Sprengel Museum

Franz Burkhardt

In der Einblickshalle des Sprengel Museums präsentiert Franz Burkhardt vom 18. August bis 17. November eine installative Arbeit mit Zeichnungen anlässlich des Erscheinens des 76. Bandes der Reihe „Kunst der Gegenwart aus Niedersachsen“.

Franz Burkhardt:Sparmenü, 2020.Bleistift und Letraset auf Papier,30 x 23 cm,Privatbesitz.

Für das Sprengel Museum Hannover hat Franz Burkhardt unter dem Titel "Atelier à vendre" (Atelier zu verkaufen) in der großen Einblickshalle des Museums ein kleines Gebäude mit Flachdach entworfen, das auch von außen betrachtet werden kann. Durch die grüne Stahltür in der heruntergekommenen Backsteinfassade tritt man ein in einen scheinbar schon in die Jahre gekommenen Arbeitsraum mit schmuddeligen Wänden unter Neonbeleuchtung, ausgestattet mit zerkratzter und fleckiger Möblierung, einem alten Waschbecken und vergilbtem Heizungsradiator. Der Arbeitstisch scheint erst vor kurzem verlassen worden zu sein, eine Zettelwirtschaft aus Texten, Bildern und Papieren an der Wand darüber dient wohl der künstlerischen Inspiration. Was sich nebenan in dem angebauten größerem Raum mit dem geschlossenen Tor verbirgt, bleibt ein Geheimnis: Er ist nicht begehbar. Ist es ein Lagerraum oder der eigentliche Atelierraum? Für welche Art von Kunst? Bei Franz Burkhardts installativen Arbeiten bleiben immer offene Fragen. Seine Interieurs, Wände oder Gebäude sind immer täuschend echt der Wirklichkeit in Originalgröße nachgebildet. Erst bei ganz genauem Hinsehen bemerkt man, dass sie aus Sperrholz und Pappe, Styropor und Trockenbauelementen gefertigt sind, farblich durchgestaltet wie eine polychrome Skulptur. Denn alles ist totaler Fake und potemkinsche Kulisse.
Franz Burkhardt arbeitet nicht nur als Bildhauer und Installationskünstler, sondern zuallererst als Zeichner. Zunächst waren seine aufwendig gebauten Versatzteile von Fassaden reine Präsentationsfläche und Kontext für seine humorvollen und satirischen Zeichnungen. Den meist kleinformatigen, figurativen Bleistiftzeichnungen sieht man auch seine Zusatzausbildung als naturwissenschaftlicher Illustrator an. Äußerst exakt ist z. B. in der Zeichnung von 2019 mit dem Titel "SMS" die beringte Brieftaube auf ihrem kleinen Holzpodest mit Bleistift gearbeitet, dezent ergänzt durch Höhungen von Aquarell, Gouache und Wasserfarben. Ebenso wie seine schmuddeligen Räume wirken auch seine Zeichnungen von weiblichen Akten in lasziven Posen, Alltagsgegenständen und Tieren durch die vergilbte Patina der Klebestreifenreste und Flecken auf dem gelblichen Papier als seien sie seit Jahrzehnten gealtert. Seine trivialen Bildmotive nimmt Burkhardt aus altem Bildmaterial, Flohmarktfunden, 50er-Jahre-Pin-ups oder der genauen Beobachtung seiner alltäglichen Umgebung.

Überraschende Wendungen erhalten die banalen Zeichnungen durch den als Unterschrift oder Sprechblase zugefügten Text im Bild. Z. B. ist unter die Brieftaube mit altmodischer Schreibmaschine getippt: "I wanted to be a hippie but I forgot how to love!" (Ich wollte ein Hippie sein, aber habe vergessen, wie man liebt!). Wie bei dem Internetphänomen des Meme wird einem vorgefundenen Bild durch den Text eine neue Interpretationsebene beigegeben. Eine weitere Irritation verursacht Franz Burkhardt mit dem Bildtitel, der die Assoziationen des Betrachters oftmals in eine dritte Richtung lenkt. Die Herkunft der Sprüche, Texte und Banalitäten ist ebenfalls unklar. Sind sie erfunden, sind es Zitate?

Erstmals thematisiert Franz Burkhardt mit "Atelier à vendre" eine (seine?) Künstlerexistenz in einer Installation. Ist es eine Nachbildung seines eigenen Ateliers? Warum wird es zum Verkauf angeboten – aufgeben, umziehen, verbessern? Die inszenierte Arbeitssituation eines Künstlers als Sinnbild für gelebtes Leben erinnert in Hannover natürlich sofort an Kurt Schwitters‘ zerstörten "Merzbau", ebenfalls ein aus Fundmaterialien konstruierter Atelier- und Präsentationsraum, der bis heute Inspiration für zahlreiche Künstler ist. Nicht zu Unrecht nennt Guido Magnaguagno, einer der Autoren der neuen Publikation zu Franz Burkhardt, seine Installationen in Anlehnung an Schwitters "Franzbauten".

Termine

18.08.2021 bis 17.11.2021 ab 10:00 bis 18:00 Uhr
mittwochs donnerstags freitags samstags sonntags

18.08.2021 bis 17.11.2021 ab 10:00 bis 20:00 Uhr
dienstags

Ort

Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz 1
30169 Hannover