HANNOVER.DE | Das offizielle Portal der Region und der Landeshauptstadt Hannover

Veranstaltungen

Dezember 2018
12.2018
M D M D F S S
26 27 28 29 30 1 2
3 4 5 6 7 8 9
10 11 12 13 14 15 16
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30
31 1 2 3 4 5 6
Heute | Wochenende | kostenlos | Suche

Zahlen und Fakten

Mehr als 45.000 Studierende lernen derzeit an Hannovers Hochschulen.

Zuletzt aktualisiert:

HMTMH

Durchschnitt ist beliebt

Eine Studie der Hochschule für Musik, Theater und Medien belegt, dass die Durchschnittsversion eines Musikstückes gegenüber individuellen Interpretationen bevorzugt wird.

Eine kürzlich veröffentlichte Studie von Dr. Anna Wolf aus der Arbeitsgruppe um Professor Reinhard Kopiez von der Hochschule für Musik, Theater und Medien (HMTMH) zeigt, dass bei der Bewertung der musikalischen Qualität eine auf Grundlage von zehn Individual-Interpretationen von Robert Schumanns Klavierstück "Träumerei" erstellte Durchschnittsversion am besten bewertet wird. Dieses Ergebnis gilt kulturell übergreifend für deutsche und taiwanesische Hörerinnen und Hörer.

Beispiel: Schumanns Klavierstück Träumerei

Aus der Forschung zur Attraktivität von Gesichtern ist bereits seit den 1990er Jahren bekannt, dass mittels Computer gemittelte Gesichter gegenüber Individualgesichtern als attraktiver bewertet werden. Der amerikanische Musikpsychologe Bruno Repp übertrug 1997 diesen Ansatz auf die Kunst der musikalischen Interpretation und veröffentlichte eine Studie, in der Hörer zehn Individualinterpretationen von Schumanns Klavierstück Träumerei (aus den "Kinderszenen" op. 15) im Vergleich zu einer computertechnisch gemittelten elften Version ästhetisch beurteilten. Die Durchschnittsversion wurde als genauso gut wie die beste Individualinterpretation bewertet. Repp erklärte diesen Effekt mit der Minimal-Distance-Hypothese: Die gemittelte Version zeichnet sich demnach durch die geringste Entfernung von unserer Idealvorstellung einer Realisation aus und wird deshalb bevorzugt. Die besten Eigenschaften der Individualversionen vereinigen sich, während die negativen Merkmale nivelliert werden. Vor dem Hintergrund der sogenannten "Replikationskrise" der Psychologie bleibt jedoch die Frage, ob dies ein stabiles und möglicherweise sogar kulturübergreifend gültiges Ergebnis ist.

Online-Replikationsstudie

In einer Online-Replikationsstudie und unter Verwendung der originalen MIDI-Dateien von Repp beurteilten 205 Hörer (davon 84 aus Deutschland und 121 aus Taiwan) mit einer Vorliebe für klassische Musik und durchschnittlich 8,4 Jahren Instrumentalunterricht im randomisierten Blindtest vier Aufnahmen von Schumanns Träumerei (drei ausgewählte Individual-Interpretationen und eine technisch gemittelte Durchschnittsversion) im Hinblick auf Merkmale wie musikalischer Ausdruck, Tempo, Dynamik oder Gesamtqualität auf einer mehrstufigen Skala.

Durchschnittsversion vor Individual-Interpretationen

In der statistischen Analyse setzte sich noch deutlicher als bei Repp die Durchschnittsversion gegenüber allen Individual-Interpretationen durch (mittlere bis große Effektgröße). Das Urteilsverhalten taiwanesischer Hörer unterschied sich dabei nicht bedeutsam von den deutschen Versuchsteilnehmern.

Vorstellungen einer idealtypischen Realisation

Das Forschungsteam schlussfolgert, dass die Kunst der musikalischen Interpretation keine Tätigkeit mit unbegrenzter Freiheit ist, sondern gerade beim Standardrepertoire durch lange Aufführungstraditionen vermutlich Vorstellungen einer idealtypischen Realisation gebildet werden. Die musikalische Aufführungspraxis ist seit dem Ende des 19. Jahrhunderts eine Interpretationskultur: Ein begrenztes Repertoire wird in Konzerten immer wieder neu interpretiert; die künstlerische Individualität ist ein wesentliches Ziel der Ausbildung von Musikern. Angenehme prototypische Durchschnittsversion und individuelle, interessante Version stehen einander gegenüber. Diese beiden gegensätzlichen Kräfte halten die klassische Musikkultur bis heute lebendig und Individualisten wie der kanadische Pianist Glenn Gould werden auch in Zukunft ihren Platz in der Musikkultur finden.

(Veröffentlicht am 18. September 2018)