Erinnerungsort

Pelikanplatz

Der Pelikanplatz steht heute zugleich für den Wandel eines früheren Fabrikstandorts zu einem lebendigen Stadtquartier und für die kritische Erinnerung an Zwangsarbeit und unternehmerische Verantwortung in der Zeit des Nationalsozialismus.

Einfahrt zum Pelikanplatz mit städtischer Informationstafel

Der Pelikanplatz im Stadtteil List erinnert an die Geschichte der Günther Wagner Pelikan-Werke, eines der bekanntesten hannoverschen Unternehmen. Die Firma hatte ihre Wurzeln in einer 1832/38 gegründeten Farbenfabrik und verlegte ihren Hauptsitz 1905/06 an die Podbielskistraße. Dort entstanden Verwaltungs- und Fabrikgebäude, in denen unter anderem Farben, Tinten, Tuschen, Klebstoffe und Schreibgeräte produziert wurden. Das Unternehmen entwickelte sich zu einem international bekannten Industriebetrieb und prägte die Entwicklung der List wesentlich mit.

Nach der Aufgabe des Fabrikgeländes durch die Pelikan AG im Jahr 1989 und dem Verkauf 1991 entstand ab den 1990er-Jahren das heutige Pelikanviertel. Denkmalgeschützte Gebäude wurden saniert und umgenutzt, ehemalige Produktionsflächen neu bebaut. Heute wird das frühere Fabrikareal vielfältig genutzt: mit Wohnungen, Büros, Dienstleistungsunternehmen, Gewerbe und Hotelnutzung. Der 2003 angelegte Pelikanplatz bildet das Zentrum des Quartiers und dient als öffentlicher Stadtraum, Aufenthaltsort und Zugang zu den umgenutzten historischen Gebäuden.

Zwangsarbeit und Verantwortung in der NS-Zeit

Zur Geschichte des Ortes gehört auch die Zeit des Nationalsozialismus. Während des Zweiten Weltkriegs waren sowohl das Chemiewerk an der Podbielskistraße als auch die Günther Wagner Verpackungswerke an der Hansastraße „kriegswichtig“. Mehr als 2.000 Menschen, vor allem aus Polen und der Sowjetunion, mussten an den Standorten Podbielskistraße und Hansastraße Zwangsarbeit leisten. Auf beiden Werksgeländen bestanden außerdem sogenannte „Arbeitserziehungslager“, die der Gestapo unterstanden. Dort waren Häftlinge Gewalt, schwerer körperlicher Arbeit, Hunger und Misshandlungen ausgesetzt.

Fritz Beindorff senior, der die Firma seit dem späten 19. Jahrhundert entscheidend geprägt hatte, blieb nach 1933 als „Seniorchef“ in der Verantwortung für das Gesamtunternehmen. Die Günther Wagner Werke profitierten von Zwangsarbeit und vom Erwerb eines Grundstücks an der Hansastraße, das zuvor dem jüdischen Industriellen Sally Wolf gehört hatte und im Zusammenhang mit der nationalsozialistischen „Arisierung“ entzogen worden war.

Ein wissenschaftlicher Beirat der Landeshauptstadt Hannover empfahl 2015 wegen Beindorffs Beteiligung am nationalsozialistischen Unrechtssystem die Umbenennung der Fritz-Beindorff-Allee. Der Stadtbezirksrat Vahrenwald-List entschied sich 2019 jedoch gegen eine Umbenennung.

Auf Initiative des Stadtbezirksrats wurde stattdessen im Juni 2026 am Pelikanplatz eine städtische Informationstafel aufgestellt. Sie informiert über die Industriegeschichte des Ortes, die Entstehung des Pelikanviertels sowie über Zwangsarbeit, Arbeitserziehungslager und die Verantwortung der Unternehmensleitung in der NS-Zeit. Damit ist der Pelikanplatz heute nicht nur ein lebendiger Ort im modernen Stadtquartier, sondern auch ein Ort der kritischen Erinnerung an Verfolgung, Ausbeutung und unternehmerische Verantwortung.

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