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Interkulturelle Jugendakademie Loccum

Ankommen – aufrichten – weitergehen

Vom 10. bis 12. März 2017 nahmen zwei Sprachlernklassen der Leonore-Goldschmidt-Schule (ehemals IGS Mühlenberg) mit 23 Schülerinnen und Schülern im Alter von neun bis 16 Jahren an einer Interkulturellen Akademie in der Evangelischen Akademie Loccum teil, die in Kooperation mit dem Agenda 21- und Nachhaltigkeitsbüro der Landeshauptstadt Hannover durchgeführt wurde. 22 Jugendliche hatten einen Fluchthintergrund und stammten insbesondere aus dem Irak, dem Iran, aus Afghanistan und Syrien, zwei davon waren unbegleitete Flüchtlinge.

Kinder, die etwas gestalten. © LHH

Gemeinsames Gestalten bei der Waldrallye.

Kinder und Jugendliche, die seit kurzer Zeit in Deutschland leben und über keine oder ge­ringe Deutschkenntnisse verfügen, erlernen in Sprachlernklassen die deutsche Sprache und werden, je nach Lernerfolg, im Verlauf eines Jahres in Regelklassen überführt.

Ziele und Rahmen

Ziel dieser Interkulturellen Jugendakademie war es, den Schülerinnen und Schülern jenseits der Herausforderungen der Neuorientierung in der fremden neuen Heimat eine Auszeit einzuräumen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich in entspannter Atmosphäre auszuprobieren und auszudrücken, Erfahrungen zu be- und verarbeiten, bisher unbekannte Kontexte kennenzulernen und neue Perspektiven für sich zu entdecken. Gleichzeitig sollten den Jugendlichen Möglichkeiten eröffnet werden, bisher bestehende Abgrenzungen und Konkurrenzen zwischen den Schülerinnen und Schülern beziehungsweise den beiden Klassen zu überwinden, um das Gemeinschaftsgefühlt zu stärken. Denn die Zusammensetzung dieser Klassen war in vielfacher Hinsicht divers: Die Jugendlichen unterscheiden sich hinsichtlich ihrer nationalen, kulturellen und religiösen Herkunft, ihres Bildungsgrades, der Motive ihres Zuzugs nach Deutschland, ihrer (Flucht-)Erfahrungen, des Status ihrer derzeitigen Unterbringung (in Familien, Pflegefamilien oder Heimen) und nicht zuletzt in Bezug auf ihr Alter. Zudem erleben diese Klassen durch Neuzugänge und den sukzessiven Wechsel von Schülerinnen und Schülern in Regelklassen eine hohe Fluktuation. Gerade vor diesem Hintergrund, der an die Jugendlichen und an die Lehrkräfte hohe Herausforderungen stellt, war es sinnvoll, mit dem Besuch in Loccum Möglichkeiten der Begegnung außerhalb ihres Schulkontextes zu eröffnen. All diesen Zielen stand voran, dass der Spaß nicht zu kurz kommen sollte. Und ein ebenso wichtiges Anliegen war, das bereits Erreichte zu würdigen und zu feiern.

Zum Programm

Das Programm wurde in enger Absprache mit den Lehrkräften der Leonore-Goldschmidt-Schule entwickelt. Es entstand ein Konzept, das weniger auf Sprache, sondern viel mehr auf sinnlichen und körperlichen Erfahrungen und Agieren im Team basierte. Dabei wurden die für die Jugendlichen neuen Orte (Wald, Kloster etc.) mit den für sie zum Teil neuen Methoden (Naturerkundungen, diverse Formen künstlerischen Ausdrucks beziehungsweise Gestaltung) verknüpft. Zum Angebot gehörten unter anderem ein Musik- und Theater-Workshop, Judo und Origami sowie eine Wald-Rallye. Einige der Referentinnen und Referenten hatten einen Migrationshintergrund. Dies war aus zwei Gründen von Vorteil: Zum einen haben diese ebenso ihre Heimat verlassen und stehen damit den geflüchteten Jugendlichen näher. Zum anderen konnten deren Sprachkenntnisse für Übersetzungen genutzt werden.

Erkenntnisse

Im Laufe des Wochenendes gab es zunehmend Annäherungen zwischen den Jugendlichen. Die Stimmung war, abgesehen von einzelnen Konflikten, sehr gut. Einige Jugendlichen nutzen die Möglichkeit, sich im kleinen Kreis über die Erfahrungen im Rahmen der Flucht und ihre Gefühle auszutauschen. Beim Besuch des Klosters fanden andere wiederum Gefallen an symbolischen Handlungen, die mit Hoffnung und Trost in Verbindung zu bringen sind, wie zum Beispiel das Entzünden von Kerzen für Nahestehende. Beim Tanzen und Singen nutzten die Jugendlichen die Möglichkeit, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Das Judoangebot förderte die Auseinandersetzung mit Geschlechterrollen und "Rangordnungen". Das Bedürfnis, ausgelassen und in einem geschützten Raum zu spielen und zu "sein", wurde insbesondere bei der Waldrallye am Sonntagvormittag deutlich, die in zwei parallelen Gruppen durchgeführt wurde. Die Aufgaben zielten auf Naturwahrnehmung, Wissenserwerb, künstlerische Gestaltung mit Naturmaterial sowie Spiele in der Natur. Hier wurden bewusst erlebnisorientierte Methoden eingesetzt, die nur im Team bearbeitet werden konnten. Bei der Rallye war unter anderem zu erleben, wie unbegleitete minderjährige Jungen, die vor nicht allzu langer Zeit unter schwierigsten Bedingungen geflüchtet waren, sich dem Naturerleben und dem künstlerischen Gestalten hingaben. Stark gemeinschaftsfördernd war die "Party" am Samstagabend mit Tanz und Bewegungsspielen (Reise nach Jerusalem etc.) zu Musik aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Die Rückmeldungen der Jugendlichen und Lehrkräfte waren sehr positiv, so dass eine Wiederholung dieses Angebots im Jahr 2018 bereits geplant ist.

Weiterführende Links

Zu den Kinder- und Jugendakademien der Evangelischen Akademie Loccum:
http://www.junge-akademie-loccum.de