Ausstellung im Historischen Museum

Hannover, England und die Sklaverei

Das Historische Museum Hannover schlägt ein Kapitel der kolonialen Vergangenheit Deutschlands auf, das bisher kaum im Fokus stand: Es geht um die Zeit von 1714 bis 1837, in der die Könige von Hannover gleichzeitig Könige von Großbritannien waren. "Von goldenen Kutschen und kolonialer Vergangenheit: Hannover, England und die Sklaverei", lautet der Titel der Ausstellung, die das Museum vom 12. Juli bis 13. November 2022 zeigen wird. Zur Eröffnung am Dienstag, den 12. Juli, kommt Kulturstaatsministerin Claudia Roth nach Hannover.

Die Uniform von Georg III. (1738-1820), ehemals König des Vereinigten Königreichs Großbritannien und Irland und seit dem Wiener Kongress König von Hannover. 

Wer sich mit dem deutschen Kolonialismus befasst, richtet den Blick vor allem auf den Zeitraum von 1880 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs. Denn erst in den 1880er Jahren wurde Deutschland zur Kolonialmacht und besetzte die ersten Gebiete in Afrika. Die Ausstellungsmacher*innen in Hannover haben sich jedoch auf eine Recherchereise begeben, die zeitlich deutlich früher ansetzt: Sie werfen erstmals Fragen nach den Spuren von Kolonialismus und Sklaverei auf, die mit der hannoversch-britischen Personalunion in Verbindung stehen.

Museumsdirektor Dr. Thomas Schwark führt Kulturdezernentin Konstanze Beckedorf durch die Ausstellung.

"Bislang wurde die Zeit der Personalunion als glanzvolle Epoche gefeiert und als Aufstieg zum Weltreich erzählt. Die geplante Ausstellung ergänzt dieses Narrativ um den Aspekt der Kolonialgeschichte und eröffnet damit neue Perspektiven auf die Stadt- und Landesgeschichte. Das macht die besondere Bedeutung der Präsentation aus – nicht zuletzt vor dem Hintergrund aktueller Debatten über Kolonialismus und Sklaverei", meint Hannovers Kulturdezernentin Konstanze Beckedorf.

Aufstieg zum Weltreich, das zugleich Kolonialreich war

Eine bedeutende Phase der Machtentfaltung Großbritanniens fiel mit der Ära der Hanoverians zwischen 1714 und 1837 zusammen, in der die Landesherren des deutschen Kurfürstentums Hannover auf dem Königsthron in London saßen. In diese 123 Jahre Personalunion fällt der atemberaubende Aufstieg Großbritanniens zum Weltreich mit einem schließlich beispiellosen kolonialen Herrschaftsgebiet.

Schiffskanonen aus der Kolonialzeit

"Weltreich" bedeutete zugleich Kolonialreich: Wachsende globale Macht ging mit zunehmender Unterdrückung indigener Gesellschaften und Kulturen einher. Der Genuss nach Europa importierter Luxusgüter wie Zucker, Tee und Kakao führte zu immer mehr Ausbeutung der Menschen in Übersee. Mehr noch: Die europäische Nachfrage nach exotischen Waren intensivierte deren Produktion und führte zu wachsendem Bedarf an Arbeitskräften in Nord- und Südamerika und in der Karibik. In zunehmendem Maße wurde dieser durch den Einsatz von versklavten Menschen aus Afrika gedeckt, Menschen die unter anderem von britischen Unternehmern auf britischen Schiffen verschleppt wurden: Männer, Frauen und Kinder, die oft unter unmenschlichen Bedingungen leben, arbeiten und dienen mussten und mit ihrer Hände Arbeit zu Wohlstand und Luxus der europäischen Oberschicht beitrugen.

Die Sonderausstellung zeichnet damit zum einen ein Bild der Zeit zwischen 1714 und 1837 mit dem Blick auf Großbritannien und seinem Aufstieg zum weltweiten Kolonialreich. Dabei wird die besondere Bedeutung des Siebenjährigen Krieges (1756 - 1763) als globalgeschichtlichem Wendepunkt herausgestellt. Zum anderen wird am Beispiel der Partnerstädte Bristol und Hannover gezeigt, in welcher Weise die Zeitgenoss*innen der Personalunion vom Handel mit kolonialen Gütern profitierten, dabei Sklaverei und Sklavenhandel in Kauf nahmen, allmählich aber auch kritische Positionen zum Menschenhandel entwickelten.

Koloniale Einflüsse auf Hannover

Die Ausstellung betrachtet die Aus- und Folgewirkungen kolonialer Einflüsse auf das Leben in Hannover selbst. "Das Interesse gilt den Menschen aus Hannover, die mehr oder weniger aktiv an den Begleiterscheinungen von Kolonialismus und Sklaverei beteiligt waren", erklärt der Leiter des Historischen Museums, Thomas Schwark. "Gab es Betroffene, Initiatoren und Profiteure? Wer waren diese Personen, welche Motive hatten sie? Und was ist über sie noch heute in Hannover zu entdecken?" 

Ein Schiffskörper dominiert die Ausstellung: Im Inneren finden Besucher*innen viele Exponate und Informationen zum Thema Kolonialismus.

Selbst wenn hannoversche Akteure und Profiteure von Kolonialismus sowie Handel und Ausbeutung von versklavten Menschen derzeit nur vereinzelt nachweisbar sind (beispielsweise Daniel Botefeur, Kuba), waren doch wohlhabende Kreise in Hannover Konsument*innen unterschiedlicher Luxusgüter wie Tee, Kaffee, Kakao, Rum oder Zucker.

Um den Kolonialismus-Diskurs um eine neue Perspektive zu öffnen wird die Ausstellung von einem Diskussions- und Veranstaltungsprogramm begleitet, das die unterschiedlichen Aspekte beleuchtet und kritisch hinterfragt.

Enge Zusammenarbeit mit der Partnerstadt Bristol

Für einen Blick auf die britische Seite konnten Wissenschaftler*innen und Museumskolleg*innen aus Hannovers Partnerstadt Bristol gewonnen werden, die die Geschichte des Menschenhandels aufgearbeitet haben. Großbritanniens um 1750 erreichte Position als aufstrebende Weltmacht bedeutete zugleich wachsende Prosperität für die südenglische Hafenstadt.

Bristols Schiffe transportierten allein zwischen 1725 und 1740 über 500.000 Menschen nach Nordamerika und in die Karibik. So war der Kaufmann und Sklavenhändler Edward Colston (1636-1721) an der Verschleppung von 80.000 Menschen beteiligt. Er gelangte zu enormem Reichtum und war in seiner Heimatstadt Bristol überaus anerkannt. Colston trat als Förderer von Schulen, Armen- und Krankenhäusern auf, nach ihm wurden öffentliche Gebäude benannt, 100 Jahre lang erinnerte ein repräsentatives Standbild an ihn.

Flagge aus der Zeit der Personalunion

Zur gleichen Zeit lebte und wirkte in Hannover Colstons Zeitgenosse, der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716). Er formulierte 1703 eine deutliche Kritik an der Sklaverei und war mit dieser Haltung seiner Zeit weit voraus: 1807 – mehr als 100 Jahre später – verbot das britische Parlament den Sklavenhandel und erst 1833 wurde die Sklaverei im British Empire endgültig abgeschafft. Mit der Reflexion von Kolonialismus und Sklaverei des 18. und 19. Jahrhunderts stellt die Ausstellung bewusst Bezüge zu aktuellen gesellschaftlichen Debatten her. Dabei fließen die Impulse aus der intensiven Auseinandersetzung mit Sklaverei und Kolonialismus ein, die von den Menschen in Bristol ausgehen. Das dortige Partnermuseum M Shed nimmt eine besondere Rolle als Ort aktueller Aushandlungsprozesse ein.  

"Debatte um Kolonialismus gehört in die Mitte der Gesellschaft"

"Deutschland muss sich noch intensiver mit seiner kolonialen Vergangenheit auseinandersetzen, dazu liefert die Ausstellung einen wertvollen Beitrag", betont Thomas Schwark. "Sie bietet Anstöße und einen Raum der Auseinandersetzung mit kolonialen Strukturen, an denen Menschen bis heute direkt und indirekt beteiligt sind. Analoge und digitale Besuchende sind eingeladen, sich aktiv zu den Themen zu positionieren, die Ausstellung zu hinterfragen und weiterzudenken."

Konstanze Beckedorf meint, das Historische Museum zeige "sein Gespür für gesellschaftliche Fragen, die seit der Tötung von George Floyd viele Menschen auch in Hannover bewegen und die sich mit kultureller Aneignung, Racial Profiling, willkürlicher Polizeigewalt und alltäglichem Rassismus auseinandersetzen". In Deutschland sei die Kolonialismus-Debatte eine noch nicht ihrer Bedeutung gerecht werdende Diskussion. "Die Debatte nimmt nur langsam an Fahrt auf, sie ist aber noch nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Da aber gehört sie hin."

Sonderausstellungen

Von goldenen Kutschen und kolonialer Vergangenheit

13.07.2022 bis 13.11.2022

Hannover, England und die Sklaverei - Sonderausstellung in der Kutschenhalle des Historischen Museums vom 13. Juli bis 13. November 2022.  

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