Kunstverein Hannover

Yuri Ancarani

Vom Fußballstadion in Mailand bis zum Alltag junger Scheiche aus Katar: Der italienische Künstler Yuri Ancarani thematisiert in seinen Filmen patriarchalische Strukturen. Die Entzauberung männlicher Privilegien zieht sich wie ein roter Faden durch seine Werke, von denen vom 4. November bis zum 8. Januar 2023 mehrere im Kunstverein Hannover zu sehen sind.

 

Auf dem Bild ist eine Szene aus dem Film "The Challenge" zu sehen, in dem es um den Alltag junger Scheiche aus Katar geht.

Es handelt sich um die erste institutionelle Übersichtsschau von Ancaranis Werken in Deutschland - dieser bezeichnet sich selbst als "filmemachenden Künstler" und nicht als Filmemacher, da sein künstlerisches Selbstverständnis eine Auseinandersetzung mit dem filmischen Medium vorsieht, die die traditionellen Filmkonventionen sprengt. Für seine Ausstellung im Kunstverein präsentiert Ancarani bis zu acht Filme.

Dokumentation verborgener Felder unserer Gesellschaft

Seine Werke dokumentieren blinde, verborgene Felder unserer Gesellschaft, die in ihren anachronistischen, patriarchalischen Strukturen Erinnerungen an längst vergangene Tage wecken. Da sind zum Beispiel die weltberühmten Marmorsteinbrüche im italienischen Carrara, da ist das im Volksmund als "San Siro" bezeichnete Stadion in Mailand oder der überbordende Reichtum in Katar: Immer setzt Ancarani den einzelnen Menschen in den Dialog mit seinem mechanisierten Umfeld, sodass filmische Feldstudien entstehen, die ein faszinierendes Porträt des Menschseins, insbesondere des Patriarchats, schaffen.

Zahlreiche Filmpreise

Ancaranis Filme gehen in ihrer Beobachtung und experimentellen Inszenierung weit über das Format einer traditionellen Dokumentation hinaus. Typische Stilmittel wie Kamerabewegungen werden vom Künstler bewusst sehr sparsam eingesetzt. Eher fokussiert Ancarani auf konkrete Motive, die als bewegte Einzelbilder poetischen Kompositionen gleichen und eine skulpturale Qualität entwickeln. Für seine Arbeiten hat der in Ravenna geborene Künstler zahlreiche Filmpreise erhalten, so unter anderem den Jury-Preis
des Filmfestivals von Locarno – und das, obwohl seine Filme nicht als klassische Dokumentarfilme gedacht sind. Die künstlerische Qualität seiner Arbeiten zeigt sich in einer filmischen Inszenierung der genannten blinden Felder, die wie unter einem Brennglas von der Kamera eingefangen und für die Zuschauer sichtbar gemacht werden.

Immenser zeitlicher Aufwand

Der zeitliche Aufwand dieser Vorgehensweise ist immens: Bei einem seiner bekanntesten Werke "Il Capo" (2010) betrugen die Dreharbeiten beinahe drei Jahre. In dieser Zeit hat der Künstler sich nicht nur Zugang zu einer archaischen, von Männern dominierten Welt verschafft – dem Marmorabbau in Carrara –, sondern akribisch Bildmaterial von der tagtäglichen Arbeit und ihren Akteuren gesammelt. Der Protagonist des Films ist der titelgebende "Chef" (Capo), der gleich einem Dirigenten aufwendige Choreografien von Baggern und Arbeitern aufführen lässt. In ruhigen Schuss-Gegenschuss-Einstellungen setzt Ancarani die atemberaubende, teils gleißende Marmorlandschaft mit dem einzelnen Menschen in Verbindung, der sich mittels seiner monströsen "Prothesen"(Bagger) in dieser surrealen Umgebung behauptet.

Ausufernde Dekadenz unserer Gesellschaft

In Ancaranis bislang längstem Film "The Challenge" (2016) steht die ausufernde Dekadenz unserer Gesellschaft im Fokus, die sich in reichen arabischen Staaten herauskristallisiert. In dem knapp 70-minütigen Film porträtiert der Künstler den Alltag junger Scheiche aus Katar, die sich zwischen westlichem Materialismus und traditionellen arabischen Gesellschaftsnormen bewegen. Während die dominante gesellschaftliche Stellung des Mannes nicht hinterfragt wird, sind Frauen nahezu unsichtbar im öffentlichen Leben des Emirates. Ancarani begleitet mit seiner Filmkamera die jungen Männer beim alltäglichen Zeitvertreib, der den eigenen Luxus offensiv zur Schau stellt: Neben vergoldeten Motorrädern, Luxusautos und Privat-Jets sind es insbesondere der Erwerb und das Sammeln von Prestige-Objekten wie Falken oder anderen exotischen Tieren. Diesen titelgebenden Wettbewerb (challenge) verfolgt Ancarani kommentarlos mit seiner Kamera und gibt den Betrachtern so die Möglichkeit, eigene Haltung zu entwickeln.

Einlassregeln und Kartenkauf

Aktuelle Informationen zu Kartenkauf, Einlassregelungen und Änderungen finden Sie auf der Homepage des Kunstvereins.

Termine

04.11.2022 bis 08.01.2023 ab 12:00 bis 19:00 Uhr
dienstags mittwochs donnerstags freitags samstags

04.11.2022 bis 08.01.2023 ab 11:00 bis 19:00 Uhr
sonntags

Ort

Kunstverein Hannover
Sophienstraße 2
30159 Hannover