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Ausgrabungsfund

Wilkenburg: Römisches Marschlager bestätigt

Bei dem in Wilkenburg festgestellten Lager handelt es sich um das erste in Norddeutschland entdeckte und ergrabene römische Marschlager. Schon seit langem vermutet die archäologische Wissenschaft eine Reihe solche Lager, doch fällt ihr Nachweis extrem schwer, da die sehr kurzfristige Nutzung kaum Spuren hinterlassen hat.

Das Niedersächsische Landesamt für Denkmalpflege fasst die Entdeckung des römischen Marschlagers bei Wilkenburg wie folgt zusammen:

Entdeckung

Bereits bei einer systematischen Flugprospektion im Auftrag des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege hatte der bekannte Luftbildarchäologe Otto Braasch aus Landshut 1992 auf einer Ackerfläche bei Wilkenburg (Stadt Hemmingen, Region Hannover) südlich von Hannover und westlich Laatzen Grabenstrukturen erkannt, die sich in Form von Bewuchsmerkmalen an die Oberfläche abzeichneten. Obertägig waren keinerlei Spuren mehr vorhanden gewesen. Braasch vermerkte bei der Sendung seiner Bilder an die Denkmalinventarisation des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege als Ansprache "Römerkastell ?" und flog in den folgenden Jahren immer wieder darüber. Insgesamt fertigte er ca. 180 Aufnahmen in Dia und Schwarzweiß an. Archäologen des NLD fanden bei der Überprüfung der Luftbilder im Gelände ur- und frühgeschichtliche Scherben, konnten jedoch die fragliche Ansprache Römerzeit damals nicht verifizieren. Die Fläche mit den Luftbildbefunden wurde als Fundstelle unbekannter Zeitstellung in die archäologischen Karten eingetragen.

Bestätigung und Verdacht

Der ehrenamtliche Luftbildarchäologe Heinz-Dieter Freese hatte sich in den vergangenen Jahren viele als eventuell römisch eingestufte Fundstellen im Archiv des NLD  angesehen und mit seinen eigenen Luftbildern kombiniert. Luftbilder zeigen bei kontinuierlich über die Jahre hinweg durchgeführten Beobachtungen in Abhängigkeit von Bewuchs, Wetterbedingungen und Jahreszeit unterschiedliche Strukturen, die dann ein immer deutlicheres Gesamtbild ergeben. Nach der Entzerrung und Überlagerung der
vielen Luftbilder durch Dipl.-Ing. (FH) Andreas Niemuth M.A., Ref. Denkmalinventarisation des NLD, konnte nun ein Geviert von 500 bis 600 m Kantenlänge identifiziert werden, das nach Ausschluss sämtlicher denkbarer Alternativen am ehesten mit einem römischen Marschlager in Verbindung gebracht werden kann. Die drei erhaltenen Ecken sind abgerundet wie etwa bei Spielkarten. Typisch für römische Marschlager, die sehr kurzfristig angelegt wurden und häufig nur als Verteidigung eines Lagerplatzes für nur eine Nacht verwendet wurden, ist ihre Fundarmut. Gründe dafür sind die sehr kurze Nutzungszeit, die fehlende Verwendung von Tongefäßen, deren Scherben als chronologische Indizien dienen und die Jahrhunderte währende Beackerung.

Ausgrabungen

Ein sehr kurzes Zeitfenster im April 2015 zwischen Ernte und neuer Aussaat wurde vom Team des archäologischen Gebietsreferates Hannover des NLD unter Leitung von Friedrich-Wilhelm Wulf dazu genutzt, zwei Suchschnitte anzulegen, in denen sich der Graben im Planum von oben und im Anschnitt die typischen Spitzgrabenprofile römischer Bauart abzeichneten. Da das NLD mit dem Seminar für Alte Geschichte, "Archäologie der römischen Provinzen", der Universität Osnabrück in enger und vertraglich fixierter Kooperation mit dem Ziel der Einrichtung eines Studienganges "Museum und Denkmalpflege" steht, vereinbarten Prof. Salvatore Ortisi, der zugleich auch die wissenschaftliche Leitung des Kalkrieseprojektes innehat, und das NLD eine Testgrabung. Im Zuge der gemeinsam vom NLD und Universität Osnabrück im Oktober 2015 durchgeführten Grabungen wurden im nordwestlichen Areal zwei Grabungsschnitte angelegt. In der einen Fläche konnte die südwestliche Torsituation erfasst werden, der andere Schnitt galt der Klärung einer Abbiegung des Umfassungsgrabens. Es bestätigte sich auch hier die Bauweise der typisch römischen Wehrgräben mit V-förmigem Querschnitt. Gräben dieser Art laufen unten entweder spitz zu, was die Annäherung durch Feinde erschwert, oder sie haben einen rechteckigen Abschluss, der als Reinigungsgräbchen bezeichnet wird und oft präzise der Breite einer römischen Schaufel entspricht. Ihre Bauweise ist sehr gut bekannt und hinreichend belegt. Da beide Varianten nachgewiesen werden konnten, scheiden alle anderen denkbaren Interpretationsalternativen wie z.B. Landwehr, neolithisches Erdwerk, landwirtschaftliche Umhegung oder Lager der Napoleonzeit aus.
Die Ausdehnung des Lagers bzw. der Verlauf der Gräben wurde durch Prof. Dr. Joachim Härtling und Dipl. Geogr. Andreas Stele, Institut für Geographie, Lehrstuhl für Physische Geographie der Universität Osnabrück geophysikalisch prospektiert. Da der Untergrund für diese Art der präzisen Prospektion leider wenig geeignet ist, liegen hier interessante Hinweise, aber noch keine endgültigen Ergebnisse vor. Die diesbezüglichen Arbeiten werden fortgesetzt.

