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Ausgrabung

Leineufer: Nah am tiefsten Punkt

Auf der ehemaligen Leineinsel nördlich der Schlossbrücke nähern sich die Grabungen am westlichen Flussufer dem tiefsten Punkt: Jetzt wurde die gut erhaltene hölzerne Unterkonstruktion freigelegt.

"Unter dem normalen Wasserpegel der Leine wird zurzeit die perfekt erhaltene hölzerne Unterkonstruktion der historischen Ufermauer freigelegt", erläuterte Friedrich-Wilhelm Wulf, Bezirksarchäologe beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege, bei einem Pressetermin am 2. September. "In diesem südlichen Bauabschnitt zeigt sich auf einer Länge von 30 Metern eine sehr unterschiedliche Zimmermannstechnik, anhand derer sich mindestens drei verschiedene Baumaßnahmen beziehungsweise Bauphasen abzeichnen."

Mauer war komplexer, als sie aussah

Die hervorragende Holzerhaltung ist dergestalt erstmals in der Geschichte der hannoverschen Archäologie aufgetreten. "Es ergeben sich zahlreiche bemerkenswerte Aufschlüsse zu Bauweise und Handwerkstechnik des ausgehenden Mittelalters und der frühen Neuzeit", sagte Kai Gößner, Grabungsleiter der archäologischen Fachfirma Arcontor Projekt GmbH (Wolfenbüttel). "So zeigt sich beispielsweise, dass die Mauer in ihrem Untergrund weitaus vielgestaltiger und komplexer war, als es ihr äußeres Erscheinungsbild stets vermuten ließ", so Gößner weiter.

Die Leineufermauer steht aber nicht nur in ihrer Rolle als rein archäologisches Bodendenkmal im Fokus: "Es kann nun anhand des konkreten Befundes auch gezeigt werden, wie sehr sich die Statik der Mauer über die Jahrhunderte bis in die Tiefe geändert hat und warum die laufende Maßnahme zur Erneuerung der Leinufermauer notwendig geworden ist", sagte Kai Gößner.

Areal von Handwerksbetrieben genutzt

Neben den Aufschlüssen zur Leineufermauer haben die Ausgrabungen der vergangenen Wochen weitere, archäologisch bemerkenswerte Ergebnisse zu Tage gefördert. "Funde und Befunde sind von überregionaler Bedeutung. Sie zeichnen für das späte Mittelalter das Bild eines von verschiedenen Handwerkern genutzten Areals am Leineufer", unterstrich Bezirksarchäologe Friedrich-Wilhelm Wulf. Große Mengen von Metallschlacken sowie Reste von Leder und Horn geben Auskunft darüber, dass dort mindestens drei Handwerksbetriebe – Eisenverarbeitung, Lederwerkstatt und Knochenverarbeitung – angesiedelt waren. "Zusätzlich zu diesen bereits präsentierten Gewerken wurden zuletzt Belege für eine Buntmetallverarbeitung vor Ort gefunden", ergänzte Grabungsleiter Kai Gößner.

Weitere Kleinfunde illustrieren den mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Handel und das Geistesleben der damaligen Hannoveranerinnen und Hannoveraner. Zuletzt präsentiert wurden unter anderem eine kleine Marienfigur, ein verzierter mittelalterlicher Schreibgriffel und ein Heiligenbild aus Keramik. Insgesamt wurden im Rahmen der Ausgrabungen in den vergangenen Monaten zahlreiche Hinweise entdeckt, wie die Menschen im späten Mittelalter gelebt haben. So befinden sich unter den mehr als ein halbes Jahrtausend alten Fundstücken auch Teile eines Schöpflöffels, eine Lederschuhsohle, Walnuss- und Haselnussschalen, ein nahezu unbeschädigter Krug sowie Teile von aus Knochen gefertigten Kämmen. "Unsere Aufgabe ist es, Hinweise auf das Leben der Menschen in der damaligen Zeit zu finden. Und unsere Erwartungen wurden übertroffen", fasste Grabungsleiter Kai Gößner zusammen.

Sanierung dringend erforderlich

Anlass der Arbeiten ist die dringend erforderliche Sanierung der einsturzgefährdeten etwa 70 Meter langen Mauer des westlichen Leineufers. Die Mauerabschnitte waren in Teilen Überreste der letzten ehemaligen Leineinselbebauung, die auf die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts zurückgeht. Um die Mauer dauerhaft standsicher zu machen und gleichzeitig den bisherigen Charakter zu erhalten, wird eine Stahlbetonkonstruktion errichtet und unter weitgehender Verwendung des vorhandenen Natursteinmauerwerks verblendet. Bei Abbruch und Neubau der Ufermauer sind aufgrund der sensiblen stadtgeschichtlichen Bedeutung umfangreiche baubegleitende archäologische Untersuchungen und Dokumentationsschritte in aufeinander aufbauenden Bauphasen erforderlich.

Der erste, 30 Meter lange Abschnitt der archäologischen Ausgrabung am Leibnizufer ist nahezu beendet. Aktuell liegt die Baugrube bei sechs Metern Tiefe. Die Sohltiefe für die neue Schwerlastwand wird etwa bei 6,50 Metern erreicht sein. In Kürze beginnt im jetzt freigelegten südlichen Baufeld die Gründung der neuen Ufermauer. Im nördlichen Baubereich werden die archäologischen Grabungen fortgesetzt. Dies wird voraussichtlich acht Wochen dauern. Ziel ist es, die gesamte Maßnahme bis Sommer 2015 abzuschließen. Die Kosten für die Arbeiten liegen bei insgesamt rund 2,3 Millionen Euro.