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Ein Gemälde zeigt nackte, tanzende Menschen. © Landesmuseum Hannover

Das Thema des Gemäldes bezieht sich auf die Bacchanalien, ein im antiken Rom gefeiertes Fest zu Ehren des Bacchus, dem Gott des Weines und des Rausches.

650.000 Euro

Landesmuseum Hannover: Teuerster Kauf der Nachkriegszeit

Mit dem monumentalen Gemälde »Bacchanale« von Lovis Corinth konnte das Landesmuseum Hannover ein Hauptwerk aus den Münchner Jahren des deutschen Malers erwerben. Gleichzeitig schließt sich damit eine Lücke in einer der weltweit größten Sammlungen von Werken dieses deutschen Impressionisten.

Wie das Landesmuseum Hannover am 26. Januar 2018 mitteilte, konnte durch die Unterstützung der Ernst von Siemens Kunststiftung, der Kulturstiftung der Länder, der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, des Förderkreises der Landesgalerie, der Kunstfreunde Hannover und der RHH-Stiftung eines der bedeutendsten Werke des Künstlers erworben werden. Mit 650.000 Euro handelt es sich bei Corinths "Bacchanale" um die teuerste Neuerwerbung des Ausstellungshauses in der Nachkriegszeit.

Thema und Hintergrund des Werks "Bacchanale"

Im großformatigen Werk von 1896 verarbeitete Lovis Corinth (1858-1925) seine Erfahrungen mit dem von ihm verehrten Peter Paul Rubens und emanzipierte sich gleichzeitig von seiner akademischen Ausbildung. Es ist der Höhepunkt seiner Münchner Jahre, bevor er 1901 der Einladung von Max Liebermann zur Berliner Sezession folgte. Das Thema des Gemäldes bezieht sich auf die Bacchanalien, ein im antiken Rom gefeiertes Fest zu Ehren des Bacchus, dem Gott des Weines und des Rausches. Dabei ist es eine Allegorie im antiken Gewand, ein Sinnbild menschlicher Verhaltensweisen und Begierden – nur vordergründig ist die Szene in den Urzustand der Nacktheit im Gefolge einer Gottheit gerückt, hintergründig ist es als zeitgenössisches Sinnbild der Münchner Schickeria und Künstlerszene, als Zeugnis und Demonstration bürgerlicher Dekadenz zu verstehen. Der Gegenwartsbezug war so offensichtlich, dass die Münchner Secession eine Aufnahme des Bildes in die Jahresausstellung 1897 ablehnte.

Erst 1913 wurde das Bild dann erstmals auf der monografischen Berliner Secessions-Ausstellung öffentlich präsentiert. In den 1920er Jahren erwarb der in Berlin-Wilmersdorf lebende jüdische Unternehmer Alfred Michaelis Salomon (1878-1945) das Gemälde bei einer Münchner Galerie. Nach 1933 waren Alfred Salomon und seine Frau Martha der Verfolgung durch das nationalsozialistische Regime ausgesetzt. Im Jahr 1936 wurde die von Alfred Salomon 1910 gegründete Textilwarenfirma liquidiert und im gleichen Jahr war die Familie gezwungen, zur Vorbereitung ihrer Emigration ihren gesamten Besitz zu verkaufen.

Alfred und Martha Salomon emigrierten 1937 zusammen mit ihren Kindern Irmgard und Horst in die Niederlande, wo sie nach der Besetzung durch das Deutsche Reich inhaftiert und in verschiedene Konzentrationslager verschleppt wurden. Die Kinder Irmgard und Horst wurden nach Ausschwitz deportiert und 1942 ermordet. Alfred und Martha Salomon wurden 1944 nach Bergen-Belsen deportiert, wo Alfred Salomon am 1. Februar 1945 verstarb. Nur Martha Salomon überlebte. 1957 erwarb die Stadt Gelsenkirchen das Gemälde von einer Kölner Galerie. 2016 wurde es vom Kunstmuseum Gelsenkirchen an die rechtmäßigen Erben restituiert.

Mit dem Erwerb des Gemäldes kann das Landesmuseum Hannover eine Lücke in seiner bereits umfangreichen Corinth-Sammlung (119 Gemälde, Handzeichnungen und Druckgraphiken) schließen. Es ergänzt darüber hinaus die weltweit größte Sammlung an Werken von Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth, dem "Dreigestirns des Deutschen Impressionismus". Darüber hinaus ergibt sich für das Landesmuseum die Gelegenheit, anhand der Geschichte des Bildes auf das wichtige Thema der Provenienzforschung hinzuweisen.

