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Leibniz-Broschüre

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Grabstätte in einem Raum. An der Wand eine Steinplatte, auf der "OSSA LEIBNITII" steht. Davor liegt auf zwei Treppenstufen ein Kranz, links daneben steht eine Vase mit Blumen. Links hinten ist ein Durchgang erkennbar, links vorne eine weitere, beschriftete Steinplatte an einer Wand. In der rechten Wand ist ein rundes Fenster eingelassen, daneben hängt ein Gemälde. © LHH

Leibniz' Grab in der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis im hannoverschen Stadtteil Calenberger Neustadt. (Foto: China Hopson)

Leibniz’ letzte Ruhestätte hat eine bewegte Vergangenheit

Leibniz-Grab

Das Grab des Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz befindet sich in der evangelisch-lutherischen Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis im hannoverschen Stadtteil Calenberger Neustadt.

Gottfried Wilhelm Leibniz litt in seinen letzten Lebensjahren immer stärker unter Gicht und Nierenkoliken und verstarb am späten Abend des 14. November 1716 im Alter von 70 Jahren in Hannover. Sein Leichnam wurde zunächst nur provisorisch in seinem Haus in der nahe zur Altstadt gelegenen Schmiedestraße 10 in einem Holzsarg beigesetzt, während sein Sekretär Johann Georg von Eckhart die eigentliche Beerdigung vorbereitete. Weil das Grab im Boden der Neustädter Hof- und Stadtkirche St. Johannis erst ausgehoben und gemauert werden musste, fand die offizielle Beisetzung auf den Tag genau einen Monat nach dem Tod von Leibniz am 14. Dezember 1716 statt.  

Die einsame Beerdigung eines Genies

Der Trauergottesdienst zum Tode des großen hannoverschen Philosophen und letzten Universalgelehrten seiner Zeit muss eine wahrhaft traurige Zeremonie gewesen sein: "Zu dieser Feier waren auch alle Hofbeamten geladen worden, von denen jedoch niemand erschien", so dokumentiert es die Broschüre "Leibniz und Hannover – dem Universalgenie auf der Spur" des Historischen Seminars der Leibniz Universität Hannover. In ihren Informationen zur letzten Ruhestätte von Leibniz erklärt die Hof- und Stadtkirche St. Johannis die möglichen Hintergründe für diesen verweigerten Beistand: "Da Leibniz keine Familie in Hannover, sondern nur entfernte Verwandte bei Leipzig hatte, soll Eckart der einzige persönliche Vertraute gewesen sein, der ihm das letzte Geleit gab. In Hannover war Leibniz nach dem Tod seiner Gönnerin Sophie Charlotte im Jahr 1705 als 'Zugereister' nur noch wenig wohlgelitten, niemand fühlte sich für den vielseitigen Wissenschaftler und Philosophen verantwortlich, sodass sein Grab zunächst keine Beschriftung erhielt."  Leibniz selbst hatte sich zu Lebzeiten bereits für die Inschrift OSSA LEIBNITII (die Gebeine von Leibniz) entschieden, sie wurde jedoch erst um 1790 angebracht. Heute erinnern diese 13 Lettern auf einer schlichten Grabplatte in einer Seitennische des Altarraumes der Hof- und Stadtkirche St. Johannis an die letzte Ruhestätte von Gottfried Wilhelm Leibniz.

Liegt Leibniz tatsächlich dort begraben?

