelischen oder jüdischen Einrichtungen als mit muslimischen Gemeinden. Herr Özer führte dies darauf zurück, dass vielfach die Aleviten nicht als Muslime akzeptiert würden.

In dieser Frage wurden klar unterschiedliche Standpunkte auf dem Podium sichtbar: Während Dr. Mohagheghi erklärte, die Anerkennung Alis, des Schwiegersohns Muhammeds, als Propheten seitens der Aleviten schließe sie aus den Reihen der Muslime aus, widersprach Herr Özer: Es gebe eigentlich nur Unterschiede in den Ritualen. Hier setzten dann auch die Nachfragen aus dem Publikum an, ob die Aleviten denn nun Muslime seien oder nicht? Herr Özer bekräftigte darauf, dass die Aleviten sich als Teil der muslimischen Gemeinschaft sähen.

Eine weitere Frage aus dem Publikum zielte auf den Status des Arabischen als einzige Lehrsprache im Islam: Warum es nicht zugelassen sei, den Koran in Deutsch zu studieren? Dr. Mohagheghi verwies auf die ausserordentliche Komplexität der arabischen Sprache und dass es bis heute leider nicht gelungen sei, eine Einheitsübersetzung des Koran zu schaffen. Leider wurde die bis dahin sehr konzentrierte Atmosphäre kurz vor Ende der Veranstaltung durch polemische Vorwürfe gegen den Islam deutlich gestört. Doch die große Mehrheit des Publikums zeigte kein Interesse an diesen Störversuchen seitens einiger weniger. Und auch das Podium reagierte mit höflichen, aber inhaltlich klaren Worten, sodass Pastorin Fricke, die als Moderatorin durch den Abend geleitet hatte, wie geplant gegen 21 Uhr die Veranstaltung in Ruhe beenden konnte.

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