Bühnen

Die verlorene Ehre der Katharina Blum

Mit seiner Erzählung von 1974 griff Heinrich Böll die Macht der Medien an. Regisseur Stefan Pucher bringt die Thematik ins Schauspielhaus.

Caroline Junghans und Miriam Maertens

Was hat ein Mensch zu verlieren, der durch den zufälligen Kontakt mit einem Terroristen ins Visier der Ermittler*innen und der Medien gerät? Die Unschuldsvermutung – weil gezielte Indiskretionen und öffentliche Hetzkampagnen drohen? Seine Privatsphäre – weil alles, auch das Intimste, ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt wird, je intimer und dreckiger, desto besser? Oder seine "Ehre" – wie Heinrich Böll in seiner Erzählung über die bis dahin unauffällige Haushälterin Katharina Blum titelt, die nach einer Nacht mit einem radikalen Rechtsbrecher in die Räderwerke der Sensationspresse gerät?

Eine frühe Medienkritik von Heinrich Böll

Selbst Opfer einer BILD-Zeitungskampagne aufgrund eines angeblich mit der RAF sympathisierenden Artikels wusste Böll, wovon er schrieb, als er einige Jahrzehnte vor der Erfindung von Shitstorm und Cybermobbing die Macht der Medien angriff. Mehr jedoch als die "Gegensensation", dass die gedemütigte Katharina Blum zur Waffe greift und ihren journalistischen Hauptpeiniger erschießt, interessierte Böll die grundsätzliche Frage: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann – so auch der Untertitel seines Werks. Und damit lieferte er die Vorlage für eine fundamentale Medienkritik: die Frage nach medialer Gewalt.

Regisseur Stefan Pucher verbindet in seiner heutig politischen Sicht auf den Moralisten Böll auch die Frage nach den verlorenen Werten der alten Bundesrepublik.

Über den Regisseur

Stefan Pucher wurde 1965 in Gießen geboren. Bekannt wurde er durch einen Auftritt auf der X. documenta in Kassel im Jahr 1997, wo er gemeinsam mit der Performancegruppe Gob Squad die Performance "15 Minutes to Comply" zeigte. Ende der 90er inszenierte Pucher an der Berliner Volksbühne bei Frank Castorf und am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Von 2000 bis 2004 war er Hausregisseur am Schauspielhaus Zürich, seitdem arbeitet er an verschiedenen Häusern als Regisseur, unter anderem am Schauspielhaus Zürich, an der Volksbühne Berlin und am Deutschen Theater Berlin.

Termine

29.01.2022 ab 19:30 bis 21:05 Uhr

Ort

Schauspielhaus
Prinzenstraße 9
30159 Hannover