Vorschau kestnergesellschaft

Vier Ausstellungen und eine Direktorin

Pipilotti Rist: "Mercy Garden Retour Skin", 2014, Audiovideo-Installation. Ansicht: Biennale of Sydney, Foto: James Horan. Courtesy die Künstlerin und Hauser & Wirth.

Ab Mai setzt die neue Direktorin Christina Végh eigene Akzente in der kestnergesellschaft, vier Kunstschauen sind bis Ende September jedoch schon geplant.

Dominik Sittig: Die anwesenden Eltern

Dominik Sittig, Ohne Titel, 2014, Acryl und Textil auf Leinwand, 100 x 90 cm. Courtesy: Galerie Nagel Draxler, Berlin/Köln, Foto: Simon Vogel.

Ob in Texten oder Bildern, im Vortrag oder in Ausstellungen wie kommende vom 6. März bis 25. Mai in der kestnergesellschaft: Im Zentrum von Dominik Sittigs (*1975 in Nürnberg) Praxis steht das Missverhältnis zwischen der künstlerischen Absicht und dem, was am Werk sichtbar oder ablesbar wird. Seine Gemälde, die Schicht um Schicht aufgebaut sind, entstehen in einem langwierigen Prozess ständigen Behauptens und Verwerfens. Bis zum Letzten reizt er überkommene Formen aus und fragt nach Möglichkeiten des ästhetischen Ausdrucks – nicht distanziert und prüfend, sondern emphatisch, sich identifizierend.

FORT

Die Künstlerinnengruppe FORT bewegt sich wie ein Seismograf durch die gegenwärtige Alltagswelt und spürt dabei aktuellen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Ereignissen und Entwicklungen nach. Die kestnergesellschaft präsentiert vom 28. März bis 25.Mai die raumgreifende Installation "Leck" (2012), die erstmalig im institutionellen Rahmen gezeigt wird.

Installationsansicht "Leck" von FORT, 2012, Galerie Crone Berlin. Foto: Marcus Schneider

Mit "Leck" transferieren die Künstlerinnen das vollständige Interieur einer ehemaligen Filiale der Drogeriekette Schlecker in den Ausstellungsraum. Durch diese Verpflanzung an einen unüblichen Ort evozieren sie eine neue Sichtweise auf die typische Schleckermarkt-Ästhetik, indem sie das unheimliche Moment der ausgeweideten Regale und Gänge ins Blickfeld rücken und so die dahinterstehende wirtschaftliche Problematik eines insolvent gegangenen deutschen Unternehmens thematisieren. Darüber hinaus entwickelt FORT eigens für die kestnergesellschaft eine neue Rauminstallation, in der sie reale Zustände mit einer konstruierten Welt aus Zeichen und Andeutungen vernetzen.

Nan Goldin

Nan Goldin (*1953 in Washington, D.C.) nimmt eine zentrale Position in der zeitgenössischen Fotografie ein. Häufig erzählen die Aufnahmen von ihren persönlichen Beziehungen und ihrem Freundeskreis. In Form eines visuellen Tagebuchs beschreibt Goldin nicht nur intime Momente, sondern verweist zugleich auf soziale Zustände und Entwicklungen in der Gesellschaft.

Nan Goldin, The Look, 2014. Chromogendruck, 61 x 167 cm

Die Ausstellung in der kestnergesellschaft vom 19. Juni bis 27. September spannt einen weiten Bogen von ganz frühen Arbeiten, die in den frühen 1980er Jahren entstanden sind bis zur neuesten Werkreihe "Scopohilia", die erstmalig in Deutschland präsentiert wird. "Scopophilia" umfasst Fotografien von Meisterwerken im Louvre in Paris. Diese setzt sie in Bezug zu sehr persönlichen Aufnahmen von Freunden und ihrer Familie.

Pipilotti Rist

Pipilotti Rist (*1962 in Grabs, Schweiz) gehört zu den Pionierinnen der zeitgenössischen Videokunst. Mit ihren Videoinstallation schafft sie überwältigende, sinnliche Erlebnisräume. Wahrnehmungsgrenzen scheinen darin aufgehoben, Farben wirken leuchtender, die Gegenstände präsenter. Die Zeit erscheint ausgedehnt oder gerafft, und der Raum dynamisiert. Landschaften, Organisches oder Körper werden aktiv visuell erkundet und bekommen eine geradezu haptische Qualität. Rist wird das Erdgeschoss  vom 19. Juni bis 27. September mit neuen Videoarbeiten bespielen.

Neue Direktorin, neues Programm

Ab 1. Mai wird Christina Végh neue Direktorin der kestnergesellschaft. Die 1970 in Zürich geborene Kunsthistorikerin wurde aus einem starken Bewerberfeld ausgewählt und wird als elfte Direktorin und erste Frau in diesem Amt die Leitung der Kestnergesellschaft übernehmen. Das folgende Ausstellungsprogramm wird im Sommer bekanntgegeben.

Christina Végh leitet seit 2004 als Direktorin den Bonner Kunstverein, der sich unter ihrer Führung zu einem der erfolgreichsten und angesehensten Kunstvereine in Deutschland entwickelt hat. Ihre kuratorische Arbeit zeichnet sich durch generationenübergreifende, experimentelle wie inter-disziplinäre Ansätze aus, die das Entstehen von Kunst sowie das Format der Ausstellung befragen und zugleich aktuelle gesellschaftliche Themen verhandeln. Von 2008 bis 2014 war sie im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Kunstvereine (AdKV) kulturpolitisch tätig. Für die erfolgreiche Programmatik und Neuausrichtung der Institution, verbunden mit Fundraising und baulicher Sanierung, wurde Végh 2010 von der schweizerischen Kunstkommission des Eidgenössischen Bundesamts für Kultur mit dem Preis für Kunst- und Architekturvermittlung ausgezeichnet. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Kinder. Véghs kuratorische Laufbahn begann 2000 an der Kunsthalle Basel, wo sie mit Peter Pakesch und Adam Szymczyk arbeitete. 2003 erhielt sie ein Kuratorenstipendium bei ISCP (International Studio & Curatorial Program, New York).

(Veröffentlicht am 23. Januar 2015)