Flächenprospektion bringt die Datierung

Parallel zur Grabung und zur geophysikalischen Untersuchung wurde durch Mitarbeiter der NLD-Gebietsreferate Hannover und Braunschweig eine systematische Flächenprospektion des Lagerinnenbereichs mit dem Metalldetektor durchgeführt – mit Erfolg. Es fanden sich Bruchstücke bronzener Fibeln (Gewandschließen),
die in die Zeit kurz vor oder um Christi Geburt datiert werden können. Einige charakteristische Nägel können römischen Militärsandalen zugeordnet werden. Auch eine Pinzette zur Körperpflege lässt sich wohl als römisch ansprechen. Viele weitere, unspezifische Buntmetallfunde bedürfen noch einer weiteren Untersuchung. Entscheidend sind mehrere Kupfer-, Bronze- und Silbermünzen, die Anhaltspunkte für die historische Einordnung des Lagers liefern. Es zeigt sich überdeutlich, wie wichtig Detektorfunde als Mosaiksteinchen für die Landesarchäologie und Landesgeschichte sind. Daher ist die Suche mit Metallsonden in Niedersachsen nur geschulten Sondengängern mit Genehmigung durch die Untere Denkmalschutzbehörde erlaubt.
Die Kupfermünzen stellen das typische römische Soldatengeld dar; zwei sind halbiert, was zeittypisch ist, da diese kleinste römische Münzeinheit im Norden eine doppelt so hohe Kaufkraft hatte wie z.B. in Italien. Das in der römischen Kolonie Nimes in Südfrankreich geprägte Nemausus-As mit einem Krokodilkopf wurde im zweiten und ersten Jahrzehnt vor Christus geprägt. Es ist typisch für den sog. Oberaden-Horizont, also der ersten Phase der sog. Okkupationszeit, in welcher der Stiefsohn des Kaisers Augustus, Drusus bis zur Elbe vordrang. Diese Münzen fanden sich z.B. in dem Nachschublager in Hedemünden an der Werra und eben in Oberaden an der Lippe. Dazu passt ein Münzmeister-As, das nach der ersten Bestimmung durch den Numismatiker Dr. Frank Berger (Historisches Museum Frankfurt) unter C. Plotius Rufus 15 v. Chr. geprägt wurde.
Bemerkenswert ist eine stark korrodierte weitere Kupfermünze, die als Lugdunum-As identifiziert werden konnte. Diese Münzen sind kurz nach Christi Geburt in Lyon geprägt worden. Als jüngster datierender Fund weist sie das Lager damit in die Zeit unmittelbar nach Christi Geburt, in der die Römer ihre Präsenz in Germanien verstetigten, ein Prozess, der durch die Varusschlacht, die in Kalkriese bei Osnabrück lokalisiert werden kann, ein Ende fand. Des weiteren fand sich ein Republik-Denar und eine frühe imperatorische Prägung des Augustus sowie keltische Münzen, sog. Kleinerze. Nach dem jetzigen Erkenntnisstand ist davon auszugehen, dass das Lager zur sogenannten Okkupationszeit zwischen 12 v. Chr. und dem Varushorizont um 9 n. Chr. angelegt wurde. Es stellt den ersten sicheren Nachweis eines römischen
Marschlagers im Gebiet des heutigen Niedersachsens dar.

Zur Bedeutung

Bei dem in Wilkenburg festgestellten Lager handelt es sich um das erste in Norddeutschland entdeckte und ergrabene römische Marschlager. Schon seit langem vermutet die archäologische Wissenschaft eine Reihe solche Lager, doch fällt ihr Nachweis extrem schwer, da die sehr kurzfristige Nutzung kaum Spuren hinterlassen hat. Der Fundort bei Laatzen passt allerdings hervorragend in die Logik der römischen Strategie: Das Leinetal konnte seit der Entdeckung des Nachschublagers in Hedemünden (Ldkr. Göttingen) an der Werra im Jahr 2003 als Aufmarschlinie der Römer identifiziert werden. Zudem ist der Raum südlich von Hannover dicht germanisch besiedelt. Hier kreuzen sich wichtige Verkehrslinien. Mit der Entdeckung des Lagers von Wilkenburg bei Laatzen liegt erstmals ein konkreter Nachweis des römischen Militärs im zentralen Niedersachsen vor.