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Programm 2020

Das Eigene im Anderen – das Andere im Eigenen

Fast ein Jahr war die Städtische Galerie KUBUS aus Brandschutzgründen geschlossen. Nun ist eine Bautreppe als temporärer Fluchtweg installiert und das  Programm startet mit einer Gruppenausstellung zum Thema eines transkulturell aufgefassten Kulturbegriffs. "Das Eigene im Anderen – das Andere im Eigenen" mit Rolf Bier, Matthew Cowan, Christian Dootz, Inka Nowoitnick

Die Ausstellung geht von der These aus, dass Kulturen immer transkulturell konstituiert sind, dass jede Kultur das Ergebnis eines interkulturellen Austauschs darstellt und jeder nationalstaatlich argumentierende Kulturbegriff im Grunde ein Konstrukt darstellt. 

Die beteiligten Künstler*innen zeigen mit ihrer Ausstellung, wie wir auf vermeintlich "andere" Kulturen schauen, was diesen Blick prägt, und wie man sich Dinge – bewusst oder unbewusst – aneignet.

Vorgestellt werden vier künstlerische Positionen, die in unterschiedlicher Weise mit Inhalten, Motiven und Bildauffassungen vermeintlich "anderer" Kulturen arbeiten und dabei mitunter das vermeintlich "Eigene" als etwas "Anderes" auffassen und umgekehrt das "Andere" als etwas "Eigenes" entdecken.

Inka Nowoitnick stellt die Frage: Wie weit ist der Weg vom christlich geprägten Tafelbild zum Ornament? Wo sind Übergänge? So transformiert sie das Ritual der christlichen Kerzenspende zu einer zeitgenössischen "Wunschmaschine", die in Einkaufszentren, Bibliotheken oder Museen steht, und nun auch im KUBUS. In einer "Heimlichen Übernahme" eignet sich die Künstlerin die Idee der Wunscherfüllung an und macht daraus ein soziologisches Experiment. Zu beobachten ist zum Beispiel, dass Menschen nicht nur die elektrischen Kerzen via Knopfdruck zum Leuchten bringen, sondern dass sie mitunter auch Gegenstände als Gaben dalassen, die wiederum von anderen mitgenommen oder getauscht werden.

Auch den in den Sonnenuntergang reitenden "Lonesome Cowboy" – Inbegriff des unabhängigen, weißen, amerikanischen, männlichen Entdeckergeistes – eignet sich Inka Nowoitnick an und setzt sich selbst an seine Stelle. Die Inszenierung gleicht einem christlichen Tafelbild. Nach einer jahrelangen intensiven Auseinandersetzung mit dem Modell des christlichen Tafelbilds wie unter anderem die Serie der "Anbetungen" zeigt, befasst Inka Nowoitnick sich –  inspiriert durch längere Aufenthalte in Kairo – nun seit einiger Zeit mit dem Ornament. In ihren neuen Arbeiten werden ihre selbst geschöpften Ikonen nochmals gewendet, indem die Motive in immer gleichen Wiederholungen zum Ornament werden.

Rolf Bier erforscht in seinen Installationen und Intervention die skulpturalen Qualitäten und Möglichkeiten alltäglicher Materialien. So formen Holzreste, die eine dem Produktionsprozess geschuldete, ornamentale Wiederholung mitbringen, den Grundriss eines "Riad" nach, einer Haus- und Hofform die typischerweise im muslimisch geprägten Norden Afrikas zu finden ist. Eine blaugraue, rhythmische Wandmalerei erinnert an Wolken oder Wellen und bildet zugleich einen Fries für den Raum. Bei Rolf Bier ist jede Setzung immer auch eine Reflektion über das Medium selbst und über die Frage von Wirklichkeit und Bildwirklichkeit.

