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Der Störenfried

HAZ-Meldung: Am 17. Juni 2009 stand das Verhältnis von Geist und Macht im Mittelpunkt einer Diskussion im Neuen Rathaus.

Gut, dass gleich zu Beginn der Veranstaltung ein intellektuell anspruchsvoller Maßstab gesetzt wurde. Der Berliner Politikwissenschaftler Herfried Münkler führte im Neuen Rathaus präzise und systematisch in das Thema des Diskussionsabends ein, beleuchtete in knappen gedanklichen Skizzen das Verhältnis von Geist und Macht – jenes uralte Menschheitsthema, das besonders in deutschen Debatten eine prominente Rolle gespielt hat.

Niveau einer Polittalkshow

Nach diesem "Impulsreferat" geriet die Veranstaltung, zu der die Stadt Hannover und die Stiftung Niedersachsen in ihrer Reihe "Wissenschaft im Rathaus" eingeladen hatten, gelegentlich in Gefahr, auf das Niveau einer Polittalkshow zu rutschen. Immerhin gelang es dem Quartett auf dem Podium – neben Münkler der ehemalige Regierungschef und jetzige Kommunikationschef des AWD, Béla Anda, die Chefredakteurin der "tageszeitung" (taz), Bascha Mika, und der zukünftige Intendant des Schauspiels Hnnover, Lars-Ole Walburg – immer wieder, an das eigentliche Thema zu erinnern. Moderatorin Ulrike Heckmann lenkte das Gespräch zuweilen auf Abwege und in Sackgassen. Von der fixen Idee beherrscht, den Begriff "intellektuell" mit "geistreich" zu übersetzen, brachte sie die anwesenden Intellektuellen mit Fragen wie "Sind Sie ein geistreicher Mensch?" in Verlegenheit.

Pseudokritische Medienrituale

So zeigte denn in manchen Momenten auch diese Veranstaltung, warum das Niveau der politischen Auseinandersetzung hierzulande so kläglich ist – und wie groß der Anteil der gängigen, pseudokritischen Medienrituale und -mätzchen an diesem Zustand ist. So ließ sich die sonst eher keck und klug argumentierende Mika zu dem nicht minder pseudokritischen Talkshowsatz "Die Politiker aller Parteien brauchen mehr Hirn" hinreißen – das ist hierzulande das, was für bierzelterprobte Alleinunterhalter "der Brüller" oder "der sichere Lacher" ist. Kein Geist? Macht nichts.

Kein billiges Politikerbashing

Münkler, der seinen bildungsgesättigten Akademikersound mit Selbstironie und sarkastischen Spitzen geschmeidig hielt, legte die rhetorische Messlatte dann immer wieder ein gutes Stück höher. Seine Bemerkung, dass das intelektuelle Niveau in den Bundestagsdebatten früherer Jahrzehnte wesentlicher höher war als heute, leitete nicht billiges Politikerbashing ein, sondern die Erläuterung von Zwängen einer Mediendemokratie: Wirkung und die Aufmerksamkeit des Publikums sichern sich Politiker, ob sie wollen oder nicht, mit plakativen, tagesschaukompatiblen Statements oder gelungenen Performances in der Talkshow.

Dilemma der Machthaber

Der Politologe zeigt Verständnis für die Lage von Politikern: Während Intellektuelle und Wissenschaftler viel Zeit für ihre Überlegungen hätten, müssten Politiker immer schnell und unter mancherlei Zwängen entscheiden. Walburg charakterisiert den Geist als "widerspenstig" (er ist "ein Störenfried", meint Münkler), während die Politik auf Zustimmung hin angelegt sei. Mehr als jedes Gejammer über "die" Politik bringen solche Überlegungen über die unterschiedlichen Aufgaben und Funktionsweisen. So kann das Theater, gerade weil es ein "langsames" Medium ist, die Politik und ihre Mechanismen mithilfe eines literarischen Verfremdungseffekts genau aufzeigen. Shakespeare etwa ist für Walburg der Spezialist für Machtmissbrauch, und an dem antiken Drama Antigone lasse sich am Beispiel des Herrschers Kreon auch das Dilemma aufzeigen, in dem sich Machthaber zuweilen befinden.

Geist kann Politik nicht ersetzen

Der Geist beobachtet die Macht aus unterschiedlichen Perspektiven, steht ihr mal ferner, mal näher. Aber er kann Politik nicht ersetzen. Da die Ergebnisse der Wissenschaftler nie ganz eindeutig sind, lässt sich, meint Münkler, Wissenschaft nie in Politik überführen und damit die Demokratie auch nicht durch Technokratie ersetzen. Geist darf die Politik auch gar nicht ersetzen wollen, vor allem, wenn er mit prophetischem Anspruch antritt. Er verweist auf die iranischen Mullahs, die ihren (von Gott inspirierten) Willen über das Volk setzen. Der Geist, meint Münkler, ist auf den zweiten Platz verwiesen. "Und das ist gut so."

Von Karl-Ludwig Baader, HAZ-Meldung