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Neu genutzte Industrie-Anlagen

Sprengel-Gelände

Nichts deutet heute mehr darauf hin, dass auf dem ehemaligen Fabrikgelände in der Nordstadt einmal Schokolade hergestellt wurde. 

Bis 1980 produzierte der einst königliche Hoflieferant Sprengel in Hannover die weltbekannte süße 100 Gramm-Tafel mit dem Bienenkorb als Markenzeichen. Danach geriet das verlassene Sprengel-Gelände durch gewalttätige Hausbesetzungen und Krawalle bundesweit in die Schlagzeilen. Mittlerweile ist es deutlich ruhiger geworden um das linksalternative Viertel an der Schaufelder Straße.

"Die echte Sprengel", "Kaffee-Kola" und ein Museum

Die Geschichte mit der Schokolade in Hannover beginnt eigentlich in Harburg bei Hamburg: Dort gründet Carl August Bernhard Sprengel 1851 seine Firma B. Sprengel & Co; zwei Jahre später siedelt er mit seinem Unternehmen nach Hannover um und beliefert schon bald darauf auch den Königshof an der Leine mit seiner Schokolade in Form von 100 Gramm-Tafeln, Pralinen und anderen süßen Sachen. "Die echte Sprengel" in Vollmilch, Zartbitter, Edel Nougat und anderen Geschmacksrichtungen war viele Jahrzehnte ebenso in aller Munde wie die mit Orangen- oder Zitronensirup gefüllten Erfrischungsstäbchen und die "Kaffee-Kola" in der roten, runden Blechdose. Als Hersteller dieser koffeinhaltigen und stark aufmunternden Schokolade wurde Sprengel 1936 als ein für die Wehrwirtschaft wichtiger Betrieb eingestuft, im Zweiten Weltkrieg gehörte die so genannte "Fliegerschokolade" auch zum Proviant der Luftwaffe der Wehrmacht.

In den Wirtschaftswunderjahren nach Kriegsende wird Sprengel zum Marktführer, 1967 beteiligt sich der US-amerikanische Lebensmittelkonzern "Nabisco" am Süßwarenhersteller aus Hannover, der 1979 vom Kölner Schokoladenkonkurrenten Stollwerck aufgekauft wird. Im Jahr darauf wird die Fabrik in der Nordstadt geschlossen, 2001 folgt das Werk im hannoverschen Stadtteil Vinnhorst. Die Marke und Schokolade von Sprengel gibt es noch heute, seit 1986 gehört das Traditionsunternehmen aus Hannover zur jetzt in Norderstedt ansässigen Stollwerck-Gruppe. Der Name Sprengel hingegen ist in der niedersächsischen Landeshauptstadt so gegenwärtig und lebendig wie eh und je: nach dem Verkauf seiner Firma 1979 hat der leidenschaftliche Kunstsammler Bernhard Sprengel "seiner" Stadt das "Sprengel Museum" für die internationale Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts gestiftet, das mittlerweile Weltruf genießt.

Chaostage und Friedensjahre in Hannovers Nordstadt

Nach dem Verkauf 1980 standen die Gebäude auf dem still gelegten Sprengel-Gelände lange leer und sollten schließlich abgerissen werden, um Platz zu schaffen für neue Häuser in Zeiten von massivem Wohnraummangel. Diesen Plan durchkreuzten Hausbesetzer, die unter dem Motto "Wohnen und Arbeiten in alten Fabrikanlagen" bereits in das Haus der alten Kofferfabrik gegenüber (heute "Werkhof") einzogen waren. „Das 16.000 Quadratmeter große Gelände war zu diesem Zeitpunkt total heruntergekommen, die Gebäude marode, die Fensterscheiben eingeworfen. Die Besetzer richteten in Eigeninitiative alles so weit wieder her, dass sie dort leben konnten. Nach kurzer Zeit waren sie auf 50 Bewohner angewachsen und richteten nicht nur das Wohnhaus, sondern auch Ateliers, Werkstätten und Kneipen ein. [...] Künstler und Studenten schafften eine sehr kreative Stimmung auf dem Gelände’ [...]. Selbst Pferd und Esel hätten dort gelebt und auch ein Hühnerhof war geplant.“ Quelle: http://www.kulturzentrum-faust.de/projekte/aktuelle-projekte/archiv-zur-demokratiegeschichte/sprengel-fuer-alle.html.

Die scheinbare Großstadt-Idylle in der Industriebrache war geprägt durch jahrelangen Streit mit den Behörden und fand vorläufig ein rabiates Ende mit den Chaostagen vom 4. bis 6. August 1995 in der Nordstadt, in deren Verlauf es zu Straßenschlachten zwischen mehreren Tausend Punks und Jugendlichen nicht nur aus Hannover und Polizisten sowie Bundesgrenzschutzbeamten aus zehn Bundesländern kam. Mittlerweile ist es ruhig und friedlich geworden rund um das einst so umkämpfte Sprengel-Gelände: "Heute leben etwa 50 Menschen auf dem Sprengelgelände, zwei Drittel davon Frauen. 90 Prozent der Bewohner sind berufstätig oder in Ausbildung. Von politischem Ausnahmezustand ist nicht mehr viel zu spüren, von linksalternativem Wohnprojekt hingegen schon. Sprengel hat eine gut funktionierende eigene Infrastruktur, von der Metallwerkstatt über die Sturmglocke, einer alternativen Kneipe/ Treffpunkt, bis hin zum Kino im Sprengel, das mit seinem Programm nicht nur Menschen aus der Nordstadt begeistert." Quelle: http://www.kulturzentrum-faust.de/projekte/aktuelle-projekte/archiv-zur-demokratiegeschichte/sprengel-fuer-alle.html.