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Gedenkstätte Ahlem

Pädagogische Arbeit an einem historischen Ort

Fünf Jahre Gedenkstätte Ahlem der Region Hannover – Neue Ausstellungsinhalte, neue Medien und Themen in 2020.

Zwei Mäner und eine Frau stehen an einem Schild, dass vor dem Gebäude steht. © Region Hannover

v.lks. Prof. Longerich, Regionspräsident Hauke Jagau und Leiterin Stefanie Burmeister.

Die 2014 neueröffnete Gedenkstätte Ahlem hat sich in den fünf Jahren ihres Bestehens als zentraler Lernort zur Zeitgeschichte in der Region Hannover etabliert. Mehr als 70.000 Besucherinnen und Besucher wurden seit der Eröffnung im umgebauten und erweiterten Direktorenhaus der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule an der Heisterbergallee gezählt. Rund 400 Quadratmeter umfasst die Dauerausstellung, die sich mit der Historie des Ortes befasst. Ein Team von Pädagoginnen und Pädagogen betreut Schulklassen und Besuchergruppen. Das Angebot reicht von kurzen Führungen über mehrtägige Workshops bis zu langfristigen Projekten.

„Die besondere Geschichte dieses Ortes bietet viele Anknüpfungspunkte zur Wissens-vermittlung: vom jüdischen Leben in Hannover über die Zeit des Nationalsozialismus mit ihren Verbrechen bis zu Themen, die in die Gegenwart reichen -  Flucht und Migration, Antisemitismus und Rassismus“, daran erinnert Regionspräsident Hauke Jagau: „Das umfassende Bildungsangebot der Gedenkstätte richtet sich nicht nur an Schülerinnen und Schüler oder Lehrkräfte, sondern auch an Auszubildende, Angehörige der Bundeswehr oder Beschäftige im öffentlichen Dienst. Es wird beständig und zielgruppenspezifisch weiterentwickelt.“ In Zusammenarbeit mit der Leibniz Universität Hannover werden zurzeit in einem Projekt auch sonderpädagogische beziehungsweise inklusive Angebote entwickelt.

„Wir freuen uns auf jede interessierte Besucherin und jeden interessierten Besucher, denen wir unsere Dokumente mit modernen Medien zugänglich machen können“, so Stefanie Burmeister, Leiterin der Gedenkstätte: „Zukünftig wird es auch möglich sein, Textbausteine, Fotos und Filme interaktiv miteinander zu vernetzen und sich so Erkenntnisse individuell zu erarbeiten.“ Fortbildungen für Lehrkräfte und andere Multiplikatoren sind ebenfalls Bestandteil des pädagogischen Konzepts: „Sie erhalten in unseren Veranstaltungen einen Überblick über den aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand zu relevanten historischen Themen und wir diskutieren über die Anwendungsmöglichkeiten im Unterricht.“ In Planung ist die Zusammenarbeit mit Geflüchteten-Initiativen.

Ahlem als Erinnerungsort – neue Ausstellungsinhalte

Auch die Dauerausstellung der Gedenkstätte wird kontinuierlich aktualisiert und ergänzt. So soll der Fokus im ersten Obergeschoss zukünftig stärker auf der Geschichte des KZ Ahlem liegen. Außerdem werden weitere Orte der Verfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus in Ahlem sowie im Gebiet der heutigen Region Hannover beschrieben. Die Fertigstellung erfolgt in diesem Jahr.

Im Untergeschoss wird 2020 ein neuer Abschnitt dem Thema "Ahlem als Erinnerungsort - Aufarbeitung nach 1945“ gewidmet werden. „Die Ergebnisse der pädagogischen Arbeit während der letzten fünf Jahre nach Eröffnung der Dauerausstellung sind maßgeblich in die Planung mit eingeflossen“, erklärt Stefanie Burmeister. Aktuelle Aspekte aus den Bereichen Gesellschaft und Politik werden berücksichtigt und in Beziehung zur Geschichte des Ortes gestellt. „Die heutige Gedenkstätte ist aus einem bürgerschaftlichen Engagement heraus entstanden“, betont Regionspräsident Jagau: „Ihre Akzeptanz und Bedeutung ist der Initiative von Menschen, die sich sozial und politisch positionierten, zu verdanken. In dieser Tradition möchte die Gedenkstätte Denkanstöße bieten und demokratische Werte vermitteln. Ziel ist es, mit dem neuen Ausstellungsabschnitt ein Diskussionsforum zu schaffen, bei dem vor dem Hintergrund der Geschichte und der jüngsten Ereignisse über das Heute diskutiert werden kann.“ 