Stimmen zum Ankauf

"Ich freue mich sehr, dass dieses bedeutende Gemälde von nun an dauerhaft in Hannover ausgestellt werden kann, und danke allen Beteiligten, die den Erwerb möglich gemacht haben. Corinths "Bacchanale" steht beispielhaft für viele Schicksale im Zusammenhang mit Enteignungen jüdischen Kunstbesitzes und führt damit die wichtige Bedeutung der Provenienzforschung in unserem Land vor Augen", sagt der Niedersächsische Minister für Wissenschaft und Kultur, Björn Thümler.

"Wir freuen uns, mit diesem Werk eine Lücke in unserem hervorragenden Bestand von Bildern Lovis Corinths schließen zu können. In der zukünftigen Präsentation werden wir aber auch an die dunkle Geschichte des Bildes erinnern und an die Verantwortung, die sich daraus für uns Deutsche ergibt", so Prof. Dr. Katja Lembke, Direktorin des Landesmuseums Hannover.

"Nach der Förderung mehrerer Ausstellungen zu Lovis Corinth beteiligt sich die Ernst von Siemens Kunststiftung nun an einem Ankauf eines Werks des Künstlers. Das "Bacchanale" trägt die Münchener Boheme des späten 19. Jahrhunderts nach Hannover und ergänzt den bereits hervorragenden Corinth-Bestand der Landesgalerie um ein Hauptwerk. Gerne gratuliere ich zu diesem Ankauf", freut sich Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung.

"Seit rund 30 Jahren unterstützt die Kulturstiftung der Länder Museen bei Erwerbungen bedeutender Kunstwerke. Mit Lovis Corinths "Bacchanale" von 1896 erweitert das Landesmuseum Hannover seine Sammlungsbestände um ein eindrucksvolles Werk aus der Münchner Schaffenszeit des Künstlers. Nicht nur die kunsthistorische Bedeutung des Gemäldes wird für seine künftige Vermittlung von Belang sein: Es erinnert darüber hinaus an die Sammlung des als Juden verfolgten Berliner Unternehmers Alfred Michaelis Salomon. Nach der Restitution an die Erben konnte das Bild nun vom Museum erworben werden", sagt Dr. Stephanie Tasch, Dezernentin der Kulturstiftung der Länder.

"Es ist ein schöner Erfolg, dass es mit unserer Unterstützung gelungen ist, dieses großartige Werk Lovis Corinths, einem der wichtigsten Vertreter des deutschen Impressionismus, für das Landesmuseum Hannover zu erwerben. Nicht nur ergänzt das Werk den bereits vorhandenen Corinth-Bestand hervorragend; der Ankauf dieses Werks ist auch für die deutsche Museumslandschaft wichtig, unterstreicht er doch noch einmal die Bedeutung der Provenienzforschung. Die Historie des Gemäldes selbst spiegelt einen Teil deutscher Geschichte. Sie zeigt einmal mehr, dass hinter jedem entzogenen, geraubten Kunstwerk das individuelle Schicksal eines Menschen steht: Dies anzuerkennen und die Öffentlichkeit darüber aufzuklären, sind wir den Opfern der nationalsozialistischen Terrorherrschaft und deren Nachfahren schuldig", sagt Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien.

"Die Erben von Alfred Michaelis Salomon und Martha Marie Salomon freuen sich sehr über den glücklichen Ausgang der Verhandlungen mit dem Landesmuseum Hannover und hoffen, dass kommende Generationen das bedeutende Gemälde "Bacchanale" in seinem neuen Zuhause bewundern können und gleichzeitig die Erinnerung an das Unrechtsregime der Nationalsozialisten wach halten," so Heinrich zu Hohenlohe, Repräsentant der Galerie Dickinson in Deutschland.

"Das Schicksal von Alfred Michaelis Salomon zeigt uns eindringlich die Unerbittlichkeit des Holocaust auf: ein angesehener Kaufmann aus Berlin, Offizier im Ersten Weltkrieg, der 1936 in kürzester Zeit seine gesamte bürgerliche Existenz und seinen Besitz verliert und den auch die Flucht in die Niederlande nicht vor der Deportation nach Bergen-Belsen und der Ermordung rettet", so Dr. Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten.