Pflege öffentlicher Grünflächen

Warum die Stadt nicht alle Wildblumenwiesen gleichzeitig mäht

Auf vielen Grünflächen in der Stadt blüht es derzeit wild und bunt. Die Wildblumenwiesen sind nicht nur eine Augenweide, sondern vor allem auch ein Paradies für Insekten. Dennoch oder gerade deshalb mähen die Fachleute des Fachbereichs Umwelt und Stadtgrün derzeit einige öffentliche Grünflächen.

Ökomodellregion Hannover. 

Rund 44.000 Quadratmeter naturnahe Grünflächen hat der Fachbereich Umwelt und Stadtgrün allein im vergangenen Jahr im gesamten Stadtgebiet angelegt. Die Blühflächen sind gut besucht: Käfer, Wildbienen, Schmetterlinge und viele weitere Insekten finden hier Nahrung, Lebens- und Rückzugsraum – jetzt im Sommer, aber auch in der kalten Jahreszeit.

„Die anstehenden Mäharbeiten auf den städtischen Grünflächen folgen mit Blick auf ihre Bewohner*innen einem ausgeklügelten System: Auf einigen Wiesen rücken die Mäher schon an, wenn sie noch in voller Blüte stehen“, erläutert Ulrich Prote, Leiter des Fachbereichs Umwelt und Stadtgrün, und führt aus: „Bei aufmerksamen Betrachter*innen kann das genauso für Irritation sorgen wie Wiesen, die auch dann noch nicht gemäht werden, wenn sie längst verblüht und vertrocknet sind. Beides erfüllt aber einen Zweck: Das Gesamtmosaik der Wiesen soll möglichst vielfältig sein, um Insekten zu jedem Zeitpunkt eine Lebensgrundlage zu bieten.“

Mehr als Klatschmohn und Kornblume

Nach der Ansaat der Wildblumenwiesen im vergangenen Herbst oder Frühjahr entfalten sie bereits jetzt im Sommer ihre bescheidene, wilde Schönheit. Man muss genau hinsehen: Die Blüten sind kleiner und unauffälliger als exotische Zierblumen.

Zunächst blühen einjährige Kräuter und Gräser. Dazu zählen auffällige „Eyecatcher“ wie Klatschmohn und Kornblumen. Im Schutz dieser „Frühentwickler“ wachsen langsam die zwei- und mehrjährigen Pflanzen wie Wiesen-Pippau, Rotklee, Wilde Möhre, Schafgarbe und Rote Lichtnelke heran. Besonders ins Auge stechen darunter Wiesenmargerite und Wiesenflockenblume. „Diese ausdauernderen Arten sorgen dafür, dass die Flächen langfristig bestehen und nicht ständig nachgesät werden muss. Die nachhaltige Entwicklung einer Blühwiese kann im Einzelfall bis zu sechs Jahre dauern. Nach und nach kann sich auch das entfalten, was sich natürlicherweise im Boden befindet“, sagt Prote.

Genau darauf sind heimische Wildbienen, Schwebfliegen, Tag- und Nachtfalter, Käfer, Florfliegen und vielen andere Insekten angewiesen, die für das ökologische Gleichgewicht wichtig. In den heimischen Wildpflanzen finden sie Pollen und Nektar. „Mit Zuchtblumen können sie dagegen nichts anfangen. Aber die Flächen sind mehr als ein Insektenbuffet. Sie sind auch wichtig, damit Insekten in der kalten Jahreszeit überleben und sich fortpflanzen können: An abgestorbenen Stängeln können sie ihre Eier ablegen und als Larven oder auch ausgewachsene Tiere überwintern“, unterstreicht der Fachbereichsleiter.

„Mosaikmahd“: Mähen in Etappen für mehr Vielfalt

Nicht alle Wiesen werden gleich häufig und zur gleichen Zeit gemäht, auch der Anteil an gemähter und belassener Fläche variiert. Die verblühten und vertrockneten Stängel bleiben dann bis zum nächsten Frühjahr stehen. Was eventuell chaotisch wirken mag, folgt einer Strategie, die den Insekten zugutekommt. Ziel ist es, ein Mosaik an Wiesen unterschiedlicher Stadien entstehen zu lassen und in diesem Verbund ein beständiges Nahrungsangebot und vernetzte Lebensräume anzubieten.

Der Zeitpunkt der Mahd entscheidet darüber, ob Insekten sich optimal entwickeln, fortpflanzen und überwintern können. Je nach Standort, Pflanzen- und Insektenarten ist die Mähstrategie verschieden. Der Fachbereich Umwelt und Stadtgrün verfolgt daher drei unterschiedliche Mähintervalle:

  • Die zweifache Mahd fördert die Blütenentwicklung: Eine Fläche, die gemäht wird, wenn sie noch blüht, entwickelt oft noch eine zweite Blüte später im Jahr. Insgesamt verlängert sich damit der Blühzeitraum und damit das Nahrungsangebot.
  • Die Herbstmahd gibt Larven die Chance, sich zu entwickeln und „flügge“ zu werden: Wenn erst im Herbst gemäht wird, haben die Insekten genug Zeit, ihre verschiedenen Entwicklungsstadien zu durchlaufen: vom Ei, zur Larve, zur Raupe, zum Falter. Die Larven sind zum Zeitpunkt der Mahd dann schon geschlüpft und mobil. So können sie auf benachbarte Flächen ausweichen.
  • Die Sommermahd lässt Raum zum Überwintern: Andere Wiesen bleiben bis zum nächsten Frühjahr ungemäht. Das mag ungewohnt „ungepflegt“ aussehen. Für Insekten sind die Flächen aber gerade jetzt überlebenswichtig: Hier finden sie ein Versteck zum Überwintern. Viele Insekten fallen in eine Winterstarre oder verpuppen sich, andere produzieren eine Art körpereigenes Frostschutzmittel, das sie vor dem Erfrieren schützt.

„Auf diese Weise zahlt sich die Vielfalt in der Pflege aus und führt zu einer Vielfalt bei der Artenzusammensetzung auf den städtischen Grünflächen“, lautet das Fazit von Ulrich Prote.