Der Posterstapel, dessen Blätter die Worte "Ceci n`est pas l`Afrique" tragen, rekurriert auf den generellen Zweifel an der Möglichkeit von Abbildung und geht zurück auf eben jenen Zweifel in der berühmten Arbeit "Der Verrat der Bilder" von René Magritte, die eine Pfeife mit dem Text "Ceci ne pas une pipe" zeigt. Je nachdem aus welcher ethnischen, gesellschaftlichen oder individuellen Perspektive heraus der Satz "Ceci n`est pas l`Afrique" gesprochen wird, und wo er gezeigt wird, hat er eine vollkommen unterschiedliche Bedeutung.

Innerhalb des thematischen Kontextes der Ausstellung spielt er darauf an, dass das Bild von Afrika nicht deckungsgleich mit der Wirklichkeit ist. Afrika ist vor allem eine Konstruktion im Kopf, ein Klischee, das die vielfältigen Nationen, Sprachen und kulturellen Qualitäten dieses großen Kontinents nicht ansatzweise fassen kann. Etwas das als etwas "Anderes" wahrgenommen wird, und das doch durch die Geschichte des Kolonialismus vielfach und vor allem in Form von Gewaltausübung eng mit der "eigenen" Kultur interagiert hat und auch heute interagiert.

Die zu einem Stillleben arrangierten Objekte der Arbeit "Silk Road Remains and other Stories" besteht aus diversen Gegenständen aus dem Haus von Lore Bier (1926 -2019), die alle Länder der Seidenstraße systematisch bereist und von dort die unterschiedlichsten Dinge mitgebracht hat: Vielerlei Stoffe, Souvenirs und Kunsthandwerk, deren Herkunft sich kaum zuordnen lässt. Das Sammeln von Dingen auf Reisen ist eine der Ursprungshandlungen zur Aneignung von Welt und vermeintlich "anderer" Kulturen. Auch die ethnographischen Sammlungen großer Museen, die eng mit der problematischen Geschichte des Kolonialismus verbunden sind, gehen auf diese Idee zurück.

Für Matthew Cowan ist die Erforschung von Ritualen und Bräuchen "anderer" Kulturen zentraler Bestandteil seines Werks. Ob Peitschenknaller in Rumänien, das Spiel auf traditionelle Birkenrinden-Instrumenten in Finnland, mythologische Figuren wie Butterdiebe, Narren, behaarte Wesen und andere Wilde Männer und Frauen, im Karneval oder zu anderen Ritualen und Umzügen – Matthew Cowan untersucht kulturelle Äußerungen, Rituale und Traditionen überall auf der Welt mit den Strategien der künstlerischen Aneignung, Transformation und Fälschung und erfindet eigene performativ einsetzbare Objekte. Diese stellt er häufig historischen Objekten gegenüber, die er vor Ort findet. In diesem Fall hat die Leihgaben dazu das Historische Museum Hannover zur Verfügung gestellt.

Kuratiert von Inka Nowoitnick und Anne Prenzler.

Beitrag bei NDR Kultur: Samstag, 16.5.2020

Weitere Termine und Informationen

Im Rahmen der Ausstellung sind ein Vortrag und ein Künstler*innengespräch mit Prof. Monica Juneja geplant: Zeitpunkt und Form der öffentlichen Präsentation des Vortrags und des Künstler*innengespräch werden rechtzeitig bekannt gegeben.
Das KUBUS OPEN ART LAB findet derzeit online statt.

Weitere Informationen

Nina.Aeberhard@Hannover-Stadt.de

Weitere Infos zum KUBUS ART LAB / Führungen für Schulklassen: kubus.artlab@posteo.de

Wir hoffen in Kürze wieder mit den SonnTALKs, Gespräche über Kunst jeweils sonntags 16 Uhr, starten können.

Termin(e): 15.05.2020 bis 19.07.2020
dienstags  mittwochs  donnerstags  freitags  samstags  sonntags 
von 11:00 bis 18:00 Uhr
Ort

Städtische Galerie KUBUS

  • Theodor-Lessing-Platz 2
  • 30159 Hannover