Das Konzept für die Erweiterung der Ausstellung hat Prof. Dr. Peter Longerich, langjähriges Mitglied der Fachkommission der Gedenkstätte, erarbeitet. Für den Zeithistoriker liegt die Besonderheit und Stärke des Gedenkortes Ahlem darin, dass er als authentischer Ort im Laufe der Zeit eine Vielzahl von unterschiedlichen Funktionen besaß: „Die Israelitische Gartenbauschule war Zeugnis selbstbewussten jüdischen Lebens im Kaiserreich und Weimarer Republik; in der Zeit des Nationalsozialismus war sie ein Zufluchtsort für junge Jüdinnen und Juden die sich auf die Auswanderung vorbereiten, dann aber ab 1941 Sammelstelle für die Deportationen in die Vernichtungslager sowie in den letzten Kriegsjahren Dienststelle der Gestapo und ein Ort des Terrors nicht nur gegen Juden, sondern gegen alle Menschen, die aus rassistischen, weltanschaulichen und politischen Gründen verfolgt wurden. Ahlem eröffnet ganz unterschiedliche Perspektiven, nicht nur auf die Verfolgungsgeschichte, sondern auch auf das jüdische Leben in Deutschland vor dem NS-Regime, den Umgang mit dieser Geschichte nach 1945 und besitzt daher als historischer Lernort eine ganz besondere Qualität.“

Neben der Erweiterung der Ausstellung um den Aspekt der Erinnerungskultur soll die Geschichte Ahlems in die allgemeine Geschichte des Nationalsozialismus eingeordnet werden. Prof. Dr. Longerich: „Es geht uns darum, die Zerstörung der Weimarer Demokratie und die Errichtung der NS-Diktatur als einen stufenweisen Prozess zu beschreiben, der bereits in den 1920-er Jahren begann. Wir wollen zeigen, wie die Schwächung, Delegitimierung und Selbstlähmung demokratischer Institutionen den Aufstieg extremistischer Kräfte begünstigt und in der Errichtung einer totalitären Diktatur münden konnte.“ 

Daneben soll das gesamte Verfolgungsnetzwerk des NS-Staates - Polizei, Gestapo, SS, NSDAP, Justiz, allgemeine Verwaltung - systematisch dargestellt und deutlich werden, wie aus bürokratischen Routinehandlungen ein Unrechtssystem entstehen kann. Die stufenweise Eskalation der Verfolgung der verschiedenen Opfergruppen durch den NS-Terrorstaat soll in einen ideologischen und politischen Gesamtzusammenhang gestellt werden.“

Veranstaltungsprogramm

In ihrem Veranstaltungsprogramm wird die Gedenkstätte Ahlem auch 2020 in Vorträgen, Diskussionen, Zeitzeugengesprächen und Lesungen zeithistorische Themen aufgreifen. Mit Graffiti-Workshops oder der Konzert-Reihe „Musik aus Israel“ sind Projekte hinzugekommen, die insbesondere junge Menschen ansprechen sollen. Zum dritten Mal richtet die Gedenkstätte Ahlem am Sonntag, 12. Juli 2020, das Denk.Mal.Garten.Fest aus.

Bei freiem Eintritt erwartet die Besucherinnen und Besucher ein abwechslungsreiches Programm auf verschiedenen Bühnen und an verschiedenen Schauplätzen. Neben der Singer-Songwriterin Noam Bar aus Hannover mit ihrer Band werden auch musikalische Gäste aus Tel Aviv erwartet: die Ethno-Funk-Formation Quarter to Africa und als Hauptact die schon internationale bekannte Lucille Crew (HipHop, Funk, Soul). Bei Führungen wird den Fest-Gästen die Geschichte des historischen Ortes, seine Entwicklung und die heutige Nutzung nähergebracht.

Mit der Veranstaltung knüpft die Gedenkstätte an die positive Geschichte Ahlems an und betont die modernen, selbstbewussten Aspekte jüdischer Kultur zu Zeiten der Gründung als israelitische Gartenbauschule. Auch die Nachbarn auf dem Gelände beteiligen sich: die Justus-von-Liebig-Schule der Region Hannover, die Lehr- und Versuchsanstalt für Gartenbau Ahlem der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, die Fakultät für Maschinenbau und Bioverfahrenstechnik der Hochschule Hannover, das Fraunhofer Institut und der Verein Neues Land.