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Ausstellungen

Katinka Bock: Rauschen

In der Ausstellung, die noch bis zum 23. August in der Kestnergesellschaft zu sehen ist, erkundet die Künstlerin Übergänge und Grenzbereiche von materiellen, historischen, sozialen und politischen Räumen.

Rückkehr der Kupferplatten des Anzeiger-Hochhauses

Neben elf Skulpturen und Installationen aus natürlichen Materialen wie Keramik, Bronze oder Holz, greift sie mit dem zentralen Werk der Ausstellung, der monumentalen gleichnamigen Skulptur, den historischen Ort des angrenzenden Anzeiger-Hochhauses auf und formt daraus einen neuen skulpturalen Raum: Die Außenhaut der amorphen, neun Meter großen Skulptur "Rauschen" (2019) besteht aus den originalen Kupferplatten, die von 1928 bis 2019 die Kuppel des Wahrzeichens von Hannover bedeckten. Die Zeitung wird zum Hauptmotiv der Ausstellung, in dem die Künstlerin auch das Anzeiger-Hochhaus und die Zeitung selbst zum Ausstellungsraum macht. Die Schau, die im Herbst vergangenen Jahres im renommierten Ausstellungshaus Lafayette Anticipations in Paris zu sehen war, kehrt damit zurück an ihren Ursprungsort.

Die Parameter Zeitlichkeit und Raum prägen die künstlerische Praxis von Katinka Bock: "Der interessanteste Teil eines Raumes ist sein Rand, seine Grenze zu einem anderen Raum." Mit diesen Worten beschreibt die Künstlerin ihren Arbeitsprozess, in dem sie häufig Außen- und Innenraum miteinander verbindet und die Trennung von Ausstellungsort und Produktionsstätte aufhebt. Ihre Skulpturen und Installationen können den Eindruck von Flüchtigkeit erwecken oder wie ein die Zeiten überdauerndes Denkmal wirken.

Künstlerischer Ansatz

Die Form der Skulptur "Rauschen" ist das Ergebnis einer Technik, die Katinka Bock immer wieder anwendet: Sie wickelt Objekte in Keramikplatten ein, die dann im Ofen gebrannt werden. Das Objekt verbrennt, so dass ein Hohlraum entsteht, dessen Volumen nur durch die Keramik sichtbar bleibt. "Rauschen" ist die Vergrößerung einer auf dieser Art entstandenen Skulptur. Die historischen Kupferplatten legen sich wie eine Haut um einen Körper, der nicht mehr existiert und bilden einen neuen Raum. Aufgrund ihrer enormen Größe ist die Skulptur für die Betrachter nie im Ganzen zu erfassen, so dass sie aus verschiedenen Blickwinkeln unterschiedliche Assoziationen hervorrufen kann. Im Zusammenspiel mit ihrem Titel mag der hohle Körper der Skulptur beispielweise wie das Gehäuse einer Meeresschnecke aussehen, in der man, im Gegensatz zur kindlichen Vorstellung, nicht das Meer, sondern nur sich selber rauschen hören kann. "Rauschen" kann auch als Verweis auf die Herkunft des Materials gelesen werden: das mediale Rauschen von rastlosen Nachrichten, das uns alltäglich umgibt und das Geräusch der Offset-Druckermaschinen, die niemals stillstehen. Auch die Zeitung selbst fungiert wie eine Membran, die uns einerseits mit der Welt verbindet und andererseits von ihr abschirmt.

Ein Merkmal von Katinka Bocks Arbeitsweise ist die Auseinandersetzung mit dem Ausstellungsort, den sie in diesem Fall auf den ehemaligen Konferenzraum im Anzeiger-Hochhaus erweitert. Dort wird die Skulptur "Gisant" (2019) präsentiert, die einen abwesenden Körper durch Schichtung von Keramikplatten um einen Hohlraum sichtbar macht. Auf dem Boden ausgestreckt liegend erinnert die Skulptur an ein ruhendes Wesen oder an die verletzlichen Körper in Städten, die sich im Schlaf mit Zeitungsblättern bedecken. Im Gegenzug wird der Konferenztisch, der eigentlich an dieser Stelle steht, in der Kestner Gesellschaft präsentiert. Der Tisch von 1929, an dem traditionell die Redaktionskonferenzen stattfanden, wird hier von Kakteen aus Bronze genutzt.

Über das Anzeiger-Hochhaus

Das Hochhaus, das als Verlagsgebäude für die Zeitung Hannoverscher Anzeiger entstand, gilt als Wahrzeichen der Stadt Hannover. In kurzer Zeit errichtete der Architekt Fritz Höger (1927-1928) das aufsehenerregende, 51 Meter hohe Gebäude, das unter anderem die Druckerei und Redaktion der Zeitung beherbergte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden hier die Nachrichtenmagazine Der Spiegel (1947) und Stern (1948) gegründet. Im Zuge der Restaurierung 2018/2019 wurde die Kuppel des Verlagsgebäudes entkleidet und das historische Material der Künstlerin übergeben, die den originalen Zustand erhielt, so dass die Spuren der Vergangenheit darauf deutlich zu sehen sind. Der über die Jahre entstandene Grünspan hat die Platten, je nach Lage auf der Kuppel, von Dunkelgrün über Türkis bis nahezu weiß gefärbt, die Vogelkrallen haben unregelmäßige Rillen im Kupfer hinterlassen und auch der Krieg ist nicht spurlos vorbeigegangen. Stellenweise sind Ausbesserungen zu erkennen, die sich wie ein Pflaster auf eine Wunde legen.

Über die Künstlerin

Katinka Bock wurde 2019 für den renommierten Prix Marcel Duchamp nominiert. Ihre Arbeiten werden in zahlreichen internationalen und nationalen Institutionen ausgestellt, darunter: Kunstmuseum Winterthur (2018), Lehmbruck Museum, Duisburg (2018), Museo El Eco, Mexico City (2016), Henry Art Gallery Seattle (2014), MAMCO, Genf (2013), Centre Pompidou, Paris (2012), Kunstmuseum Stuttgart (2010).
Das Ausstellungsprojekt wird in Kooperation mit der Stiftung Lafayette Anticipations, Paris realisiert.

Termin(e): 07.05.2020 bis 23.08.2020
freitags  samstags  sonntags 
von 11:00 bis 18:00 Uhr
07.05.2020 bis 23.08.2020
donnerstags 
von 11:00 bis 20:00 Uhr
Ort

Kestnergesellschaft

  • Goseriede 11
  • 30159 Hannover
Preise:
Eintritt 7,00 Euro
ermäßigt 5,00 Euro
Freitag frei

Die Öffnung des Ausstellungshauses erfolgt unter strenger Einhaltung der Handlungsrichtlinien der Bundesregierung. Die Öffnungszeiten werden zunächst angepasst und auf Donnerstag von 11 bis 20 Uhr, Freitag bis Sonntag von 11 bis 18 Uhr begrenzt.