Nach der Beisetzung der sterblichen Überreste des genialen Gelehrten geriet sein über viele Jahrzehnte unbeschriftetes Grab einfach in Vergessenheit. Grund dafür war u. a. auch der Verlust des Kirchenbuches. Erst bei den Um- und Ausbauarbeiten für die Kirche im Jahre 1902 wurde die Gruft wiederentdeckt. Dabei ließ man auch das Leibniz-Grab öffnen und die Gebeine wissenschaftlich untersuchen.  Vom Schädel und anderen Teilen des angeblichen und auffallend großen Leibniz-Skelettes (von Zeitgenossen wurde Leibniz als eher mittelgroß beschrieben) wurden Gipsabdrücke angefertigt, die Knochenreste konnte der Berliner Pathologe Prof. Wilhelm Krause nach Prüfung der leibnizschen Krankheitsgeschichte damals eindeutig dem Gelehrten zuordnen: "Nun fragt es sich aber, wie gesagt, sind das wirklich Leibnizens Gebeine? Offenbar kann man bei den unsicheren geschichtlichen Angaben, die wir nur besitzen, sich zur Feststellung der Identität des ausgegrabenen Skelets nur an anatomische Merkmale halten. Es soll deshalb gleich hier bemerkt werden, daß an der Identität des Skelets kein Zweifel bestehen kann. Das Skelet war das eines alten Mannes, dem die oberen Vorderzähne fehlten, mit langem Untergesicht, Anchylose des Phalangengelenkes [Gelenksteife des Zehengelenks] der rechten großen Zehe und einer Knochengeschwulst am unteren Ende der linken Tibia [Schienbein]." (Auszug aus: W. Krause: Ossa Leibnitii. Aus dem Anhang zu den Abhandlungen der Königl. Preuss. Akademie der Wissenschaften zu Berlin vom Jahre 1902, p.4, Berlin 1902). Daraufhin wurden die als echt attestierten Gebeine von Leibniz erneut bestattet in einer Kupferkassette mit Glasplatte und der Inschrift:

Ossa Leibnitii
Eröffnung der Gruft
bei Wiederherstellung
der Kirche
4. Juli 1902

Wiederholtes Umbetten

Doch Zweifel bleiben weiterhin bestehen. Nach Erkenntnissen der Hof- und Stadtkirche St. Johannis belegt ein Protokoll der "Anstalt für Germanische Volks- und Rassenkunde in der Gauhauptstadt Hannover", dass die Nationalsozialisten das Leibniz-Grab im Zeitraum zwischen Ende 1943 und Anfang 1944 erneut geöffnet und die Gebeine vor möglichen Bombenangriffen in Sicherheit gebracht haben: "Abermals fertigte man, so man dem Dokument trauen kann, mehrere Gipskopien des Schädels an und verteilte diese an hohe Funktionäre, um die Möglichkeit zu wahren, Leibniz als Ahnherrn der eigenen Denkweise zu reklamieren. Die Ossa Leibnitii hatten nun eine Weile Ruhe, bis sie 1957 im Rahmen der Arbeiten zum Wiederaufbau und der Neueröffnung der Kirche wiederum umgebettet wurden. Es war dieser Akt, bei dem wohl einer der beteiligten Arbeiter eine Bierflasche in der Gruft vergaß, die das kuriose Fundstück der bisher letzten Öffnung im Jahr 1992 darstellte."  Im Zuge weiterer Umbauarbeiten in der Neustädter Kirche war damals nach einem Hochwasser der Leine auch Feuchtigkeit in den Kupfersarg eingedrungen. Die darin aufgefundenen Gebeine wurden getrocknet, wiederum in einen kleinen Kupfersarg umgebettet und schließlich an der Südseite vor den Altarraum in einen Sandsteinsarkophag eingelassen. Eine große Grabplatte dahinter verweist noch heute auf die vermeintlich dort ewiglich ruhenden OSSA LEIBNITII.

Leibniz war erwiesenermaßen bereits zu Lebzeiten seiner Zeit im Denken und Handeln weit voraus. Er könnte womöglich schon eine gewisse Vorahnung vom Verlauf dieser ereignisreichen Beisetzungs-Geschichte gehabt haben. Immerhin war er der Überzeugung: "Keine Kraft geht in der Welt verloren, und nicht bloß die Seelen der Menschen sind unsterblich, sondern auch alle ihre Handlungen. Sie leben fort in ihren Wirkungen."