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Café 11

Straßensozialarbeit und die Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen

Ein Bereich der Straßensozialarbeit ist die Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen, die von zuhause abgehauen sind und nun zwischen Straße, Mitwohnen und Jugendhilfeeinrichtungen hin und her "hoppen". Für diese Mädchen wird die Szene der Straßenjugendlichen zeitweise zur Ersatzfamilie.

Die Ursachen, warum Mädchen die Verbindung zu ihren (Stief-)Eltern ganz oder größtenteils abbrechen, sind vielfältig. Jedes Mädchen hat ihre individuelle Geschichte. Die Palette reicht von Schulschwierigkeiten, Drogenkonsum, Rausschmiss bis zur psychischen und physischen Gewalt im Elternhaus.

Den Entschluss, ihr Elternhaus zu verlassen in die Tat umzusetzen, empfinden Mädchen oft als eine Art von Befreiung. Sie haben dann den Wunsch, "in Ruhe gelassen" zu werden und die "Freiheit" – die durchaus viele Gefahren mit sich bringt – zu genießen. Auf der Suche nach Hilfe und Unterstützung haben sie die Erfahrung gemacht, dass oft über ihren Kopf hinweg entschieden wird. Die Angebote vieler Institutionen werden von den Mädchen als Bedrohung empfunden und nicht als Hilfe, wie vom Gesetz vorgesehen.

Keine feste Bleibe zu haben bedeutet, sich ständig um einen neuen Schlafplatz kümmern zu müssen. Die Möglichkeiten des Unterkommens sind anfangs vielseitig, aber genauso schnell können die Mädchen wieder auf der Straße stehen. Den Schlafplatz gibt es meistens nicht umsonst, die wechselnden "Freunde mit Bude" oder auch die "wohlmeinenden Erwachsenen" erwarten nicht selten eine sexuelle Gegenleistung für das Mitwohnen.

Mädchen befinden sich somit oft auf einer ständigen Gratwanderung zwischen "sich anbieten" und "sich schützen" müssen. Für die meisten Mädchen ist die "richtige" Prostitution ein Tabu, welches sie auf gar keinen Fall durchbrechen wollen. Um aber innerhalb der Szene einen festen Platz zu haben und anerkannt zu sein, nehmen sie eine ambivalente Haltung ein: Sie "bieten sich selbst an", um sich nicht "verkaufen" zu müssen. Diese Situation ist für sie besser, denn sie haben das Gefühl, ihre eigene Identität nicht aufgeben zu müssen.

Innerhalb der Szene geht es oftmals sehr hart zu: Belästigungen, Gewalt und Anmache wechseln sich mit Hilfsbereitschaft und Verbundenheit ab. Um sich vor dieser negativen Seite zu schützen, ist ein fester Freund aus der Szene hilfreich. Doch in der festen Beziehung geben sie oft ihre Eigenständigkeit und "Freiheit" wieder auf und schlittern in eine neue Abhängigkeit hinein.

Um diesen Kreislauf zu durchbrechen, wünschen sich die Mädchen konkrete Überlebenshilfe und eine Stabilisierung ihrer Situation. Besonders wichtig ist es ihnen, Ansprechpartnerinnen zu haben, die nicht gleich Forderungen an eine Beziehung knüpfen! Straßensozialarbeit sowie niedrigschwellige Anlaufstellen mit einem freiwilligen Angebot (Essen, Waschmaschine, Telefon, Dusche usw.) und unbürokratische Unterstützung orientieren sich gerade in der Stabilisierungsphase an den Wünschen der Mädchen.

Eine wichtige Voraussetzung, um Mädchen in akuten Krisen zu helfen ist, dass die Anonymität und Vertraulichkeit auf Wunsch gewahrt bleibt. Bei der Erarbeitung von Zukunftsperspektiven ist es von Bedeutung, nicht die Defizite sondern die Stärken der Mädchen in das Blickfeld zu rücken. Auch die Forderung nach dem Ausstieg aus der Szene ist nicht hilfreich, wenn die Szenegruppe zur Ersatzfamilie geworden ist. Hier sind die Alternativen gefragt, die von den Mädchen annehmbar sind und als Besserung ihrer Lebenssituation gesehen werden.

Darüber hinaus ist ein Treffpunkt von besonderer Bedeutung, an dem die Mädchen die Möglichkeit haben, sich nur mit Mädchen zu treffen. Hier können Kontakte zu Mädchen, jungen Frauen und jungen Müttern mit ähnlichen "Straßenkarrieren" geknüpft werden, ein soziales Netz entsteht unter den Mädchen selbst. Im geschützten Raum kann aber auch über sensible Themen wie Verhütungsmethoden usw. informiert und sich ausgetauscht werden. Erst wenn Mädchen ein Gespür für ihren eigenen Körper haben und sich entscheiden, für ihre Gesundheit selbst zu sorgen, nehmen sie den Schutz vor ungewollter Schwangerschaft und vor HIV-Infizierung wirklich ernst. In dem offenen Café-Angebot können auch gemeinsame Erlebnisse, wie zusammen Geburtstage und Weihnachten feiern, positiv erlebt werden. Kurze Freizeiten unterstützen die pädagogischen Ziele enorm.

In erster Linie hat die Straßensozialarbeit die Aufgabe, die derzeitige Lebenssituation der Mädchen zu stabilisieren und tragfähige Zukunftsperspektiven zu erarbeiten. Um dieses Ziel zu erreichen, liegt der Schwerpunkt der Beziehungsarbeit und in den vertrauensvollen Kontakten zu den Mädchen. Dabei ist es für die Straßensozialarbeit notwendig, ein Netz von unterschiedlichen Einrichtungen im Hintergrund zu haben, um überhaupt ziel- und ressourcenorientiert mit den Mädchen arbeiten zu können.